E-Mobilität in Deutschland rollt was später – und das ist okay

Die Bundesregierung will E-Tretroller für den Straßenverkehr freigeben. Das ist nur ein Teil dessen, was sich Freunde der E-Mobilität wünschen, und wie so oft in Deutschland wird es noch etwas dauern. Doch das ist in Ordnung, denn es geht um Menschenleben.

Wir Deutschen und unsere Bürokratie… Die eine Hälfte hasst sie, die andere liebt und lebt sie. Zahlreiche Vorschriften sorgen meist dafür, dass hier alles immer etwas länger dauert als drüben in Amerika oder weit weg im Fernen Osten. Baustellen, Abgasverordnungen und auch die E-Mobilität. Alles steht hier immer unter einem besonderen Prüfstand. Nun aber hat die Bundesregierung endlich grünes Licht gegeben: E-Scooter oder auch E-Tretroller dürfen künftig auf deutschen Rad- und Gehwegen rollen.

Noch sind viele Fragen offen: Dieser Scooter von Hiboy schafft – ebenso wie der von Heliot im Titelbild bis zu 25 km/h, darf aber nur 20.

Noch sind viele Fragen offen: Dieser Scooter von Hiboy schafft – ebenso wie der von Heliot im Titelbild bis zu 25 km/h, darf aber nur 20.

Gut ein halbes Jahr nach vielen anderen EU-Staaten. Und auch erst nachdem der Bundesrat am 17. Mai zugestimmt hat. Und die neue Regelung mit dem herrlich bürokratischen Namen Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) gilt erst einmal nur für E-Scooter, also solche mit einer Lenkstange. Von E-Skateboards ist hier noch nicht die Rede. Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung schreibt dazu in der offiziellen Pressemeldung:

Ein Elektrokleinstfahrzeug muss verkehrssicher sein, bremsen können, steuerbar sein und eine Beleuchtungsanlage haben.

Und man denkt sich schon wieder: Herrschaftszeiten! Hört diese deutsche Regel- und Bestimmungswut denn nie auf? Denn es kommt noch besser. Weiter heißt es:

Durch die Einführung der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung werden Änderungen in den straßenverkehrsrechtlichen Vorschriften wie der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV), der Fahrzeug-Zulassungsverordnung (FZV) und der Bußgeldkatalog-Verordnung (BKatV) notwendig.

Eine Versicherungsplakette muss das Elektrokleinstfahrzeug dann übrigens auch noch tragen. Und man will mit dem Kopf schütteln: Mensch, in Asien machen sie einfach. Und hier…

Zahlreiche Verletzungen durch E-Scooter-Boom in den USA

Ja, in Deutschland dauert alles immer ein wenig länger. Aber in diesem Falle geht das für mich in Ordnung. Wir reden hier immerhin von Tretrollern, die technisch weit über 20 km/h schaffen könnten. Kein Helm, keine Knautschzone. Das ist schon ein sattes Tempo, stellt man sich vor, ein Rollerfahrer führe damit frontal gegen ein entgegenkommendes Auto. Dass die Bundesregierung jetzt die schnelleren E-Scooter erst ab 14 freigibt und die Höchstgeschwindigkeit ohne Helm auf 20 km/h begrenzt, klingt gar nicht so widersinnig.

Die Washington Post recherchierte im vergangenen Sommer in Krankenhäusern und ermittelte eine stattliche Zahl von Unfallopfern in Zusammenhang mit E-Scootern. Die Ursachen meistens: zu hohe Geschwindigkeit, Kontrollverlust über das Gerät oder auch Defekte von Rädern oder Bremsen. Wäre man böse, würde man sagen: Die Amis haben für uns schon einmal die Sicherheit getestet.

Die neue Verordnung unterteilt übrigens noch zwei Geräteklassen: Bis 12 km/h dürfen die E-Tretroller auf Gehwegen und sogar in Fußgängerzonen fahren. E-Scooter, die zwischen 12 und 20 km/h schaffen, müssen auf die Radwege. Bei zweitgenannter Kategorie greift auch das Mindestalter von 14 Jahren.

Verliebt in einen deutschen E-Roller

Und so ist es eben in Deutschland: Es dauert alles immer etwas länger, aber nicht selten steht dabei die Sicherheit im Vordergrund. Man muss nicht mit dem Schlimmsten rechnen, was ADFC und Verkehrswacht anmahnen. Für gefährlicher als Fahrräder halte ich die E-Roller dann auch nicht. Aber die Roller gänzlich unkontrolliert auf die Straßen zu lassen und schwere Unfälle in Kauf zu nehmen – das wäre nicht die Lösung gewesen.

Dyu was my first love...

Dyu was my first love…

Eine persönliche Anekdote noch zum Schluss: Vergangenen Dezember sah ich im Urlaub in Singapur viele Menschen mit einem E-Roller der Leichtbauweise herumfahren. Der F-Wheel Dyu D1 sieht aus wie ein Pedelec, fährt aber, ohne dass man treten müsste, bis zu 30 km/h schnell. Dazu ultraleicht und chic – ich war verliebt und wollte das Ding am liebsten sofort nach Deutschland importieren.

Eine Bestellung wäre über einschlägige Wege auch kein Problem gewesen. Wohl aber die Zulassung in Deutschland. Ohne getrennte Bremssysteme und weitere Details wie ein Bremslicht hinten, eine elektronische Hupe und eine Beleuchtung, die aus dem Akku gespeist wird, bekäme der Dyu D1 in Deutschland keine Zulassung. Um die sich der Hersteller auch noch nicht gekümmert hatte. Ein Bekannter schlug noch vor, es – bei ungewissem Ausgang – mit einer Einzelabnahme beim TÜV zu versuchen. Dort fragte ich sogar noch an – und erhielt nie eine Antwort. Ich gab vorübergehend auf.

... but it won't be last. Denn mittlerweile finde ich den Kumpan 1950 aus deutscher Produktion viel hübscher.

… but it won’t be last. Denn mittlerweile finde ich den Kumpan 1950 aus deutscher Produktion viel hübscher.

Vergangene Woche dann machte ich eine Probefahrt bei einem E-Roller-Geschäft in der Region. Der Hersteller, Kumpan Electric, bietet einen ganz ähnlichen Roller an, der längst eine Straßenzulassung in Deutschland hat – und gar nicht mal so viel mehr kosten soll als der Dyu D1. Jetzt bin ich wieder verliebt – und siehe, das geht auch mit dem Segen der deutschen Bürokratie.

E-Scooter wie den CityBlitz CB009W findet ihr auch bei Euronics. Fahren dürft ihr den im öffentlichen Straßenverkehr aber erst, wenn der Bundesrat zugestimmt hat und die neue Verordnung in Kraft tritt.

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