Es werde Licht: Google Nachtsicht und Huawei Nachtmodus im Vergleich

Google und Huawei nutzen für ihre Smartphone-Kameras künstliche Intelligenz und clevere Algorithmen, um aus dunklen Motiven taghelle Fotos zu machen. Wir haben Google Nachtsicht mit dem Huawei Nachtmodus verglichen.

Lange war es eine zu große Herausforderung für Smartphone-Kameras, bei Dunkelheit ansprechende Fotos zu schießen. Google und Huawei setzen seit einiger Zeit zwei sehr ähnliche Arten eines Nachtmodus‘ in ihren Kameras ein, die auch noch den letzte Rest Licht voll auszunutzen. Wir haben beide Techniken miteinander verglichen.

Nachtmodus bislang nur für einige Geräte

Huawei verwendete den Nachtmodus erstmals im P20 Pro im Frühjahr 2018. Wir testen sie hier im Mate 20 Pro, dem aktuellen Huawei-Flaggschiff. Google Nachtsicht ist eine Funktion, die Google in die Kamera-App für die eigenen Pixel-Smartphones integriert. Google lässt die Beta-Version der Funktion seit November 2018 auf die Nutzer los. Da wir leider noch nicht an ein Testgerät des neuen Pixel 3 gekommen sind, haben wir Nachtsicht am Vorgänger Pixel 2 getestet.

Beginnen wir mit einem offensichtlichen Vergleich. Das Haus in den folgenden Bildern ist auch im Normalmodus gut zu erkennen. Die Nachtversionen der Kameras lassen aber auch die Umgebung beinahe taghell werden:

Während der Unterschied bei den beiden Fotos mit dem Pixel 2 gering ist, ist er beim Huawei Mate 20 Pro gigantisch. Personen wirken zwar verwischt, die Umgebung aber fast schon surreal hell – und die Leuchtreklame des Geschäfts im Erdgeschoss trotzdem lesbar.

Wie funktioniert ein Nachtmodus?

Beide Modi arbeiten ähnlich. Wählt ein Nutzer die Nachtsicht oder den Nachtmodus, nimmt die Kamera in kürzester Zeit gleich eine ganze Reihe von Bildern auf. Clevere Algorithmen dank künstlicher Intelligenz und Milliarden von Rechenoperationen pro Sekunde setzen diese Details wieder zusammen. So geschehen in der nächsten Bilderreihe:

Hier ist der Unterschied zwischen Normal- und Nachtsichtbildern gering. Das liegt aber daran, dass ohnehin schon sehr viel Licht vorhanden ist. Die Nachtmodi fokussieren die einzelnen Bilder unterschiedlich, stellen etwa in jedem Bild einen anderen Bereich des Bildes hell, um so mehr über das Motiv in Erfahrung zu bringen.

Was ist zum Beispiel die Lichtquelle, welche Farben sind vorhanden, wie ist die Verteilung der Tonwerte? Kurz gesagt holt der Nachtmodus noch etwas mehr heraus. Das ist der Grund, warum der Flammlachsstand auf den Nachtbildern noch etwas heimeliger aussieht. Nicht immer arbeiten die Algorithmen dabei sauber. In der folgenden Bilderreihe etwa wirkt es besonders bei Huaweis Fotos so, als würde der Nachtmodus es übertreiben:

Die Techniken beider Hersteller greifen dabei natürlich auf HDR zurück – aber nicht nur. Bei HDR (High Dynamic Range) schießt die Kamera traditionell zwei Aufnahmen vom gleichen Objekt. Jedes davon ist unterschiedlich belichtet. So beleuchtet die Kamera an einem sonnigen Tag etwa zuerst die hellen Bereiche eines Motivs und im zweiten Bild die Schatten. Der Prozessor setzt danach die hellen Bereiche beider Aufnahmen zu einem Bild zusammen. So entsteht ein oftmals recht „bunt“ wirkendes HDR-Bild.

Dabei bleibt es aber nicht. Die HDR-Technik hat sich in den vergangenen Jahren so weiterentwickelt, dass eine Kamera auch weit mehr als 2 Aufnahmen pro Bild machen kann. Google macht bei seiner Technik namens HDR+ sogar bis zu 15 Aufnahmen pro Bild. Die Verschlusszeit passt der schlaue Algorithmus den Gegebenheiten an.

Nachtmodus: Die große Stunde künstlicher Intelligenz

Aber dabei bleibt es bei Google Nachtsicht und dem Huawei Nachtmodus noch nicht. Künstliche Intelligenz hilft etwa zu erkennen, welches Licht ein Motiv wohl wirklich haben könnte – entsprechend passt die Technik den Weißabgleich an, so dass Bilder nicht zu rot- oder gelbstichig werden.

Ganz nebenbei registrieren die Modi über die Bewegungssensoren und das Gyroskop des Smartphones schon vor der Aufnahme, wie sehr und in welcher Art und Weise die Nutzerin oder der Nutzer das Gerät bewegen. Die Technik sorgt dann für den Ausgleich – wobei es natürlich von Vorteil ist, wenn die Kameralinse über einen optischen Bildstabilisator verfügt, Bewegungen also ausgleichen kann. Folgendes Ergebnis finde ich besonders interessant:

Im Normalbild des Pixel 2 seht ihr, was ich auch in Wirklichkeit gesehen habe: nämlich so gut wie nichts. Um das Motiv hell zu stellen, entscheidet sich die Nachtsicht für eine sehr hohe Lichtempfindlichkeit – und damit auch ein starkes Rauschen. Huaweis Trumpf ist zwar nicht ganz so hell, aber dafür nahezu unverrauscht und trotzdem knackig scharf. Erkennt ihr, was dort zu sehen ist? Es ist mein neuer Koffer, der – stark nach Chemikalien riechend – gerade auf dem Balkon auslüftet.

Was unterscheidet Nachtsicht von einer Langzeitbelichtung?

Wer sich ein wenig mit Fotografie auskennt, der weiß: Habe ich wenig Licht und möchte ich kein Rauschen, dann belichte ich einfach länger. Ein paar Sekunden, wenn es sein muss. Wenn das Bild dann nicht verwackelt sein soll, muss aber ein Stativ her. Und das ist ja gerade das, was Smartphone-Nutzer vermeiden wollen.

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Auch der Nachtmodus verlangt von euch, das Smartphone für ein paar Sekunden ruhig zu halten. Es nimmt dann allerdings nicht nur eine, besonders lange Belichtung vor, sondern eine Reihe von Belichtungen, die in wenigen Augenblicken zusammengesetzt werden. So soll das Bild im Prinzip nicht verwackeln. In der Praxis passiert das allerdings doch hin und wieder. Hätte mich aber auch überrascht, wenn die Technik in so einem frühen Stadium schon perfekt wäre.

Ausblick und Fazit: Der Nachtmodus ändert alles

Wer meine Testberichte über Smartphones hier auf dem Blog ein wenig verfolgt, der weiß, dass ich immer wieder gerne dieses Motiv ablichte. Ich habe es vor einem Jahr als Härtetest für Smartphone-Kameras deklariert. Und wie ihr im Beitrag dazu sehen könnt, sind noch vor einem Jahr die Smartphones reihenweise daran gescheitert. Nun hingegen…

Das Ergebnis beeindruckt mich am meisten. Schon die Normalbelichtungen bestehen den Test. Aber die Aufnahmen mit Google Nachtsicht und dem Huawei Nachtmodus lösen die Aufgabe, als hätte da nie ein Problem bestanden. Die Umgebung hell erleuchtet und die strahlend rote Leuchtreklame trotzdem perfekt lesbar.

Das möchte ich allen Kritikern entgegenhalten, die argumentieren, bei neuen Smartphones tue sich nicht mehr viel. Im Gegenteil: 2018 war das Jahr, in dem sich das (nahezu) randlose Display endgültig durchgesetzt hat, in dem ich perfekt verarbeitete Geräte praktisch ohne Reaktionsverzögerung getestet habe. Und eben auch ein Jahr, in dem die Kamera-Technik einen sagenhaften Sprung gemacht hat.

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Und haltet ihr euch vor Augen, dass Techniken wie der Huawei Nachtmodus und Google Nachtsicht gerade mal ein paar Monate respektive Wochen alt sind, dann malt euch gerne mal aus, wo die Entwicklung erst in 2 bis 3 Jahren stehen wird. Ich bin sehr, sehr gespannt. Und ihr?

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