Chromecast als Spielkonsole: Große Spiele für kleines Geld?

Er kostet deutlich unter 100 Euro und bietet viele Möglichkeiten: Eignet sich ein Chromecast als Spielkonsole? Wir haben es ausprobiert.

Chromecast als Spielkonsole: Große Spiele für kleines Geld?

Der aktuelle Chromecast mit Google TV hinterließ bei uns im Test bereits einen sehr ordentlichen Eindruck – und er kostet derzeit rund 70 Euro. Mit etwas Zubehör verwandelt ihr ihn sogar in eine Spielkonsole für euren Fernseher. Ist der Streamingstick leistungsstark genug für hochwertige Blockbuster? Nein, aber das Zauberwort heißt Streaming. Der Reihe nach…

Chromecast als Spielkonsole: Die Ausgangssituation

Was braucht ihr zum Spielen neben dem Chromecast? Richtig, ein passendes Eingabegerät. Zwar unterstützen einige Spiele explizit die Verwendung der Fernbedienung, die dem Chromecast mit Google TV beiliegt, doch für anspruchsvollere Titel benötigt ihr einen Controller.

Eine Möglichkeit: Der Stadia Controller. Alternativ funktionieren auch viele andere mit Bluetooth. (Foto: Google)

Google selbst bietet beispielsweise den Stadia Controller an, der für den hauseigenen Streamingdienst gedacht ist, aber auch als reguläres Gamepad funktioniert. Persönlich empfehle ich einen Allrounder, den ihr vielleicht schon besitzt: Die Rede ist vom Xbox-Controller, der in der aktuellen Variante mit Bluetooth ausgestattet ist und sich unkompliziert mit allerlei Geräten koppeln lässt. Mit Smartphones, Tablets, Desktop-Rechnern, Laptops, Apple TV, Nvidia Shield und eben auch dem Chromecast.

Alternativen sind der DualShock 4-Controller der PlayStation 4, der neue DualSense-Controller der PlayStation 5 und eigentlich nahezu jeder Controller mit Bluetooth, der sich an gängige Konventionen (des Xbox-Controllers) hält. Das heißt: Zwei Analogsticks, Steuerkreuz, Buttons und Schultertasten.

Die Spiele aus dem PlayStore

Die Hardware haben wir eingerichtet, jetzt kann’s losgehen. Naheliegend ist es, zu Beginn im integrierten PlayStore zu stöbern. Tatsächlich finden sich in diesem mittlerweile recht viele Spiele – vom Zombie-Shooter bis zum nostalgischen Plattformer. Was ärgerlich ist: Google versäumt es, den Spielebereich angemessen zu präsentieren. Dabei könnte der Chromecast als Spielkonsole doch so gut geeignet sein, um zwischendurch mal ein Spielchen zu genießen.

Die Auswahl an Spielen im PlayStore ist groß. Aber richtig große Blockbuster, wie von PlayStation 4, Xbox One oder PC gewohnt, gibt es kaum bis gar nicht. (Screenshot)
Die Auswahl an Spielen im PlayStore ist groß. Aber richtig große Blockbuster, wie von PlayStation 4, Xbox One oder PC gewohnt, gibt es kaum bis gar nicht. (Screenshot)

Ein weiteres Problem ist allerdings eines, was ihr nicht beeinflussen könnt: Der Chromecast mit Google TV verfügt über zu wenig Flash-Speicher, der sich auch nicht erweitern lässt. Installiert ihr 3-4 Spiele, ist dieser voll. Ihr müsst also regelmäßig Apps löschen, um neue verwenden zu können.

Abgesehen davon schaffen es einige Spiele, eine Konsolen-Atmosphäre zu erzeugen. Allerdings kommt die Hardware schnell an ihre Grenzen, was ihr bei „Asphalt 8“ oder „Dead Trigger 2“ bemerkt. Hier ruckelt es gerne ordentlich – so macht das keinen Spaß. Bei älteren oder grafisch weniger intensiveren Titeln dagegen gibt’s unkomplizierten Spaß – und das übrigens oftmals kostenlos. Aber auch kostenpflichtige Games für 1 bis 15 Euro sind erhältlich.

Tipp: Direkt im Browser eures Rechners könnt ihr im PlayStore stöbern, welche Spiele es für Android TV, also auch für euren Chromecast gibt. Von dort aus ist eine Installation wie gewohnt auch möglich.

Steam Link: PC-Spiele auf den Chromecast streamen

Machen wir uns nichts vor: Von riesigen Blockbustern kann bei den meisten Apps aus dem PlayStore nicht die Rede sein, auch wenn viele Spiele tiefgründig sowie anspruchsvoll sind und viele Stunden begeistern können. Aber die wenigsten kommen an ein „The Witcher 3“ oder eine aktuelle „Assassin’s Creed“-Episode heran. Was also tun? Holt eure bereits bei Steam erworbenen PC-Spiele einfach auf den TV. So verwendet ihr den Chromecast als Spielkonsole für Windows-Games.

Das Menü, das vom PC auf den Chromecast gestreamt wird, lässt sich gut mit dem Controller bedienen. (Foto: Valve)
Das Menü, das vom PC auf den Chromecast gestreamt wird, lässt sich gut mit dem Controller bedienen. (Foto: Valve)

Die „Remote Play“-Funktion von Steam ist flott einsatzbereit: App für Chromecast herunterladen, Steam auf dem Rechner im gleichen Netzwerk aufrufen und App am TV starten. Gebt einen dargestellten Code am PC ein, schon steht die Verbindung. Steam schaltet zu einer hübschen Oberfläche, die sich perfekt mit dem Controller bedienen lässt. So muss das sein!

Ärgerlicher Aspekt: Ich hatte häufig Schwierigkeiten mit der Bildqualität, das Streaming ist trotz WIFI im 5GHz-Netz nicht optimal. Positiv bewerte ich dagegen die niedrige Latenz – ihr könnt also gut spielen. Eventuell könnten der Ethernet-Adapter und eine Kabelverbindung zum Router Abhilfe schaffen.

Grundvoraussetzung ist so oder so ein fürs Gaming geeigneter PC. Denn ein Großteil der Berechnungen erfolgt am Computer.

Sideload: Macht den Chromecast als Spielkonsole? Oder nur Bastelei?  

Was heißt Sideload? Gemeint ist die Installation von Apps, die offiziell (noch) nicht für den Chromecast vorgesehen sind. Möglich ist dies über den sogenannten Entwickler-Modus der Peripherie sowie der kostenfreien App TV File Commander, die ihr im PlayStore erhaltet. Zugleich benötigt ihr die APK-Dateien der aufzuspielenden Anwendungen, bei denen es sich in der Regel um Varianten für Android-basierte Smartphones handelt. Eine seriöse Anlaufquelle für App-Downloads ist zum Beispiel APKMirror.

Ernüchternde Ergebnisse und Lichtblicke

Das Ziel meines Sideload-Experiments war es, Cloudgaming-Angebote, die bisher nicht für den Chromecast mit Google TV verfügbar sind, zu installieren, um so die Spieletauglichkeit zu untersuchen. Die Ergebnisse sind ernüchternd:

  • GeForce Now: funktioniert nicht
  • Xbox GamePass /xCloud: funktioniert nicht bzw. lässt sich nicht installieren
  • Google Stadia: klappt!

Und hier muss ich zu meiner größten Überraschung sagen: Auch wenn Stadia zum Redaktionsschluss meines Texts (November 2020) auf dem neuen Chromecast noch nicht verfügbar ist (auf dem Chromecast Ultra dagegen schon), so zeigt der Sideload-Versuch, wie der Chromecast zur Spielkonsole mutieren kann – dank Streaming.

Stadia lässt sich über einen Sideload auf dem Chromecast mit Google TV installieren. (Foto: Sven Wernicke)
Stadia lässt sich über einen Sideload auf dem Chromecast mit Google TV installieren. (Foto: Sven Wernicke)

Ich nutzte die einmonatige Testmitgliedschaft, um „Destiny 2“, „Hitman“, „Sniper Elite 2“ oder das „Panzer Dragoon Remake“ mit dem Xbox-Controller zu zocken. Ohne Einschränkungen oder Probleme – wow!

Diverse Emulatoren für klassische Konsolen dürften auf diese Weise auf dem Chromecast funktionieren. Sowieso gibt’s einige Apps dieser Art regulär im PlayStore für Android TV. Ihr bewegt euch beim Einsatz unter Umständen in rechtlichen Grauzonen oder gar im illegalen Bereich.

Wird der Chromecast noch zu einer richtigen Spielkonsole?

Den Chromecast mit Google TV plus Controller bekommt ihr für um die 100 Euro. In dem jetzigen Zustand ist der winzige Streamingplayer kein Ersatz für eine vollwertige Spielkonsole. Schon gar nicht für eine Xbox Series X oder PlayStation 5. Das war abzusehen. Ich erkenne trotzdem enorm viel Potenzial, was Google nur noch ausschöpfen muss.

Die größte Überraschung: Stadia macht den Chromecast zu einer interessanten Spielkonsole. (Foto: Sven Wernicke)
Die größte Überraschung: Stadia macht den Chromecast zu einer interessanten Spielkonsole. (Foto: Sven Wernicke)

Schon jetzt ist der Chromecast eine Spielkonsole für Gelegenheits- und Wenigspieler. Und wenn der eigene Nachwuchs sporadisch mal ein Game wagen darf, soll oder möchte, dann findet sich auch eine geeignete App.

Sehr viel spannender sind die Zukunftsaussichten. Für 2021 ist Stadia für den neuen Chromecast geplant, das schon jetzt dank Sideload eine sehr gute Konsolen-Atmosphäre entstehen lässt. Ich hoffe sehr, dass auch Microsoft seine Xbox-Streaming-App auf Google TV bzw. Android TV bringt, denn so könntet ihr sogar Xbox-Spiele ohne eine solche Konsole auf dem TV erleben. Nötig wäre  „nur“ ein monatlich kündbares Gamepass-Abo.

Und sollten sich weitere Cloudgaming-Anbieter für Android TV öffnen, wären auch GeForce Now oder gar PlayStation Now (wohl eher unwahrscheinlich) noch reizvolle Kandidaten für die Zukunft. Mein Fazit: Chromecast als Spielkonsole? Ja, durchaus! Doch aufgrund der limitierten Hardware muss im Bereich Game-Streaming noch viel passieren, wenn er teuren Konsolen ernsthaft Paroli bieten wollte. Gerade Stadia zeigt aber, dass das auch praktisch möglich ist…

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