Kommentar zur Gamescom 2021: Dem Untergang geweiht

Die Gamescom ist nicht mehr zeitgemäß und kämpft gegen ihren Bedeutungsverlust an. Ein Kommentar von Trendblog-Autor Daniel Wendorf.

Kommentar zur Gamescom 2021: Dem Untergang geweiht

Die Hälfte der deutschen Bevölkerung spielt regelmäßig Videospiele. Die Branche setzt Milliarden um und hat sich im zurückliegenden Jahr weiter in der gesellschaftlichen Mitte verankert, wie es so schön heißt. Eine Messe wie die Gamescom sollte da doch boomen, oder? Schon zur E3 2021 stellten Kollege Andreas Altenheimer von Games Insider und ich im Trendcast fest, dass die Spielemessen etwas aus der Zeit gefallen scheinen:

Online = Hype?

Zum zweiten Mal in Folge fand die Videospielmesse Gamescom rein digital statt. Die Pandemie zertrümmerte die Hoffnungen der Veranstalter, wieder Publikum in die Kölner Messe zu lassen.

So fehlten die üblichen Bilder und Töne einer Messe: Dicht gedrängte Menschenmassen, die sich im Stroboskopgewitter durch überfüllte, überlaut beschallte Hallen schieben. Fans, die stundenlang ausharren, um für wenige Minuten Hand anlegen zu können an eines der kommenden Games-Highlights. Nicht zuletzt fehlte auch die Backstage-Berichterstattung, wo Redakteure auf Designer, Programmierer und Studiochefs treffen.

Den Bedeutungsverlust sehe ich in vier Gründen.

Grund 1: Online kommt keine Stimmung auf

Der Exzess, das Wilde, das Vorfreudige fand ausschließlich online statt. Jeder Fan vor seinem Bildschirm, aber in einer den Globus umspannenden Community vereint. Das ist so aufregend wie eine Zoom-Konferenz mit der Buchhaltung. Veranstalter KoelnMesse und der deutsche Branchenverband Game frohlockten dennoch: Allein die zweistündige Online-Eröffnungsveranstaltung habe es auf 5,8 Millionen Views gebracht. Für sich genommen eine beachtliche Zahl.

5,8 Millionen sollen die Opening Night angesehen haben. Der offizielle YouTube-Kanal der Gamescom kommt auf etwas mehr als 91.000 Zugriffe. (Quelle: YouTube / Mit Material der KoelnMesse)

Nur: Großzügig eingerechnet sind 1.500 parallel übertragene Co-Streams auf Twitch, Facebook und YouTube Gaming. Die Gastgeber sind die jeweiligen Kanalinhaber/Streamer, deretwegen Spiele-Begeisterte online zuschalten. Auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Gamescom kommt die mit viel Pomp inszenierte Sendung nach fast einer Woche auf bescheidene 91.501 Aufrufe. Für private Kanäle wäre das ein Durchbruch, nicht aber für die erfolgsverwöhnte KoelnMesse.

Stellt man die anderen, offiziell kommunizierten Zahlen daneben, verzwergt die Gamescom.

Grund 2: Miese »Besucher«-Zahlen

So haben 15.000 Interessierte die interaktiven Messestände der 250 vertretenen Indie-Studios im Netz besucht. Auf 118.000 Teilnehmer kommt der Games Congress. Laut Eigenwerbung »Europas führende Konferenz rund um die Potenziale von Computer- und Videospielen in Gesellschaft und Wirtschaft«.

Die KoelnMesse leidet unter der Pandemie. (Foto: KoelnMesse)

Die Entwicklerkonferenz devcom besuchten in Summe 2.000 Fachinteressierte aus 87 Ländern, die 250 Vorträgen und Panels lauschten. Krass ist das Missverhältnis beim omnipräsenten Klima-Thema: Für das Projekt Gamescom Forest spendeten die Gamer zusammen weniger als 7.000 Euro in etwas mehr als 300 Donations zur Aufforstung eines Waldes in der Nähe von Bayreuth.

Grund 3: Die Hersteller brauchen die Messe nicht

Früher hatten Spiele-Messen denselben Stellenwert wie Weihnachten und Ostern zusammen. Gamer lechzten nach neuem Material, die Hersteller bastelten zu dem herbeigesehnten Tag X topaktuelle Trailer zusammen, über die die Spielemagazine berichteten. E3 oder Gamescom galten als ideale Bühne, um den Hype loszutreten.

Die PR-Mitarbeiter und Agenturen der Spielehersteller setzen mittlerweile auf eine direkte Kommunikation mit ihrem Zielpublikum. Vorzugsweise über Twitter, Facebook, Instagram oder YouTube. Das ist schneller, günstiger und flexibler als die feste Taktung der Spielemessen.

Das zeigte die Gamescom 2021. Die Messe war – auch wegen ihrer zeitlichen Nähe zur E3 – noch nie die ganz große Bühne der weltbewegenden Ankündigungen. Dass aber die Premieren-Highlights in diesem Jahr »Saints Row« und »Park Beyond« heißen, sagt viel über den Stellenwert der Schau aus.

Deutlicher wird der Bedeutungsverlust, geht man die Aussteller durch. Zwei der drei großen Konsolenhersteller nahmen nicht teil. Nur Microsoft zeigte ein paar neue Games und schob ansonsten die frisch eingekauften Studios ins Rampenlicht. ActivisionBlizzard und Electronic Arts vertrösteten mit längst bekanntem Material. Square Enix, CD Projekt Red oder THQ Nordic blieben dem Online-Happening fern.

Unter den Ausstellern sind auch Namen, die wenige mit Spielen assoziieren dürften. (Mit Material von KoelnMesse)

Ihre Slots besetzten auch solche Namen, die bislang und künftig eher weniger mit Spielen zu tun haben: Das BSI, das Ministerium des Innern NRW oder Volkswagen Nutzfahrzeuge. Sie machen sich in der Statistik aber ganz prima, prügeln sie doch die Ausstellerzahlen nach oben.

Um es noch einmal zuzuspitzen: Was wären kürzlich vorgestellte Spiele-Highlights, die ihr mit der Gamescom 2021 verbindet? Eben.

Grund 4: Die Gamescom erzeugt keine Aufmerksamkeit

»War da was?« So fiel die erwartbare Reaktion selbst gut informierter Kollegen aus. Die Gamescom 2021 erzeugte kein Geräusch, keinen Hype, keine Kontroverse. Kurzum: Die Messe erzeugte kaum Aufmerksamkeit, was neben Klicks oder Besucherzahlen aber die einzig relevante Größe einer solchen Veranstaltung ist.

Und sind die drei vorgenannten Gründe noch irgendwie auf die Pandemie zurückzuführen, so trifft dieser Punkt die KölnMesse. Denn sie stellt die Plattform zur Verfügung, mit der die Online-Aussteller ihr Publikum erreichen sollen.

„Komm in die Gruppe!“ Die Konzepte – jap, Plural – der Gamescom erzeugten wenig Aufmerksamkeit. (Mit Material von KoelnMesse / Gamescom)

Aus dem Fundament der eigenen Homepage ragt nicht nur ein Konzept heraus, sondern derer ungezählte. Ein Online-Event hier, eine Spielesause da, ein YouTube-Stream da drüben, ein Indie-Happening in einer ganz anderen Netz-Ecke. Das Prinzip Gießkanne. Nur ist davon in der Öffentlichkeit kaum etwas mit der gamescom assoziiert. Ein Armutszeugnis für die Organisatoren und sicher auch eine große Diskussion innerhalb des Branchenverbands game.

Alle genannten Gründe könnten 2022 voll durchschlagen. Für kommendes Jahr plant die KoelnMesse mit einer Hybrid-Veranstaltung. Ein Teil findet digital statt, Publikum soll aber wieder in die Messehallen strömen können. Wenn die großen Hersteller feststellen, dass ihre Reichweite, ihre Absatz- und Umsatzzahlen aber auch ohne Gamescom-Messe und die dort produzierten Bilder voller Messehallen stabil bleiben, dürfte sich die Gamescom alsbald erledigt haben. Denn ein andere Daseinsberechtigung hat die Gamescom kaum noch.

Dann droht ihr das gleiche Schicksal wie der Games Convention in Leipzig an der Schwelle zum vergangenen Jahrzehnt. Sie findet einfach nicht statt – und niemand vermisst sie.

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