2010er Jahre im Technik-Rückblick

Würden wir nur ein Objekt wählen, um das zurückliegende Jahrzehnt technisch zusammenzufassen – es wäre ein Stück Binär-Code. So dominant Online-Services waren, so überraschend stellen wir beim zweiten Blick fest, dass das Jahrzehnt doch einiges zu bieten hatte. Eine Glosse.

2010er Jahre im Technik-Rückblick

Das Beste an Jahren wie 2020 ist ja, dass etwas Altes komplett abgeschlossen ist. In diesem Fall die Dekade mit den Jahren 2010 bis 2019, die wir als hübsch verschnürtes Paket ins Museum geben können. Doch bevor der Blick wieder nach vorn wandert, kurz innehalten. Durchatmen. Sich fragen: Was war das bitte schön für ein wildes Jahrzehnt?

Kurzum: Eines, das Historiker vor Probleme stellen könnte. Auch, wenn sie nur die technischen Fortschritte beurteilen sollen. Richteten wir also ein muckeliges, nostalgisches Technikmuseum ein und wählten je nur ein Ausstellungsobjekt, um das jeweilige Jahrzehnt zusammenzufassen – wir stünden vor Problemen.

Die 1980er Jahre haben die CD, die 90er Jahre den PC, die 2000er das Smartphone als zentrale Technikobjekte. Aber die 2010er Dekade? Die bringte uns als Kuratoren in Bedrängnis. Am besten ließen sich die vergangenen Jahre mit einem Stück Software-Code darstellen. Oder alternativ mit den Logos von Amazon, Netflix, Facebook, Spotify und Co. Wobei das dann eher ausschaut wie das Sponsoring der nächsten großen Unterhaltungsmesse.

Digitale Trends…

Diese digitalen Platzhirsche gab es bereits vor 2010? Stimmt, aber die genannten Unternehmen haben diesem Jahrzehnt ihren Stempel aufgedrückt. Zur IFA 2010 lagen bezahlbare Online-Videotheken und Streaming-Dienste in einer verheißungsvollen Zukunft. Mittlerweile machen sie den alten, haptischen Medien Konkurrenz. Vielleicht haben sie die längst abgelöst. Wir schauen keine Filme mehr, wir netflixen und bingewatchen sie. Musik kommt wie selbstverständlich aus dem Stream, sogar Bücher landen als Digital-Datei auf dem eReader.

Die Verlagerung kultureller Güter in die Online-Welt führte sogar dazu, dass das schwedische Möbelhaus Ikea in seinen Katalogen auf Bücher verzichtete, die in den Regalen standen. Wozu auch, wenn alles einen Klick statt eines Griffs entfernt ist?

… und Retro-Gegenbewegungen

Das Erstaunliche an der Digitalisierung ist die Gegenreaktion. Das alte Medium Vinylschallplatte überholte die CD in den Verkäufen. In Leipzig erfreut sich ein Musikkassetten-Werk großer Beliebtheit. Blu-Ray-Filme geben sich den Vintage-Anstrich einer abgegrabbelten Videokassette. Für Videospiel-Fans veröffentlichen die Hersteller alle paar Monate eine neue Mini-Spielkonsole, zuletzt das Sega Mega Drive Mini und den C64 Maxi.

Nintendo Classic Mini NES: Alle Details zur Retro-Spielkonsole

Ob derlei Retro-Trends nur noch mal ein Wink aus der Vergangenheit sind oder sich als Sub-Kultur neben dem immer nur flüchtig Digitalen festsetzen, bleibt abzuwarten. Wer kann das schon wissen?

Gähnende Langeweile in der Hardware-Abteilung?

Fest steht: Die Hardware profilierte sich – auf den ersten Blick – durch kalkulierte Ideenlosigkeit. Fernseher und Smartphones reizten mit größeren Bildschirmdiagonalen und höheren Auflösungen. Notebooks gerieten schlanker, leichter und leistungsstärker. Und die Comeback feiernde Luxus-Kaffeemaschine macht sich in der heimischen Küche prima neben dem Design-Kühlschrank, dem Thermomix und dem Bluetooth-Lautsprecher zur Koch-Beschallung. Im Bad rödelt die Waschmaschine (selbstverständlich auch ein Design-Objekt) gemächlich vor sich hin, während der Staubsaugerroboter unermüdlich seine Routine abspult.

Langweilig? Nein, denn softwareseitig passierte umso mehr. Alles ist miteinander vernetzt, die Haushaltssteuerung nur einen Klick entfernt. Unterhaltung gibt es auch, ohne das Haus zu verlassen, Nachrichten per Zuruf aus dem Smart Speaker. Oma ist indes nur eine Skype-Konferenz entfernt und taucht wahlweise auf dem Notebook, dem Tablet oder Smartphone auf.

Das liest sich nicht so spektakulär? Natürlich, weil diese Art, den Alltag zu bewältigen, in eben diesem angekommen ist. Vor zehn Jahren war das noch eine kühne Zukunftsvision, deren technische Voraussetzungen aber bereits vorhanden waren.

Zurück aber zum Museum. Nur Code oder Logos auszustellen hat wenig Reiz. Also füllen wir den Raum doch mit zehn innovativen Exponaten. Jedes als Stellvertreter eines Jahres in diesem denkwürdigen Jahrzehnt. Mit einer Ausnahme: 2012 konnten zwei Produkte die Technikwelt begeistern.

2010: Apple iPad

Ähnlich wie das iPhone bei Smartphones ist das iPad das Fundament des kurzzeitigen Tablet-Hypes. Von der Wachablösung der Notebooks las man, von einem echten Innovationsschub. Nach wenigen wilden Jahren wich die Begeisterung der Ernüchterung. Für den Medienkonsum und die Skype-Schalte sind Tablets klasse, als Arbeitsrechner eher weniger geeignet.

Aber wer weiß? Vielleicht kommt Apple, Samsung oder ein anderer Hersteller noch einmal mit einer revolutionären Idee um die Ecke, die den Hype neu entfacht.

 

Samsung Galaxy Tab S6: Renaissance der Android-Tablets?

2011: L.A. Noire

Huch! Ein Spiel! Ja, aber was für eines! Mit L.A. Noire kreierte das australische Team Bondi ein hollywoodreifes Detektiv-Drama im Los Angeles des Jahres 1947. Als Polizei-Frischling Cole Phelps lösen Spieler knifflige Kriminalfälle, die an tatsächliche Ermittlungen der damaligen Zeit angelehnt sind. Spieldesign und Umfang klammern wir mal aus und stellen die Technik in den Mittelpunkt.

Mimik und Stimme der Figuren nahm Team Bondi in einem aufwendigen Recording-Verfahren auf. Statt verloren dreinschauender Charaktere sahen Spieler echte Schauspieler, die ihre Charaktere glaubhaft verkörperten.  Damit setzte das Studio einen Standard bei Spielen und ambitionierten Filmproduktionen. Als Neuauflage für PlayStation 4, Xbox One oder Nintendo Switch ist L.A. Noire noch immer ansehnlich. Serien und Filme bedienen sich auch heute noch der Technik.

Auch Smartphones, die mit den Mitteln der Photogrammetrie 3D-Objekte erfassen, machen sich viele der bei Team Bondi gewonnenen Erkenntnisse zueigen. Mittlerweile kann nahezu jedes Android-Telefon mit der entsprechenden App solche 3D-Tiefenbilder und -Objekte aufnehmen.

2012: Tesla Model S

Von Elon Musk mag man halten, was man will. Der einstige PayPal-Mitbegründer gilt zurecht als ambitionierter Visionär. Weil Musk und seine Unternehmen trotz Rückschlägen an engagierten Plänen festhalten, treibt er die globalen Player vor sich her. So auch die Autoindustrie, die spätestens mit der Ankündigung eines Tesla-Fabrikbaus in Brandenburg den US-Vorreiter ernst nehmen sollte.

Mit dem Model S bewies Tesla, dass die Serienfertigung von E-Fahrzeugen in der Oberklasse Käufer findet. Zwischen Ankündigung 2009 und dem Marktdebüt 2012 vergingen einige Jahre, die Tesla in die Optimierung des Fahrzeugs steckte. Mit dem Model 3 und dem kürzlich vorgestellten Cybertruck bewegt sich das Unternehmen (trotz mancher Rückschläge) konstant Richtung Massenmarkt.

E-Mobilität wird wichtig. Ob als endgültige Alternative zum Verbrenner-Motor oder Zwischenlösung bis zur Etablierung der Brennstoffzelle.

Mit einem Tesla in Stuttgart: „Sind die da drüben alle verrückt?“

2012: Raspberry Pi

Ein Computer so groß wie eine Kreditkarte. Zum Spottpreis. Damit jeder britische Schüler programmieren lernen kann, egal wie knapp die Haushaltskasse ist. Mit diesen bescheidenen Versprechen trat die Raspberry Foundation an. Sieben Jahre später ist der Raspberry Pi als Einplatinencomputer eine feste Größe und längst mehr als nur ein Schulcomputer.

Den Einplatinencomputer, ein Netzteil, Maus und Tastatur, ein Videokabel sowie eine Speicherkarte. Mehr braucht es nicht, um den unendlich großen Kosmos der Pi-Community zu betreten und sich darin zu verlieren. Mittlerweile taugt das Gerät auch als Arbeitsrechner und könnte sich in immer mehr Büros wiederfinden.

Raspberry Pi 4 getestet: Sieben Jahre für ein Versprechen

2013: Google Chromecast

Smart-TVs waren Anfang des zurückliegenden Jahrzehnts eine Zukunftsvision. Erste smarte HDTVs kosteten ein Vermögen – dann kam Google. Der Suchmaschinengigant veröffentlichte die erste Version seines Chromecasts und hob das erfolgreiche Nischen-Segment der Streaming-Sticks aus der Taufe.

Mit geringen Investitionen konnte so jeder seinen Fernseher zu einem Multimedia-Wunder aufwerten, was den Netflix-Zugang noch attraktiver machte. Mittlerweile mischen Nvidia (Shield TV), Apple (Apple TV) oder Amazon (FireTV Stick) erfolgreich

Chromecast: Vielleicht Googles beste Hardware der 10er-Jahre

2014: Amazon Echo

Die nächste Innovation der 2010er Jahre brachte Amazon auf den Weg. Smart Speaker – intelligente Lautsprecher – fungieren als schmucke Wiedergabegeräte, nehmen Anrufe und Erinnerungen entgegen oder erleichtern durch jederzeit abfragbare Informationen den Alltag. Mit dem Amazon Echo gelang dem Warenversand Amazon ein echter Coup.

Ohne Apples Vorstoß mit der Sprach-KI Siri wären diese Smart Speaker nicht denkbar. Im Wettbewerb um möglichst viele Nutzer teilen sich Amazon (Alexa), Google (Google Assistant) und Apple (Siri) den Kuchen auf.

Google Home und Amazon Echo: Die Vor- und Nachteile eines Sprachassistenten zuhause

2015: Apple Watch

Das Dilemma dieser Erfindung: Apple konnte den neu geschaffenen Markt der Smartwatches nicht dominieren. Die erste Apple Watch war ein interessantes und erstaunlich unausgereiftes Produkt. Potential war erkennbar, aber wer wollte schon alle paar Stunden seine Armbanduhr aufladen. Und überhaupt, wieso sollte man einen zweiten Bildschirm mit sich rumschleppen, der nicht einmal autark vom Smartphone funktioniert?

Apple appelierte an die Early Adopters, die erste Achtungserfolge im neuen Segment ermöglichten. Vier Jahre später ist die Smartwatch im Mainstream angekommen. Dank intelligenter Software und beeindruckender Technik unterm Display-Deckglas hat sie bei vielen die klassische Armbanduhr abgelöst.

Smartwatch oder Fitnesstracker? Ein Erfahrungsbericht

2016: HTC Vive

Virtuelle Realitäten? Versprechen uns Medienschaffende seit Jahrzehnten. 2016 gelang ein Quantensprung. Flotte Rechentechnik, präzise Ortungs- und Lagesensoren führten zu den ersten brauchbaren VR-Headsets. Ganz vorn dabei ist das taiwanesische Unternehmen HTC, dessen VR-Modell Vive die Standards setzte.

Noch ist der Hardware-Absatz überschaubar, die Software von einigen Highlights abgesehen nur befriedigend.  Mit der Ankündigung des Spielestudios Valve, die nächste Episode des Kult-Franchises Half-Life exklusiv und ausschließlich für VR umzusetzen, dürften die Absatzzahlen steigen.

Ihr besitzt keinen PC, der genügend Leistung für VR bereitstellt? Dann könnt ihr auf PlayStation VR oder die autarken Oculus-Headsets ausweichen. Wollt ihr nur mal reinschnuppern, empfiehlt sich das sehr günstige Bastel-Headset Google Cardboard fürs Smartphone.

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2017: Nintendo Switch

Mobiles und stationäres Spielen waren zwei Domänen, die sich nicht vereinen ließen. Hier die Konsolen- und PC-Zocker, da die Unterwegs-Spieler mit ihren Gameboys, Nintendo DS‘ oder PlayStation Vita.

Nach dem Wii-U-Debakel berappelte sich der japanische Unterhaltungskonzern Nintendo und veröffentlichte die Switch. Die erste Konsole, die sowohl am heimischen Fernseher als auch unterwegs nutzbar ist und sich innerhalb von zweieinhalb Jahren über 47 Millionen mal verkaufte. Neben dem Konzept überzeugt vor allem die gigantische Software-Bibliothek mit modernen Klassikern wie Super Mario Odyssey, Breath of the Wild oder Octopath Traveler.

Nach einem kleinen Hardware-Update für die Ur-Switch brachte Nintendo außerdem das auf Mobile Gaming konzentrierte Modell Switch Lite auf den Markt.

Switch Lite im Test: Kompromisslose Spaßmaschine

2018: Microsoft Adaptive Controller

In der heutigen Ellenbogen-Gesellschaft nimmt man erfreut zur Kenntnis, dass große Hersteller sich um Inklusion bemühen. Die PC-Bedienung oder auch das Zocken von Videospielen schließen viele hunderttausende Menschen aufgrund ihrer Behinderung aus. Microsofts Vorstoß mit dem Xbox Adaptive Controller für die hauseigenen Spielekonsolen und Standrechner ist deshalb aller Ehren wert.

Der leichte und überdimensional große Controller hat an der Oberkante unzählige 3,5mm-Klinken-Anschlüsse, über die ihr Schalter und Bedienelemente einstecken könnt. Einmal verbunden, kümmert sich der Adaptive Controller um die Signalerkennung und -weitergabe. Was ihr ansteckt, ist dabei egal. Drehknäufe, Mikro-Switches, Hebel oder riesige Buttons sind kompatibel.

Ob der Adaptive Controller ein Verkaufsschlager ist? Verglichen mit dem Hardware-Absatz konventioneller Eingabegeräte wohl kaum. Der gesellschaftliche Beitrag hingegen ist wertvoll.

2019: Light Phone II

350 US-Dollar für ein Smartphone, das wenig kann? Hand aufs Herz, liebe Leserinnen und Leser. Manchmal wollen wir doch eine Auszeit. Ein turbulentes, immer schneller rotierendes Jahrzehnt, das kaum noch Zeit zum Atmen lässt. Wer nicht ganz auf digitale Kommunikation verzichten, sich aber dennoch vom Ballast befreien möchte, kann zu diesem Smartphone greifen. Anrufen, texten und einen Wecker stellen – mehr könnt ihr mit diesem Telefon nicht tun.

Wir wählen das Light Phone II deshalb als Stellvertreter für das Jahr 2019, in welchem wir öfter und gerne eine digitale Auszeit genommen hätten.

Dieser Beitrag ist Teil eines umfassenden Rückblicks auf die 2010er-Jahre und darauf, wie sich unser Leben seit der Jahrtausendwende verändert hat. Weitere Beiträge dazu findet ihr in unserer Übersicht. Welche Meinung habt ihr zu dem Thema? Sagt es uns in den Kommentaren!

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