Mit einem Tesla in Stuttgart: „Sind die da drüben alle verrückt?“

Philipp Neuffer fährt einen Tesla mitten im Daimler-Hoheitsgebiet. Im Interview spricht der Leiter Multichannel Marketing bei EURONICS Deutschland über einseitige Vorbehalte, und darüber warum die Elektrowende in Deutschland noch lange auf sich warten lassen könnte.

Mit einem Tesla in Stuttgart: „Sind die da drüben alle verrückt?“

EURONICS Trendblog: Herr Neuffer, schaut man sich die jüngsten Nachrichten an, könnte man meinen, die Elektrorevolution wäre nur noch Formsache.

Ich weiß nicht, ob das so für Deutschland so zutrifft, anderswo vielleicht. Aber es gibt hierzulande ein beinahe einhelliges Meinungsbild. Und auch die deutsche Presse hat der Technik einen Bärendienst erwiesen. Der “Spiegel” schrieb: So viele Tote gibt es durch Elektroautos wegen der Förderung von Kobalt in Afrika. Im ZDF lief eine Doku über die “wahren Kosten” für Elektroautos. Sicher hat die Technik auch einige Nachteile. Aber ich sehe in der Berichterstattung eine gewisse negative Einseitigkeit.

Dabei hatte man zuletzt den Eindruck, dass selbst die deutschen Automobilhersteller den Trend mittlerweile erkannt haben. Audi hat angekündigt, ganz auf Elektro- oder zumindest Hybridmotoren setzen zu wollen. VW ist in der gleichen Richtung unterwegs.

Das sind die rühmlichen Ausnahmen. Auch Mercedes scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Der Rest sperrt sich noch. Und das kann ich teilweise sogar nachvollziehen. Man kann nicht mal eben die Fertigung umstellen und in der gleichen Fabrik wie für Verbrennermotoren ein Elektroauto bauen. Das macht die Sache für die deutschen Automobilhersteller sehr schwierig. Und schaut man sich an, wie viele Arbeitsplätze gerade hier im Stuttgarter Raum auch durch die Zulieferindustrie am Verbrennungsmotor hängen, kann ich einige Bedenken der Leute verstehen, andere jedoch nicht.

Philipp Neuffers Tesla, für die E-Cannonball-Rallye 2019 im neuen EURONICS-Look
Philipp Neuffers Tesla, für die E-Cannonball-Rallye 2019 im neuen EURONICS-Look

Sie fahren privat einen Tesla. Was hat Sie bewogen, als einer der ersten aus der Masse auszubrechen?

Ich bin immer sehr an technischen Neuerungen interessiert. Als Tesla vor einigen Jahren auf einem Event das Model 3 vorgestellt hat, fand ich das spannend. Ich bin überhaupt kein Gegner von Verbrennungsmotoren, ich glaube, dass es auch in Zukunft ein Miteinander geben wird. Aber ich fand Teslas innovativen technischen Ansatz interessant und wollte das auch gern einmal für mich selbst erlebt haben und nicht nur aus der Presse lesen.

Und wie ist Ihre Erfahrung? Können Sie sich noch vorstellen zurückzukehren zu einem Verbrennungsmotor?

Es liegt gar nicht mal nur am Motor. Tesla hat das Konzept Auto neu gedacht, was mir sehr gut gefällt. Es ist leise, spannend und entspannend zu fahren, man bekommt auch ein anderes Fahrgefühl fürs Auto. Es kommen Over-the-Air-Updates, automatisch die neuesten Google-Maps-Versionen. Wenn ich will, kann ich jetzt im Auto Netflix gucken, über die Audioanlage Spotify hören. Ich habe mich selten zuvor so auf ein Auto gefreut, in das ich morgens einsteige. Und da frage ich mich doch: Haben die anderen Hersteller vielleicht noch zu sehr sich selbst im Fokus?

Wie reagiert Ihr Bekannten- und Kollegenkreis darauf? Ist der eher inspiriert oder steht er Tesla und anderen Elektroautos eher ablehnend gegenüber?

Mein persönlicher Freundeskreis hier in Stuttgart und Umgebung ist natürlich sehr Mercedes- und Porsche-lastig. Der steht der Sache eher kritisch gegenüber. Es gibt einige, die es neutral betrachten. Und dann gibt es noch eine kleine Menge an Befürwortern. Aber das ist leider noch die absolute Ausnahme.

Was meinen Sie, woran liegt es noch, abgesehen von der schlechten Presse, dass so wenige Deutsche auf Elektroautos setzen und am liebsten spritschluckende SUVs kaufen, wie es im letzten Jahr der Fall war?

Es gibt viele Bedenken, auch was die Reichweite betrifft. Wenn ich meinen Bekannten sage, dass es absolut kein Problem ist, mit einem Elektroauto nach Italien oder nach Sylt zu fahren, ohne dass das Auto unterwegs liegen bleibt, dann reagieren sie meist ungläubig. Tatsächlich gibt es schon heute genügend öffentliche Ladestationen und sie sind in den meisten Fällen immer frei. Die Bundesregierung will 1 Millionen Ladestationen bis 2030. Unabhängig davon ob es wirklich 1 Millionen Ladesäulen sein müssen, ist es ein wichtiges Signal.

EURONICS-Tesla an der Ladestation
EURONICS-Tesla an der Ladestation

Auf der E-Cannonball-Rallye 2019 sind Sie mit einem Tesla in weniger als 10 Stunden von der Insel Mainau bis nach Berlin gefahren.

Wir hätten auch noch schneller sein können! Wir haben jede Stunde einen Livebericht aufgenommen, den wir in den EURONICS Social-Media-Kanälen gepostet haben. Und kurz hinter dem Kreuz Nürnberg, als gerade die Aufnahme lief, hat keiner von uns auf das Navi geachtet und wir sind in die falsche Richtung gefahren. Als wir den Fehler bemerkt haben, wollten wir auf die Gegenfahrbahn zurück. Aber da wurde gerade die Auffahrt geteert…

Ach herrje…

Das Ganze hat uns bestimmt 25 Minuten gekostet. Und am Schluss haben wir uns dann nochmal verfahren. Ohne dieses Missgeschick wären wir in ca. 8.30 Stunden in Berlin gewesen, mit einem Schnitt also von ca. 100 Kilometern pro Stunde.

Damit hätten Sie mit dem Tesla kaum länger gebraucht als mit einem Verbrennerauto.

Korrekt. Und das ist auch das, worum es in der E-Cannonball-Rallye ging. Zu zeigen, dass ein Elektroauto schon heute in der Praxis kaum Nachteile hat. Die neuen Schnellladestationen von Tesla oder Ionity schaffen einen Ladestand von etwa 10 auf 80 Prozent in einer Viertelstunde. Früher konnte ich bei Ladepausen an der Autobahnraststätte noch gemütlich etwas essen. Heute bleibt gerade noch Zeit für den Toilettengang und einen Espresso.

Also eigentlich kaum noch Argumente für einen Verbrenner.

Man muss sich natürlich den Gegenargumenten stellen, ich finde es aber auch nicht in Ordnung, sie zu überhöhen. Da ist etwa die Sache mit dem Lithium-und-Cobalt-Abbau. Es wird vermutet, dass 5 bis 10 Prozent des für Elektromobilität notwendigen Cobalts in Afrika aus privaten Grabungen stammt, die von Erwachsenen aber auch Kindern durchgeführt werden. Und das ist natürlich ein Problem. Nicht beachtet werden dabei aber dann die 90 bis 95 Prozent, die von offiziellen Firmen stammen.

Dass für Lithium-Produktion die letzten Oasen der Atacama-Wüste trockengelegt werden, ist eine ökologische Katastrophe und das sollte so nicht sein. Aber dass der Hauptteil des Lithiums für Elektroautos aus ganz normalem australischen Bergbau stammt, interessiert die Leute nicht. Fair wäre ein Vergleich mit der Ölförderung: Wie sauber ist das Bohren, wie viel Energie fällt beim Raffinieren an, wie viel CO2 bläst der Tanker schon in die Luft? Aber all das spielt plötzlich keine Rolle mehr. Bei den meisten bleibt hängen: Elektroautos sind böse.

Hinzu kommen noch Zweifel wegen der Praxistauglichkeit. Was raten Sie jemandem wie mir, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt und keine Möglichkeit hat, ein Elektroauto zuhause aufzuladen?

Dann machen Sie es doch so wie ich! Ich wohne in Stuttgart auch in einem Mehrfamilienhaus, gleichzeitig Altbau. Da kann man froh sein, wenn man überhaupt einen Parkplatz findet. Ich lade bei uns in der Firma. Oder Sie fahren einmal die Woche zu einem Schnellrestaurant Ihrer Wahl und laden den Wagen draußen. Bei einer Reichweite von 450 Kilometern, die ich im Stadtverkehr effektiv habe, reicht das allemal.

Was glauben Sie, wie sieht die Situation in 10 Jahren aus? Womit fahren die Menschen im Jahr 2030?

Ich würde mal sagen: 30 Prozent fahren Elektroautos…

Mehr nicht?

Es fällt schwer, in die Glaskugel zu schauen und eine verlässliche Zahl zu benennen. Aber auf Deutschland bezogen rechne ich schon noch damit. In den Niederlanden hat Tesla allein im letzten Quartal über 6.000 Autos verkauft. Jetzt kann man sich natürlich fragen: Sind die da drüben alle verrückt? Oder haben die einfach nicht die gleichen Bedenken wie wir? Gerade hier im Raum Stuttgart mit den vielen Zulieferern, woran eine Menge Arbeitsplätze hängen, muss man sich natürlich fragen: Wovon leben die eigentlich in Zukunft? Aber die Augen vor den langfristig klaren Vorteilen der Elektromobilität zu verschließen, wird wahrscheinlich nicht helfen.

Jetzt kommentieren!

3 Kommentare zu “Mit einem Tesla in Stuttgart: „Sind die da drüben alle verrückt?“

  1. Selten so eine Stuss gelesen. Natürlich haben E-Autos Nachteile bei der Reichweite.
    Und natürlich haben wir viel zu wenig Lademöglichkeiten.
    Ich als Mieter und Laternenparker habe überhaupt keine Lademöglichkeit. Die nächste öffentliche Säule ist 4 KM entfernt. So wird sich das niemals durchsetzen; ganz egal, ob die Autos gut sind, oder nicht.

    1. Sind 4km so ein riesiges Problem? Wer nicht direkt in der Stadt wohnt, wird eine ähnliche Strecke wohl auch zur nächsten Tankstelle zurücklegen müssen. Sie betanken Ihrer Verbrenner ja auch nicht an der nächsten Laterne.

      Geringere Reichweite auf der Langstrecke ist bei E-Autos noch der Fall. Aber fahren Sie auch mit Ihrem „normalen“ Auto 500km ohne Pause durch? Doch auch nicht.

  2. Ja allerdings. Mit meinem Verbrenner halte ich 5 Minuten, und fahre mit vollem Tank weiter.
    Mit dem E-Auto muss ich 3-5 Stunden laden. Also nach Hause laufen, und später wieder hinlaufen. Das ist inakzeptabel. Den offensichtlichen Unterschied sollte man schon verstehen.

    Und ja, ich fahre ca. ein Mal im Monat zu meinen Eltern. Das sind 550 KM. Und nein, ich werde mir niemals ein Auto dafür Mieten. Das muss mein Auto schon können. Und auf halber Strecke 5 Stunden Pause machen ist einfach völlig Praxisfremd.

Schreibe einen Kommentar

*
Bitte nimm Kenntnis von unseren Datenschutzhinweisen.