Bluetooth-Geräte

Bluetooth: Von der Nervensäge zum Lebensretter

Jürgen Vielmeier stand auf Kriegsfuß mit Bluetooth. Doch dann haben die Entwickler der Corona-Warn-App der anfälligen Technik plötzlich das Zeug zum Lebensretter eingehaucht. Zeit für eine Neubewertung?

Im Prinzip ist Bluetooth toll, in der Praxis aber erschreckend dumm und grauenhaft fehleranfällig. Ein großer Freund dieser Technik war ich noch nie, dafür hat sie mich zu viele Nerven gekostet. Nicht wegen ihres prinzipiellen Nutzens, sondern wegen der jeweils erbärmlichen Umsetzung. Ein paar Beispiele, die ihr ziemlich sicher selbst kennt:

  • Eine Bluetooth-Kopplung zwischen Smartphone und Lautsprecher misslingt immer erst einmal. Ihr müsst tief in die Einstellungen gehen, etliche Knöpfe drücken und vielleicht sogar noch einen blöden Code eingeben, damit die beiden sich endlich koppeln.
  • „Wird verbunden…“. Die Geräte sind angeblich schon verbunden, ihr hört aber nichts. Nicht selten kommt die Verbindung erst beim x-ten Versuch zustande.
  • Ihr habt die Geräte endlich gekoppelt, aber spätestens beim fünften Aufeinandertreffen kennen sich die beiden nicht mehr. Ihr müsst die Verbindung immer wieder erneut herstellen.

Das sind nur die größten Bluetooth-Nervfaktoren, abgesehen von Outdoor-Aktivisten, die der Meinung sind, ihre Musik über den Bluetooth-Lautsprecher gehöre besonders laut aufgedreht. Aber darum soll es hier ausnahmsweise mal nicht gehen.

Nicht mehr Bluetooth als notwendig, doch dann das

Neulich wollte ich einmal ein paar Bilder von meinem Android-Smartphone an meinen mit Linux präparierten Laptop schicken. (Anders als mit macOS geht das ja mit Linux im Prinzip.) Die Übertragung dauerte Minuten. Und nur weil die Technik schon 20 Jahre auf dem Buckel hat und in jedem x-beliebigen Gerät steckt, heißt das noch lange nicht, dass ich Freunden damit mal eben ein paar Bilder rüberschicken könnte. Irgend etwas geht dabei für gewöhnlich schief. Für diesen Einsatzzweck ist man längst auf den Messenger seines Vertrauens umgestiegen, obwohl Bluetooth dafür eigentlich besser geeignet wäre, direkter, datensparsamer und weniger neugierig.

Sprich: In der Theorie ist Bluetooth toll, in der Praxis ist es eine schlimme Nervensäge.

Doch jetzt das: In dieser Woche initiierten die Bundesregierung und ihre Alliierten von T-Systems, SAP und dem Robert-Koch-Institut eine Charmeoffensive für die umstrittene Technik. Bluetooth wurde plötzlich zum Superstar und zum Herzstück der neuen Corona-Warn-App. Es wirkte, als hätte Hollywood John Travolta zum dritten Mal wiederentdeckt, weil seine Tanz-Künste, von denen keiner mehr wusste, für einen neuen Film wieder gefragt waren.

Mit Bluetooth geht alles und gar nichts, deswegen greifen Hersteller wie hier, Philips, alternativ gerne auf Eingenentwicklungen zurück.

Mit Bluetooth geht alles und gar nichts, deswegen greifen Hersteller wie hier, Philips, alternativ gerne auf Eingenentwicklungen zurück.

Fast vergessene Superkräfte

Bluetooth kann nämlich mehr als nur Daten zu übertragen. Bluetooth kann auch Abstände messen. Zumindest ungefähr. Und so setzen die Entwickler der Corona-Warn-App die Technik dazu ein, um zu ermitteln, welche/r Neuinfizierte euch irgendwann einmal zu lange zu nah gekommen sein könnte. Also bis auf 2 oder 1,5 Meter Distanz.

Kann Bluetooth das überhaupt so genau messen? Die Entwickler der App greifen dabei auf angeblich gut getestete Verfahren zurück. Ingenieur David G. Young hat sich in einem längeren, aber gut verständlichen Beitrag kürzlich noch einmal mit der Thematik auseinander gesetzt. Sein Fazit: Auf den Dezimeter oder wenigstens den Meter genau Abstände messen kann Bluetooth nicht. Smartphone-Hüllen und eine zu große Fragmentierung des Marktes erschwerten eine zuverlässige Beacon-Technik. Daneben steige die Fehlerquote mit wachsendem Abstand exponentiell.

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Bei 1 Meter Abstand beträgt die Fehlerquote 0,5 Meter, bei 2 Metern Abstand bereits 1 Meter. Für eine Kontaktverfolgung zur Eindämmung von Corona ist das allerdings gar kein so großes Problem: Weiter entfernte Personen dürften ohnehin eine geringe Ansteckungsgefahr bedeuten. Und ist überhaupt schon geklärt, ob dem Virus 1,6 oder 2,1 Meter lieber sind? Was die Abstandsmessung mit Bluetooth in Kombination mit anderen Sensoren und Algorithmen durchaus kann, ist abzuschätzen, ob sich jemand über einen längeren Zeitraum in etwa 1,5 oder 2,5 Meter Abstand zu euch befunden hat. Und das reicht für eine recht qualifizierte Einschätzung allemal.

Da geht noch mehr

Die Corona-Warn-App in Zusammenarbeit mit Bluetooth ist aber noch mehr. Sie ist ein Augenöffner für längst vergessene Möglichkeiten: Wir lernen durch sie, dass Kommunikation mit Unbekannten in der Nähe möglich ist – sogar anonym und datensparsam. Die Sicherheit unserer Daten ist nicht gefährdet, es ließe sich gar noch viel mehr mit einer solchen Technik anstellen, jetzt wo wir für die Möglichkeiten und die geringe Gefahr sensibilisiert worden sind.

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Ich denke da an Anwendungen im Bereich Kommunikation, Dating, Gefahrenabwehr, Terminplanung, Werbung, Mietservices. Alles längst möglich, aber irgendwie viel zu wenig erprobt. Vielleicht erfahren weitergehende Bluetooth-Dienste durch die Corona-Warn-App eine Renaissance, auch weil wir Anwender plötzlich deutlich aufgeschlossener dafür sind. Dann hätte die Technik wenigstens die Chance, ihren schlechten Ruf aufzubessern.

Und wenn sie sich nur mit einem Knopfdruck mit meinem Lautsprecher, dem Autoradio oder mit den Smartphones meiner Freunde verbinden würde? Das würde mir eigentlich schon reichen.

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