Xbox Cloud Gaming: So gut kann Game-Streaming sein!

Mit Xbox Cloud Gaming könnte Spiele-Streaming bald seinen Durchbruch erleben. Wir haben die Beta ausführlich getestet und sind angetan.

Xbox Cloud Gaming: So gut kann Game-Streaming sein!

Spiele-Streaming könnte die Zukunft gehören. Wenn die Anbieter eine vernünftige Spielebibliothek anbieten, für eine intuitive Bedienung sorgen und möglichst viele Geräte damit kompatibel sind. Das Xbox Cloud Gaming erfüllt dies alles, kämpft aber noch mit Kinderkrankheiten, über die wir schreiben wollen.

Spielen wie anno dazumal – mit Touch oder Controller

Eine der schönsten Cloud-Erfahrungen hat etwas vom Gaming längst vergangener Tage. Ihr sucht euch einen Titel aus, startet ihn und landet sehr bald im Titelbildschirm oder Spielgeschehen. Keine lästigen Downloads oder Updates, keine langwierigen Installationen.

Um den Spielspaß hoch zu halten, haben die Microsoft-Programmierer einige schöne Komfort-Features integriert. Da wäre zunächst die Touch-Steuerung, um so auf Smartphone, Tablet oder Chromebook ohne Controller zu spielen. Die Anwendung blendet dazu virtuelle Buttons ein, die das klassische Eingabegerät ersetzen. Gut: Für jedes Spiel ist das Layout eigens angepasst. Schlecht: Eine „echte“ Touchsteuerung gibt es nicht.

Dabei hätte sich die Berührungssteuerung solchen Titeln wie dem Strategiespiel Gears Tactics oder dem Football Manager 2022 geradezu aufgezwungen! Aber nix da. Die App emuliert die Controller-Eingaben und sendet sie ans Rechenzentrum. Das klassische Eingabegerät bleibt demnach jederzeit die erste Wahl und die Touch-Steuerung nur eine Behelfslösung.

Geringe Latenz

Da die Frage immer wieder aufkommt: Nein, richtig heftige Delays bei der Controller-Eingabe bis zur Bild-Ausgabe haben wir nicht feststellen können. Es fühlt sich manchmal etwas träge an und gerade in schnellen Spielen sind Heimkonsole und PC einen kleinen Tacken schneller. Dem Otto-Normalspieler ohne eSports-Ambitionen dürfte das aber kaum auffallen – und auch wir mussten uns sehr konzentrieren, um eine (vermeintlich) spürbare Latenz feststellen zu können.

Grafik mit Weichzeichner und Artefakten

Die Grafik kann für viele Konsoleros und PC-Enthusiasten ein Schock sein. Es spielen sicher Farbraum und Unterabtastungen eine gewichtige Rolle bei der Darstellung. Letztlich muss der Service garantieren, dass selbst bei stark schwankender Bandbreite möglichst viele Video-Informationen zuverlässig auf euer Endgerät streamen. Daher unterstützt Xbox Cloud Gaming kein HDR und rangiert auflösungstechnisch bei 720p bis 900p.

Das Resultat ist ein leichter Weichzeichner über der gesamten Szenerie und öfter mal „Schluckauf“. Kommen nicht ausreichend Datenpakete durch, fantasiert sich die Anwendung den Rest des Bildes zusammen. Anhand von vier Bildern aus gut eineinhalb Sekunden Halo Infinite können wir das zeigen:

In Bild 1 ist alles noch gut erkennbar. In Bild 2 zeigt sich, dass die Bandbreite einbricht, was in Bild 3 zu heftigen Artefakten führt. Einen Sekundenbruchteil später ist die Grafik [Bild 4] schon wieder ansehnlicher, kämpft aber noch mit verbliebenen Artefakten, die sich erst nach dem nächsten Keyframe wieder auflösen.

In unserem mehrwöchigen Test stellten wir einen Zusammenhang zwischen der Darstellung Tageszeit fest. Frühmorgens und bis zum Nachmittag traten die Bildstörungen nur sporadisch auf. Gegen Abend und in der Nacht häuften sie sich – mutmaßlich, weil viele User zeitgleich im Netz surften.

GTA: San Andreas Definitive Edition im Video

Solche Artefakte sind ohne Frage hässlich und stören. Unspielbar machten die Fehler aber keinen Titel. Und wie sieht das im Bewegtbild aus? Dazu haben wir euch eine B-Roll des neu aufgelegten Klassikers GTA. San Andreas angefertigt. Gut sieben Minuten unkommentiertes Gameplay:

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Die visuellen Defizite fallen auf, doch daran möchte Microsoft noch bis zum Ende der Beta-Phase werkeln. Einen Teil davon sollten die Ingenieure aussortieren können, doch dass das Bild nicht so brillant ist wie bei einem lokal installierten Spiel, liegt in der Natur der Sache.

Auf unsere Nachfrage, welch Hardware die Spiele berechnet, teilte uns Anbieter Microsoft mit, dass er Äquivalente zur topaktuellen Xbox Series X in seinen Server-Racks verwendet. Von hoher Auflösung und HDR profitiert ihr zwar nicht, dafür bieten die bereits optimierten Xbox-Spiele solchen Augenschmaus wie Raytracing.

Noch mehr Komfort und Service

Was wir wirklich goutieren, sind Komfort und Services, die Xbox Cloud Gaming in sich bündelt. Einfach mal ein Spiel aus dem Game-Pass-Aufgebot antesten? Kein Problem! Klickt drauf und los geht’s! Na gut, ein paar Sekunden müsst ihr warten. Aber ist das Game einmal geladen, ist die Verbindung wirklich stabil. In den zurückliegenden vier Wochen hatten wir nur ein einziges Mal einen Disconnect, den wir durch einen Spiele-Neustart behoben.

Verbindungsabbrüche waren bei uns selten – traten im Bekanntenkreis aber häufiger auf.

Da Microsoft seit Xbox-One-Zeiten Speicherstände online verwaltet, könnt ihr ein Spiel auf dem Smartphone beginnen, auf dem Rechner fortsetzen und auf der Xbox beenden. Dieses Cross-Save-Feature adelt den Streaming-Service und motiviert, immer mal wieder ins Spiel hineinzuschnuppern. Egal, wo ihr euch befindet und welches Bildschirmgerät gerade vor der Nase hängt.

Beta-Baustellen und Fazit

Das liest sich alles zu gut, um wahr zu sein? Ganz bewusst haben wir uns die größeren Negativpunkte für den Schlussteil unseres Testabschnitts aufgehoben. Denn da der Service in der Testphase ist, gibt es kleinere und größere Baustellen. Zunächst: Ja, Xbox Cloud Gaming funktioniert gut und auf erstaunlich vielen Geräten.

Bislang hat Microsoft aber nicht erkennen lassen, ob das Streaming später auch klappt, solltet ihr ein Spiel nur kaufen wollen, statt den Game Pass zu abonnieren. Denn es kann frustrierend sein, dass euer Lieblingsspiel nach vielen Monaten im Abo-Aufgebot verschwindet – und ihr schlicht nicht weiter zocken könnt.

Cloud Gaming kommt aus der Nische in den Massenmarkt. (Foto: Microsoft)

Apropos „zocken können“: Auf unseren Geräten funktionierten Touch- und Controller-Steuerung gut, im Bekanntenkreis hörten wir aber vereinzelt Meldungen, dass Xbox Cloud Gaming einfach einfror, den Controller urplötzlich nicht mehr erkannte oder nach dem Lesen einer Smartphone-Nachricht das Spiel eiskalt neu startete.

Das aber scheinen seltene Kinderkrankheiten zu sein, die Microsoft aussortiert. Schon in den zurückliegenden Wochen waren hier und da Verbesserungen festzustellen. Die Ladezeiten fielen kürzer aus, die Cloud-Speicherstände waren nahezu in Echtzeit synchronisiert und kleinere Controller-Bugs gab es nicht mehr.

Sollte Microsoft weiter so akribisch die To-Do- und Fehlerlisten abarbeiten, könnte Xbox Cloud Gaming technisch der bislang am besten ausgereifte Streaming-Service am Markt werden. Kämen Features wie Spielekauf, echte Touchsteuerung und PC-Games hinzu, degradierte Xbox Cloud Gaming die Konkurrenz von Stadia und GeForce Now.

Was ist Xbox Cloud Gaming und auf welchen Geräten läuft es?

Microsoft Xbox Cloud Gaming – vormals xCloud – ist ein Game-Streaming-Service. Die Spiele laufen auf einem Rechner im Netz und senden Bild, Ton und haptisches Feedback an eines eurer Empfangsgeräte und den Controller. Zugriff auf den Service haben viele digitale Geräte: die Xbox One und Series X | S gehören selbstverständlich dazu.

Spielkonsole Xbox One: Gleichzeitig Eintertainment-Center (Foto: Microsoft)
Selbst die alte Xbox One von 2013 kann Siele streamen. (Foto: Microsoft)

Auf Android-Smartphones, Windows-Rechnern und Chromebooks läuft Xbox Cloud Gaming in der Game-Pass-App oder im Browser. Für alle anderen Geräte braucht ihr einen Chromium-basierten oder -kompatiblen Webbrowser. Das gilt für Raspberry Pi 4, Linux-PCs und iPhone. Wollt ihr aber Xbox Cloud Gaming auf dem iPhone oder iPad nutzen, müsst ihr zwangsläufig einen zweiten Browser neben dem vorinstallierten Safari laden, da Apples Software ein anderes Framework besitzt.

Habt ihr die Hardware, muss noch die Internetverbindung flott genug sein. Microsoft empfiehlt eine 5-GHz-Anbindung an euren Router (oder 5G) mit 10 Mbps im Download, um die Spiele zu streamen.

Nicht zu verwechseln ist Xbox Cloud Gaming mit dem Konsolen-Streaming, mittels dessen ihr Spiele von eurer eigenen Xbox auf Handy oder Tablet übertragt. Und nicht unerwähnt lassen wollen wir, dass es mit Stadia und GeForce Now auch ernsthafte Konkurrenz gibt, die aber einen etwas anderen Ansatz verfolgt. Denn Xbox Cloud Gaming ist ein reiner Abo-Dienst ohne Kaufmöglichkeit.

Was kostet und bietet Xbox Cloud Gaming?

Den Streaming-Service bietet Microsoft nur im Paket mit dem Game Pass Ultimate an. Dieser kostet 12,99 € pro Monat und umfasst über 200 Titel für Xbox und PC. Darunter sind exklusive Games wie Gears of War, ReCore oder die Rare Replay Collection. Besonders ist, dass diese Spiele nicht von der Resterampe stammen. Seid ihr Game-Pass-Abonnent, könnt ihr auch die richtig großen Titel ohne Zusatzkosten ab Erscheinungstag spielen. Jüngst gehörten Forza Horizon 5 und Halo Infinite zum Neuinventar.

Microsoft erweiterte das Portfolio um den Abo-Service EA Play, so dass auch die neueren FIFA-Games, Mass Effect und Need for Speed aus dem Hause Electronic Arts vertreten sind. Ohne weitere Mehrkosten, womit ihr 24 Euro pro Jahr einspart.

Weiter klopfte Ubisoft an die Pforte und bietet künftig viele Spiele an. Einen Einstand nach Maß feierte der französische Publisher mit dem brandneuen Rainbow Six Extraction. Ebenfalls ab Tag 1 verfügbar.

Electronic Arts integrierte seinen Abo-Dienst in den Game Pass – so erhaltet ihr ohne Aufpreis weitere Top-Titel.

Alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz, denn das Angebot variiert – kommen neue Game-Pass-Titel hinzu, müssen alte Spiele gehen. Welche das sind, kommuniziert Microsoft auf Twitter und dem eigenen Blog. Setzt ihr nur aufs Cloud Gaming, könnte es daher Dämpfer geben, denn im Gegensatz zu Stadia und GeForce Now besteht keine Möglichkeit, Spiele zu kaufen und zu streamen.

Laufen alle Game-Pass-Spiele auch auf Cloud?

Ganz klar: nein. PC-exklusive Spiele tauchen unter Xbox Cloud Gaming nicht auf, daher findet ihr beispielsweise kein Age of Empires. Ein Gros der im Game Pass enthaltenen Xbox-Konsolenspiele unterstützt zwar Cloud Gaming. Manche Titel, darunter der Flight Simulator, sind aber nicht kompatibel. Startet ihr die Game-Pass-App auf Xbox, zeigen euch in der Übersicht ein Wolken-Symbol und in der Spieleauswahl ein separater Eintrag an, ob Microsoft den Titel in der Cloud bereitstellt.

Auf Smart-Devices erscheinen in der App die spielbaren Titel in einem separaten Reiter. Seid ihr mit eurem Browser unterwegs, zeigt die Zugangsseite xbox.com/play ausschließlich Cloud-spielbare Games. Die gut überlegte Sortierung erleichtert den Zugriff auf die Abo-Titel. Klickt drauf und schon kann es losgehen.

Xbox Cloud Gaming ist in der Beta-Phase verfügbar. Es ist Bestandteil des Game Pass Ultimate, der 12,99 Euro/Monat kostet. Auf Android, Chromebook und Windows-PC läuft der Service in einer nativen App. Andere Geräte können via Chromium-basiertem Browser über die Seite xbox.com/play zugreifen. Ein Controller ist zu empfehlen.

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