Xiaomi 12X im Test: Beinahe-Flaggschiff mit Schönheitsfehlern

Das Xiaomi 12X hat beinahe alles, was ein Top-Smartphone braucht. Die Kamera-Qualität, Android 11 und ein alter Chip aber schmälern das Erlebnis.

Xiaomi 12X im Test: Beinahe-Flaggschiff mit Schönheitsfehlern

Für 700 Euro hat man früher einmal ein Spitzen-Smartphone bekommen. Heute findest du in der Preisklasse eigentlich nur noch „Light-Flaggschiffe“: gute, um ein paar Details reduzierte Smartphones. Genau diese reduzierten Details will Xiaomi im neuen Xiaomi 12X aber so erträglich wie möglich machen. Im Vergleich zum 150 Euro teureren Xiaomi 12 hat das Xer eigentlich nur den etwas älteren Prozessor abbekommen – und nur Android 11. Und das fällt in der Praxis leider auf. Auch Kamera und Akku fehlen zur Weltspitze noch einige Punkte. Das Gesamterlebnis Xiaomi 12X ist für den Preis allerdings ziemlich gut.

Xiaomi 12X: Design, Haptik, Lieferumfang

Rückseite des Xiaomi 12X: Schönes Gehäuse, abgestufter Kamera-Block
Rückseite des Xiaomi 12X: Schönes Gehäuse, abgestufter Kamera-Block

Das Xiaomi 12X macht von Anfang an einen hervorragenden Eindruck. Es ist angenehm schwer, wirkt sehr wertig verarbeitet. Es sieht für meinen Geschmack sehr schön aus und ist handlich, allenfalls ein wenig kleiner, als die 6,28 Zoll des Displays vermuten ließen. Aber kompakte Smartphones sind ja für viele eine Option. Der Kamerabuckel steht deutlich als Block aus dem Gehäuse heraus. Einige Hersteller wie Oppo runden diese Kante mittlerweile ab, damit sich darin kein Staub fängt; Xiaomi leider nicht. Dafür ist die Rückseite angenehm griffig.

Phone, Nadel, Schnellladegerät, Silikonhülle. Xiaomi liefert alles mit, was du brauchst.
Phone, Nadel, Schnellladegerät, Silikonhülle. Xiaomi liefert alles mit, was du brauchst.

Die Freude ist außerdem groß beim Auspacken des kleinen Kartons: Zusätzlich zum Smartphone hat Xiaomi nämlich noch eine Silikonhülle, eine SIM-Nadel und den 67-Watt-Schnellladestecker samt Kabel gleich mitgeliefert. Eine dünne Folie schützt das Display vor Kratzern. Also für den Anfang alles dabei, was du brauchst. Ich liefere ich dem Gerät auch gleich etwas Saft: Von 30 auf 84 Prozent geht es in etwa 20 Minuten. Weitere zehn Minuten ist der Akku voll. Ein solcher, echter Schnelllademodus ist etwas, was ich beim iPhone 12 Pro Max, das ich jetzt aufgebe, wirklich vermisst habe.

Der Bildschirm macht derweil einen tadellosen Eindruck, lässt sich erstaunlich hell stellen (1.100 Nits). Die automatische Helligkeit spielt (wie bei fast jedem Smartphone) indes komplett verrückt und wird schon bald von mir abgeschaltet. Die Stereo-Lautsprecher von Harman Kardon klingen bei einem Probesong auf Spotify erstaunlich gut, klar und deutlich. Allenfalls die Mitten wirken etwas unterbetont.

Die Sprachqualität ist gut, die Aufnahmequalität okay. Hier zur Demonstration eine Probeaufnahme ohne zusätzliches Mikro. Sie hat sehr wenig Hintergrundrauschen, allerdings klinge ich auch etwas dumpf:

Oha, nur Android 11

Die Einrichtung nervt mich wie bei jedem Android-Smartphone. Diese hässlichen, altbackenen Wartekreise, der Einrichtungsassistent, der immer wieder auf den ollen Google Assistant besteht und in den Benachrichtigungen behauptet, nicht fertig zu sein. Das liegt allerdings bei genauerer Betrachtung an einem unerwarteten Umstand: das Xiaomi 12X läuft noch mit Android 11!

Und das ist die erste große Enttäuschung, zumal in der Vorab-Kommunikation noch von Android 12 die Rede war – und man das beinahe ein halbes Jahr nach dem Release von Android 12 auch mittlerweile erwarten darf. Auf meine Nachfrage spricht Xiaomis Agentur auch von einem Fehler, der da in der Kommunikation passiert sei. Dass Android 12 für das X irgendwann kommen soll, steht fest. Wann das der Fall sein wird, konnte uns Xiaomi aber noch nicht mitteilen. In meinem Testzeitraum lag es noch nicht vor; ich konnte aber immerhin auf das Google-Play-Systemupdate von Februar 2022 updaten. Das Sicherheitsupdate ist noch das von Dezember 2021.

Der Chip: Alt, gut, nicht mehr herausragend

Und dann wäre da noch der Prozessor. Das ist das, woran Xiaomi gespart hat. Statt dem aktuellen Snapdragon 8 Gen 1 gibt es im Xiaomi 12X nur den Snapdragon 870 5G. Das ist eine leicht modifizierte Version des Snapdragon 865, dem schnellsten Chip von vor zwei Jahren.

Das Xiaomi 12X
Das Xiaomi 12X

Und, nun ja, in diesen zwei Jahren hat sich einiges getan. Und diese leichte Trägheit merkt man dem SoC leider auch an. Erst ist natürlich schnell genug für alle Aufgaben. Die leichte Verzögerung, mit der er Apps startet, ist allerdings spürbar. Neue Flaggschiffe zeichnen sich für gewöhnlich dafür aus, dass sie zumindest anfangs keinerlei Verzögerung kennen. Beim Snapdragon 870 im Xiaomi 12X ist die Verzögerung da, wenn auch gering.

Im Geekbench 5 rangiert das Xiaomi 12X und dem SDG 870 immerhin auf Augenhöhe mit dem Samsung Galaxy S21 Ultra und dessen Vorjahres-Exynos 2100. Im 3DMark Wildlife wird das X relativ klar vom S21 Ultra, dem fast zwei Jahre alten iPhone 12 Pro Max und auch dem ähnlich teuren Konkurrenten Samsung Galaxy S21 FE abgehängt. Der PCMark Work 3.0 ermittelt für das 12X nur etwas über 10.000 Punkte. Das ist ein ziemlicher Nackenschlag, der das Gerät nur in die Klasse drei Jahrer alter Oberklasse-Phones einsortiert.

Kamera im Xiaomi 12X: Tagsüber alles okay

Um die Kameraqualität des Xiaomi 12X kurz zusammenzufassen:

  • Tagsüber liefern eigentlich alle drei Kameras gute bis sehr gut Bilder.
  • Auch abends bei halbwegs guten Lichtverhältnissen geht die Qualität noch in Ordnung.
  • Nachlassendes Licht stellen den Autofokus vor Probleme.
  • Nachts ist eigentlich nur noch die Qualität der Hauptkamera zufriedenstellend.
  • Tele- und Ultraweitwinkelkamera haben nachts teils mit unüberwindbaren Problemen zu kämpfen.
  • Die Qualität des Porträtmodus‘ ist eher enttäuschend.
  • Die 50-Megapixel-Sonderfunktion bringt keinen spürbaren Mehrwert.

Lass mich dir das beweisen.

Bei besten Lichtverhältnissen, wie hier am Alten Zoll in Bonn, liefern alle drei Kameras des Xiaomi 12X gute Ergebnisse bis ins Detail:

Das klappt auch bei Nahaufnahmen. Wobei die versprochene Telemakrokamera (immer rechts) nicht viel Makro liefert. Ihr könnt auf immerhin etwa 5 bis 10 cm nah ans Objekt herangehen, eine kürzere Naheinstellungsgrenze liefert die Kamera dann aber doch nicht.

Gegenlicht, harte Kontraste? Für alle drei Kameras kein großes Problem:

Der Porträtmodus? Nicht der Rede wert…

Und die 50-Megapixel-Kamera? Xiaomi bietet hier in den Einstellungen eine Extra-Option an. Und was soll ich sagen? Ohnehin liefern beide Aufnahmen hier phänomenale, detailreiche Ergebnisse. Die vollauflösende 50-MP-Version aber noch einmal erheblich mehr Details. Toll! Das Ganze allerdings bei einer rund 10x so hohen Dateigröße (24,5 vs. 2,3 MB). Für jedes Foto solltest du die 50-MP-Option also besser nicht wählen:

Hinweis: Ich habe die Datei der 50-MP-Aufnahme für den Upload heruntergepackt. Du siehst oben also nicht das Original, sondern eine verkleinerte Version.

Die Videoqualität? In Ordnung. Hier ein Beispielvideo mit der Möglichkeit, ein Dualvideo (Bild-in-Bild) zu machen:

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Videostabilisierung lässt sich zusätzlich einschalten.

Kamera bei Nacht: Jetzt wird’s brenzlig

Helles Kunstlicht bei Nacht: Hier ist alles noch in Ordnung. Schaust du aber genau hin, siehst den Hintergrund bei der Ultraweitwinkelkamera (0,6x) leicht rauschen und die Details bei der Zoomkamera (2x) etwas ausgefranst:

Und hier die erste eindeutige Schwäche der Ultraweitwinkelkamera (links): Das Lichtschema ist ein völlig anderes. Die Blüten, die tatsächlich weiß sind (was die anderen beiden Kameras gut einfangen), gehen hier im Neonlicht völlig unter.

Die eindeutigsten Qualitätsunterschiede der drei Kameras zeigen sich wohl in den folgenden drei Vergleichen. Alle Kameras verfolgen eine ganz andere Lichtstimmung. Die Qualität der Hauptkamera (mittig) ist gut. Die Bilder der Ultraweitwinkelkamera (0,6x, links) aber wirken seltsam übersättigt und schlierig. Die Bilder der Zoomkamera (2x, rechts) wiederum über die maßen kalt, bleich und pixelig:

Detailfotos gelingen nachts eigentlich nur die Hauptkamera zufriedenstellend. Die UWW-Kamera bekommt zu wenig Licht ab, die Telekamera derweil zu wenig Schärfe. Ihr schwaches Licht scheint sie mit einer längeren Verschlusszeit ausgleichen zu wollen, was Aufnahmen schon mal verwackeln lässt:

Und bei dieser Landschaftsaufnahme der beleuchteten Schwarzrheindorfer Kirche über den Rhein hinweg versagt auch noch der Fokus. Die Aufnahmen misslingen auch der Hauptkamera völlig. Selbst ein Nachfokussieren bekommt das Detail nicht scharf:

Display und Akkulaufzeit

Auf dem Display konnte ich im Hellen wie im Dunkeln sehr gut lesen. Gerade im Lesemodus hatte ich das Gefühl, dass sich meine Augen weniger anstrengen müssen als bei meinem Vorgänger iPhone 12 Pro Max. Videos und Bilder stellt das Xiaomi 12X durchaus lebendig dar. Persönlich gefallen mir Samsungs farbenfrohe Amoled-Displays noch etwas besser. Und mich erstaunt, wie klein ein 6,28-Zoll-Display doch sein kann. Ich persönlich mag inzwischen größere Displays lieber. Aber auch die Helligkeit von 1.100 Nits ist durchaus erfreulich.

Ein schön helles OLED-Display. Und das Xiaomi 12X unterstützt sogar Dolby Vision und HDR10+.
Ein schön helles OLED-Display. Und das Xiaomi 12X unterstützt sogar Dolby Vision und HDR10+.

Die Akkulaufzeit war in meinen Tests in Ordnung, brachte mich auch nach den Fotosessions für diesen Beitrag sicher über den Tag. Dann war aber auch schon Schluss und das Xiaomi 12X musste wieder ans Netz. Ergo: eine zufriedenstellende, aber keinesfalls berauschende Akkulaufzeit.

Ausstattung: Vorbildlich!

Ohnehin lässt ein Blick auf das Datenblatt beinahe nichts vermissen:

Xiaomi 12X
KamerasystemDreifachkamera-System mit optischer Bildstabilisierung

Ultraweitwinkelkamera: 13 MP, f/2.4, Brennweite: 12mm, Sensorgröße: 1/3,06“, Pixelgröße: 1,12µm
Weitwinkelkamera: 50 MP, f/1.9, Brennweite: 26 mm, Sensorgröße: 1/1,56“, Pixelgröße: 1,0µm
Telekamera mit Macro-Funktion: 5 MP, 2x optischer Zoom, Brennweite: 50mm

Videoaufnahme: bis 8K (24 fps) oder 4K mit 60 fps
Sonstige Eigenschaften6,28“ Oled-Display, 20:9-Formfaktor, 120 Hz, adaptiv, FHD+: 2.400 x 1.080px (419 ppi), 1.100 Nits, Dolby Vision, HDR 10+, Gorilla Glass Victus

Qualcomm Snapdragon 870 5G, 4.500 mAh Akku, 67W-Schnellladesystem, kein kabelloses Laden, Fingerabdrucksensor im Display und Gesichtserkennung, Flüssigkeitskühlung

256 GB ROM (UFS 3.1), 8 GB RAM (LPDDR5), 5G, WiFi 6, Bluetooth 5.1, NFC

Maße: 152,7 x 69,9 x 8,16mm. Gewicht: 176 g

Android 11 mit MIUI 13
Preis ab ca. 700 Euro

Toll sind etwa die Unterstützung von Dolby Vision und HDR10+ und von 8K-Videoaufnahmen, das Schnellladesystem, das adaptive 120-Hertz-Display und die Möglichkeit, das Gerät über Fingerabdrucksensor oder Gesichtserkennung zu entsperren. Gespart hat Xiaomi, wie oben bereits erwähnt, eigentlich nur am Prozessor, der Android-Version und außerdem am RAM. Und, ach ja, kabelloses Laden ist leider nicht möglich. Keine Info habe ich darüber erhalten oder gefunden, ob und wie das Xiaomi 12X gegen Staub und Wasser geschützt ist.

Schnell mal eben aufladen mit dem 67-Watt-Ladesystem. Von 0 auf 100% in etwa 40 Minuten.
Schnell mal eben aufladen mit dem 67-Watt-Ladesystem. Von 0 auf 100% in etwa 40 Minuten.

Software und Apps

Dass Android 11 vorinstalliert ist und was ich davon halte, erwähnte ich ja bereits oben. Ansonsten ist die Anzahl der vorinstallierten Apps noch relativ zurückhaltend. Agoda etwa ist installiert, neben Spotify, Facebook und TikTok. Mir gefällt Xiaomis minimalistische Sprachaufnahme-App (Hörbeispiel oben) und auch die Notizen- und die Wetter-App.

Mit wenigen Handgriffen und vor allem, ohne mich erst bei Xiaomi registrieren zu müssen (hallo Samsung, hallo Huawei), habe ich ein alternatives Theme ausgewählt. Xiaomis MIUI 13 ist in meinen Augen angenehm unaufgeregt und halbwegs hübsch, wenn auch in der deutschen Lokalisierung nicht immer gut angepasst.

Unsere Bewertung
  • Angenehm handlich
  • Tolle Verarbeitung
  • Klares, sehr helles Display
  • Gute Lautsprecher
  • Umfangreiches Lieferpaket u.a. mit Schnell-Ladegerät
  • Starker Schnelllademodus
  • Fast tadellose Hauptkamera
  • Zoom- und UWW-Kamera nachts kaum zu gebrauchen
  • Prozessor träger als gedacht
  • Android 11, obwohl anfangs 12 beworben wurde
  • MIUI-Design nicht an allen Ecken rund
  • Kein kabelloses Laden möglich

Fazit zum Xiaomi 12X: Beinahe oho

Ich wage mal eine steile These und sage: Das Xiaomi 12X ist das wahrscheinlich beste Flaggschiff light, das ich je gesehen habe. Da hält allenfalls noch das Samsung S21 FE gegen. Ansonsten hat Xiaomi hier an beinahe alles gedacht, was ein Spitzen-Smartphone auch hätte. Kosten hat der Hersteller mit dem älteren, aber immer noch flotten Snapdragon 870 5G gespart.

Das Xiaomi 12X und seine Kamera
Das Xiaomi 12X und seine Kamera

Schade ist dennoch, dass ab Werk kein Android 12 drauf ist, dass die beiden Sekundärkameras bei schlechtem Licht kaum zu gebrauchen sind, dass der Akku nicht über die Maßen lange hält und sich das Gerät nicht kabellos aufladen lässt.

Ich persönlich hatte überlegt, vom iPhone 12 Pro Max zum Xiaomi 12X zu wechseln. Das wird noch eine harte Entscheidung werden, denn ein 1-zu-1-Ersatz ist das trotz hoher Ambitionen nicht. An irgendetwas sparen die Hersteller bei einem Flaggschiff light dann eben doch.
Update: Wir haben auch das Xiaomi 12X mit dem Mi 11i verglichen.

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