Google Nachtsicht ausprobiert: So fotografiert ihr fast im Dunkeln

Google Nachtsicht macht selbst dann helle Fotos, wenn fast kein Licht da ist. Mit teils berauschenden Ergebnissen, wie sich bei uns im Test zeigt. Völlig im Dunkeln kann man aber auch damit nicht fotografieren.

Google Nachtsicht heißt eine Funktion für die Smartphone-Kamera, die Fotos taghell macht, auch wenn fast kein Licht da ist. Bislang für Google-Smartphones reserviert, könnte die Funktion langfristig einen Durchbruch in der Smartphone-Fotografie bedeuten. Wir haben die Nachtsicht an einem Google Pixel 2 getestet und die Bilder mit denen eines iPhone XS Max verglichen.

Google Nachtsicht im Bildvergleich

Und lassen wir doch direkt Bilder sprechen. Wie schlägt sich die Nachtsicht im Vergleich zu normalen Aufnahmen mit dem Google Pixel 2 und dem Smart HDR des Apple iPhone XS Max? Zunächst ein einfaches Nachtmotiv in der beleuchteten Fußgängerzone:

Google Pixel 2 mit Nachtsicht

Google Pixel 2 mit Nachtsicht

Das Pixel 2 im Automatikmodus ohne Nachtsicht

Das Pixel 2 im Automatikmodus ohne Nachtsicht

Vergleichsbild mit dem iPhone XS Max

Vergleichsbild mit dem iPhone XS Max

Die Bilder mit der Nachtsicht sind dabei heller und haben mehr Schärfe. Auch im folgenden Bild ist das Bild mit der Nachtsicht am hellsten und auch am detailliertesten:

Straßenszene bei Nacht mit dem Nachtmodus im Pixel 2

Straßenszene bei Nacht mit dem Nachtmodus im Pixel 2

Das gleiche Motiv mit dem Pixel 2 ohne Nachtmodus

Das gleiche Motiv mit dem Pixel 2 ohne Nachtmodus

Und hier mit dem iPhone XS Max

Und hier mit dem iPhone XS Max

Die Bilder zeigen zwar, dass Google Nachtsicht in beleuchteten Straßenschluchten bei Nacht noch etwas mehr Licht herausholt, dass der Unterschied so groß aber auch wieder nicht ist. Deswegen wollte ich einmal schauen, wie es bei deutlich schlechteren Lichtverhältnissen aussieht. Und der folgende Bildvergleich erstaunt wirklich:

Wohnzimmerbild aufgenommen gegen Sonnenuntergang mit Nachtsicht am Pixel 2

Wohnzimmerbild aufgenommen gegen Sonnenuntergang mit Nachtsicht am Pixel 2

Das gleiche Motiv ohne Nachtsicht am Pixel 2

Das gleiche Motiv ohne Nachtsicht am Pixel 2

Vergleichsbild mit dem iPhone XS Max

Vergleichsbild mit dem iPhone XS Max

So wirkt die Aufnahme mit dem Nachtmodus taghell. Dabei fiel nur noch schemenhaft Tageslicht ins Zimmer. In „Realität“ sah es für mein Auge eher so aus wie auf den beiden Vergleichsbildern. Der Nachtmodus trumpft also bei gerade noch vorhandener Lichtmenge so richtig auf. Abzüge in der B-Note gibt es trotzdem: Die Oberkante meines Fernsehers wirkt verwackelt. Weil das übrige Bild aber nicht verwischt ist, hat sich hier wohl offenbar nur die künstliche Intelligenz verrechnet.

Die folgende Aufnahme ist dafür eine Enttäuschung:

Wohnzimmerlampe bei Abenddämmerung (Nachtsichtmodus am Pixel 2)

Wohnzimmerlampe bei Abenddämmerung (Nachtsichtmodus am Pixel 2)

Das Vergleichsbild im Automatikmodus des Pixel 2

Das Vergleichsbild im Automatikmodus des Pixel 2

Hier hat Google Nachtsicht das Bild zwar hell gerechnet, das allerdings nur auf Kosten eines massiven Rauschens. Auch Kontraste gingen dabei sämtlich verloren. So ist hinter dem Fenster vom Sonnenuntergang praktisch nichts mehr zu erkennen.

Nach dem Erfolg des ersten Wohnzimmerbildes wollte ich trotzdem einmal in die Vollen gehen. Ein paar Stunden später nahm ich in meiner Wohnung Bilder bei völliger Dunkelheit auf. Das einzige Licht war das von Straßenlaternen, Häuserbeleuchtungen und Leuchtreklamen, das indirekt durch die Fenster fiel.

Küchenfoto bei Dunkelheit mit Google Nachtsicht auf dem Pixel 2

Küchenfoto bei Dunkelheit mit Google Nachtsicht auf dem Pixel 2

Ohne Nachtsicht auf dem Pixel 2

Ohne Nachtsicht auf dem Pixel 2

Mit dem iPhone XS Max

Mit dem iPhone XS Max

Wo kein Licht, da kann also selbst die Nachtsicht keins hinzaubern. Beeindruckend ist dennoch, dass Googles kluger Modus hier tatsächlich noch Kondensstreifen am Himmel erkennt.

Die letzte Aufnahme von meinem Wohnzimmer bei Nacht lässt gerade mal noch ein wenig Licht hinterm Fernster und auf der Couch erkennen. Immerhin: die weiße Front meiner Wohnzimmerkommode ist zu erkennen. Die leuchtenden Punkte, die ihr seht, sind die Standby-Anzeigen einiger technischer Geräte wie Drucker, Fernseher, Fire TV und Magsafe-Anschluss. Der violette Punkt allerdings wird vom Laserfokus des Pixel 2 erzeugt und vom Fernseher reflektiert.

Wohnzimmerbild bei Dunkelheit mit Google Nachtsicht auf dem Pixel 2

Wohnzimmerbild bei Dunkelheit mit Google Nachtsicht auf dem Pixel 2

Das gleiche auf dem Pixel 2 ohne Nachtsicht

Das gleiche auf dem Pixel 2 ohne Nachtsicht

Und auf dem iPhone XS Max

Und auf dem iPhone XS Max

Um die Bilder hier darzustellen, habe ich sie jeweils auf eine Breite von 1200px verkleinert und die Qualität beim Exportieren leicht verringert, was allerdings nicht zu Lasten der Helligkeit geht. Bilder vom iPhone XS Max habe ich zusätzlich von HEIC auf JPG konvertiert.

Für welche Gelegenheiten empfiehlt sich Google Nachtsicht?

Wie der Bildvergleich zeigt, eignet sich Google Nachtsicht am besten bei schlechten, nicht bei unmöglichen Lichtverhältnissen. Ein bisschen Licht muss da sein; bei völliger Dunkelheit können auch Googles clevere Algorithmen nichts mehr machen.

Auch bei Abendszenerien in der Stadt, in denen eigentlich genug künstliches Licht vorherrscht, spricht nichts dagegen, aus den Aufnahmen mit Nachtsicht noch etwas mehr Licht herauszuholen. Gerade hier aber muss Apples Smart HDR sich nicht verstecken und auch die Automatik vom Google Pixel 2 schafft gut ausgeleuchtete Bilder. Die weiter verbesserte Kamera im Pixel 3 (das zum Zeitpunkt unseres Tests in Deutschland noch nicht verfügbar war) soll noch etwas mehr Licht herausholen.

Warum Smartphones mit großen Displays gewonnen haben

Leider fehlt uns aktuell ein Vergleich mit dem Huawei P20 Pro oder dem Mate 20 Pro, den wir aber nachreichen wollen. Huawei verwendet in beiden Geräten einen Nachtmodus, der ganz ähnlich arbeitet wie Google Nachtsicht.

Wie funktioniert Google Nachtsicht?

Google Nachtsicht ist eine Zusatzfunktion, die für Kameras an Googles eigenen Pixel-Smartphones zur Verfügung steht. Nachtsicht nimmt in einem Intervall von 1 bis mehreren Sekunden 6 bis 15 Einzelbilder auf und setzt diese wieder zusammen. Bereits vor der Aufnahme erkennen die Sensoren des Smartphones, wie sehr es bewegt wird. Der Algorithmus passt die Länge der Verschlusszeit dieser Bewegung an. So werden Einzelfotos mit mindestens 66 Millisekunden aufgenommen, wenn möglich aber länger, maximal mit 1 Sekunde.

Künstliche Intelligenz optimiert bei der Nachtsicht die Lichtfarbe. Bild: Google

Künstliche Intelligenz optimiert bei der Nachtsicht die Lichtfarbe. Bild: Google

Die Prozessoren der Pixel-Smartphones setzen diese Bildreihe in wenigen Augenblicken zusammen und errechnen daraus ein Einzelbild. Tone Mapping passt außerdem die Lichttemperatur auf natürliche Werte an. Zusätzlich kommt die in Pixel 2 und 3 verfügbare optische Bildstabilisierung zur Hilfe, im Pixel 3 außerdem eine Funktion namens SuperRes-Zoom, ferner optischer Fluss. Deswegen soll Nachtsicht im Pixel 3 noch besser funktionieren als beim Pixel 2, dessen Bilder wir hier verwendet haben.

Nachtsicht wiederum setzt auf Googles HDR+ auf, einer Technik, die von einem Motiv mehrere Aufnahmen macht und diese zusammensetzt. Weniger statisch allerdings, sondern mit künstlicher Intelligenz, die Objekte und Farbwerte erkennt und außerdem die Verschlusszeit den Gegebenheiten anpasst. In der Praxis macht ihr übrigens bessere Bilder damit, wenn ihr die Kamera möglichst ruhig haltet.

Für welche Smartphones gibt es Google Nachtsicht?

Bisher gibt es Google Nachtsicht nur für Googles eigene Smartphones, Pixel (XL), Pixel 2 (XL) und das neue Pixel 3 (XL). Um in den Genuss der Funkion zu kommen, muss auf den Geräten mindestens Android 7.1.1 installiert sein. Die standardmäßig auf Pixel-Geräten verwendete Kamera-App Google Kamera muss auf dem neuesten Stand sein (Version 6.1).

In der Kamera-App geht ihr im Wahlmenü auf „mehr“ und dort auf „Nachtsicht. Bei schlechten Lichtverhältnissen bietet die Kamera aber auch im Standardmodus die Option „Nachtsicht testen“ an, mit der ihr die Funktion einschaltet:

Den Nachtmodus testen

Den Nachtmodus testen

Ihr könnt Night View aber natürlich auch tagsüber verwenden. Dann soll der Modus laut Google bessere Kontraste erzeugen, wenn zum Beispiel bei hellem Sonnenlicht die Schatten nicht einfach schwarz werden, sondern sich darin noch Details erkennen lassen.

Alternativen zu Google Nachtsicht

Theoretisch könnte eine Funktion wie Google Nachtsicht auch über eine App gelöst werden, die HDR-Fotos mit verschiedenen Verschlusszeiten aufnimmt, die sie den Bewegungen anpasst. Auch die verlangt allerdings einen sehr guten Kamerasensor, möglichst optische Bildstabilisierung und viel Rechenpower, den für gewöhnlich nur die aktuelle Smartphone-Oberklasse bietet. Aktuell habe ich keine derartige App gefunden.

Dieses schöne Nachtfoto gelang mir mit dem Huawei P20 Pro.

Dieses schöne Nachtfoto gelang mir mit dem Huawei P20 Pro.

Was es allerdings gibt, sind Portierungen für die Google-Kamera-App im XDA-Devoloper-Forum. Hier könnt ihr euch für einige kompatible Android-Phones die Google-Kamera-App von Hand installieren.

Sollte euer Smartphone hier nicht dabei sein, passt vielleicht eine Modifizierung der Google-Kamera-App, die ihr ebenfalls von Hand auf ein Android-Smartphone installieren könnt. Die Ergebnisse werden nicht an die eines Pixel-Gerätes heranreichen, aber unter Umständen mehr aus euren Bildern herausholen. Ihr findet die passenden Kamera-Modifikationen auf der Seite Google Camera Port. Caschys Blog erklärt, wie ihr die Google-Kamera-Mods installieren könnt.

Anders als Apples Smart HDR und Samsungs Live HDR erinnert eher der Nachtmodus, den Huawei im Mate 20 Pro und P20 Pro verwendet, an Google Nachtsicht. Auch beim Huawei Nachtmodus muss man die Kamera stillhalten, während sie in einem Zeitraum von mehreren Sekunden zahlreiche Einzelbilder macht, diese zusammenrechnet und mit Hilfe künstlicher Intelligenz optimiert. Hierfür ist aber ebenfalls eins der genannten beiden Smartphones notwendig.

Auch im OnePlus 6T kommt ein ähnlich arbeitender Nachtmodus zum Einsatz.

Ausblick

Huaweis und Googles neue Technologien haben die Smartphone-Fotografie im Jahr 2018 deutlich vorangebracht. Geht es darum, aus wenig Licht das meiste herauszuholen, greift man mittlerweile lieber zu einem Smartphone der beiden Hersteller als zu einer System- oder Spiegelreflexkamera. Denn nur wenn letztgenannte ein besonders lichtstarkes Objektiv besitzen, haben diese überhaupt noch eine Chance, da mitzuhalten.

Endlich schöne Nachtfotos mit Smartphones: Google experimentiert mit Super-HDR

Noch haben Google Nachtsicht und der Huawei Nachtmodus Kinderkrankheiten. Und da, wo kein Licht ist, können auch sie keins hinzaubern. Aber Jahr für Jahr erscheinen neue Technologien, die deutlich mehr Licht aus einem Smartphone-Bild herausholen. Schon bald dürften lichtstarke Nachtfotos in Smartphone-Kameras Standard sein. Und in wenigen Jahren wird man wohl auch darüber lachen, dass man die Kamera dafür einst mehrere Sekunden lang still halten sollte.

Randnotiz

Ganz nebenbei hat die Google Nachtsicht im Pixel 2 übrigens den von mir ernannten Smartphone-Kamera-Härtetest mit Bravour gelöst:

In diesem vor ziemlich genau einem Jahr von mir aufgestellten Härtetest geht es darum, die Leuchtreklame einer Gaststätte in meiner Nachbarschaft abends lesbar darzustellen und die Umgebung trotzdem hell auszuleuchten. Noch vor einem Jahr ist daran jedes Smartphone gescheitert, in letzter Zeit kamen die Einschläge näher, erste Geräte haben den Test bestanden, darunter das Huawei P20 Pro. Aber noch keins davon derart gut wie Google Nachtsicht. Man darf also gut und gerne von einer Zeitenwende sprechen.

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Ein Kommentar zu “Google Nachtsicht ausprobiert: So fotografiert ihr fast im Dunkeln
  1. Danke für den Vergleich. Ich wusste gar nicht was mich da auf meinem Pixel 2 XL erwartet, als ich vor ein paar Wochen den Camera p3 mod ausprobiert habe. Ich war begeistert! Solche Aufnahmen waren vorher nur mit Stativ und guter Kompaktkamera (und aufwärts) zu erhalten. Und jetzt kann ich ruhige Szenen aus der Hand schießen. Software-Optimierungen waren ja Mal das Teufelszeug zu Kompaktkamera-Zeiten. Würden verteufelt da sie das Bild so stark veränderten. Aber jetzt holen diese Algorithmen so viel raus und werden tatsächlich wertstiftend eingesetzt.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*