WLAN im ICE: Bis zu 19 Mbit/s im Speedtest, aber ständig kleine Ruckler

Netflix schauen im ICE? Wir haben es ausprobiert. Der Internetzugang in den Schnellzügen der Deutschen Bahn ist in der zweiten Klasse nicht zweitklassig, sondern besser. Mit Einschränkungen müsst ihr dennoch leben.

Gleich mehrere Teststrecken sind wir im Januar 2017 im ICE gefahren, die den Internetzugang im ICE vor unterschiedliche Aufgaben gestellt haben: Auf der Strecke Hannover-Bielefeld-Hamm fährt der ICE fast 200 km/h. Das Umland ist weitgehend flach, Funklöcher sollten daher keine vorhanden sein. Anders auf der Strecke Hagen-Wuppertal-Solingen. Im Bergischen Land ist es tatsächlich bergig, weshalb Telekomkunden bislang in so viele Funklöcher fuhren, dass sogar der einfache Abruf von E-Mails zur Qual wurde. Die Strecke Hannover-Kassel-Frankfurt-Mannheim-Stuttgart führt ebenfalls durchs deutsche Mittelgebirge. Um dort hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, geht es recht häufig in den Tunnel rein und wieder raus.

Einfacher Login – oder auch nicht

Bevor wir ins Internet gelangten, mussten wir uns erst einmal mit dem Bord-WLAN verbinden. An allen Plätzen, auf denen wir saßen, haben wird den Zugangspunkt WIFIonICE mit maximaler Signalstärke empfangen. Die erste Überraschung gleich vorneweg: Auf dem Smartphone öffnete sich eine Benachrichtigung, die man nur anklicken musste, damit im Browser eine Seite erschien, auf der wir die Nutzungsbedinungen bestätigten mussten. Dann waren wir drin. Auf einem der beiden Test-Laptops passierte jedoch nichts. Neustart, WLAN aus- und wieder anstellen, Wechsel des Browsers, nichts änderte etwas daran. Die Bahn gibt den Tipp (abgerufen über das Smartphone), http://login.wifionice.de in den Browser einzugeben. Auch das half nicht. Wir mussten die manuell eingestellten DNS-Server (OpenDNS, Google) entfernen und diese automatisch beziehen. Dann ging es.

Der Login zum ICE-WLAN WIFIonICE ist einfach, sofern man keine exotische Einstellung auf seinem Notebook vorgenommen hat

Einmal online gab es kaum Momente, in denen wir keinen Internetzugang hatten – sowohl bei hohen Geschwindigkeiten von über 200 km/h als auch im Bergischen Land, wo uns die Telekom früher oft im Stich gelassen hatte. Eine eindeutige Verbesserung. Durch die Kombination der drei deutschen Netzbetreiber soll es auf dem deutschen ICE-Netz eine Abdeckung von 85 Prozent mit mobilen Internet geben. Von den kleinen Aussetzern, die es zwangsläufig noch geben muss, haben wir nicht viel mitbekommen. Das liegt vor allem daran, dass abgebrochene Verbindungen automatisch wieder aufgenommen werden. Und löblich: Auch in den Tunneln blieb die Verbindung zum Internet oft bestehen.

200 kbit/s, 600 kbit/s – oder sogar 19 Mbit/s

Die Download-Geschwindigkeit bzw. die Bandbreite haben wir mit einem einfachen Speedtest durchgeführt und uns dabei für fast.com entschieden, der nicht versucht, ein realistisches Verhalten zu simulieren (denn was ist das schon?), sondern direkt die Server von Netflix anspricht. Statt große Schwankungen zu messen, pendelte sich die Geschwindigkeit meist auf einer von zwei Stufen ein: 200 kbit/s und 600 kbit/s. Das wird vermutlich von den erreichbaren Mobilfunknetzen abhängen, eventuell auch von der Zahl der Nutzer im Zug. Dabei wurden diese Werte nie exakt erreicht. Im besten Fall erreichten wir auf der ersten Testfahrt 620 kbit/s. Auf der letzten Testfahrt dann die Überraschung: Auf dem Smartphone werden 19 Mbit/s angezeigt, bestätigt durch weitere Messungen auf mehreren Geräten. Doch das ist leider nicht das, was bei einem Testdownload auf dem Rechner ankam.

Die Download-Geschwindigkeiten im ICE-WLAN WIFIonICE lagen meist um 200 oder 600 kbit/s

Wir wollten ein Gefühl dafür erhalten, ob dies reicht, größere Datenmengen über Youtube und Netflix zu streamen. Beim Abspielen von Youtube-Videos im Zug waren die Bewegungen der Lippen und der Ton nicht synchron. Auf Dauer sorgt das für Kopfschmerzen. Während das Youtube-Video allerdings sofort startete, benötigte Netflix ganz schön lange, bis das erste Bild zu sehen war. Offensichtlich wurde der Zwischenspeicher ordentlich gefüllt. Aber auch beim Serien-Streamer war auf einer Testfahrt noch eine kleine Verschiebung von Ton und Lippen zu bemerken, die aber nicht weiter störte. In einem anderen Zug auf einer anderen Strecke war das Erlebnis jedoch das gleiche wie zuhause.

Videos laufen flüssiger als Cloud-Dienste

Das Problem ist die Latenz, die bei den hohen Geschwindigkeiten sowie bei der parallelen Datenübertragung über mehrere Anbieter auftritt. Verhältnismäßig viele Datenpakete gehen auf dem Weg verloren und müssen neu angefordert werden. Gleiches gilt für Pakete, die über unterschiedliche Wege geschickt werden. Das neue System nutzt nicht nur das Mobilfunknetz der Telekom, sondern gleich aller deutschen Netzen. Leider zeigt sich dies Phänomen nicht nur bei Videostreams, sondern auch schon bei der Übertragung kleiner Datenmengen. Das Abrufen von E-Mails dauerte teilweise über 30 Sekunden. Ähnliches gilt für Webseiten, die aus vielen kleinen Datenmengen zusammengesetzt werden. Da gelingt das Videoschauen im Zug dann flüssiger als das Arbeiten in der Cloud.

Auf der ICE-Strecke bei Kassel erreichten wir in der 2. Klasse dann 19 Mbit/s (im Speedtest)

Seit Anfang 2017 können auch in der zweiten Klasse des ICE Passagiere kostenlos auf das Internet per WLAN zugreifen. Der Zugang soll auf 85 Prozent der Strecke gewährleistet sein. Nach einem Datenverbrauch von 200 Megabyte wird die Geschwindigkeit für dieses Gerät auf einen nicht näher genannten Wert gedrosselt. Wir haben auf unseren Testfahrten diese Grenze nie überschritten, wobei wir nicht von Fahrtbeginn an einen Datenzähler haben mitlaufen lassen. Wir gingen davon aus, dass wir die Grenze auf jeden Fall überschreiten. Doch auch, als wir dies auf der Rückfahrt mit einem Download forcieren wollten, gelangten die Daten nicht schnell genug auf den Rechner – und das, obwohl uns zwischenzeitlich 19 Mbit/s angezeigt wurden. Für den normalen Nutzer ist allerdings nur wichtig, dass er ganz normal surfen kann. Und das sollte kein Problem sein, sofern er die hohe Latenz berücksichtigt, die durch die hohen Geschwindigkeiten bedingt sind.

Internet kein Ersatz für Unpünktlichkeit

Wir wundern uns, dass die Deutsche Bahn ihr Versprechen gehalten halt, einen kostenlosen Internetzugang im gesamten ICE anzubieten, denn viele Faktoren befinden sich gar nicht unter Kontrolle des Unternehmens – die Mobilfunknetze zum Beispiel. Nur durch eine neue Technik im Zug wurde erreicht, was jahrelang nicht möglich war: Der Internetzugang im ICE funktioniert. Kurios: Auf einer Teilstrecke erwischten wir noch einen Zug mit Telekom-Hotspot. Offensichtlich ist die Umstellung noch nicht komplett erfolgt. Auch haben wir erwartet, von der Login-Seite zu einem Bord-Informations-System weitergeleitet zu werden, das zum Beispiel über den Stand der aktuellen Verspätung informiert. Das wurde leider nicht geboten. Und Filme aus dem Bestand von Maxdome können auch noch nicht von einen Bordserver abgerufen werden.

Die Bahn hat also noch einige Aufgaben vor sich. Am wichtigsten wäre es jedoch gewesen, dass die Züge pünktlich fahren. Auf den Testfahrten haben sich insgesamt zwei Stunden Verspätungen angesammelt, die wir auf kalten Bahnhöfen warten mussten. Am schönsten ist es immer noch zuhause – auf dem Sofa wie auch im Heim-WLAN.

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