Motorola Moto G9 Plus im Test: Der Schein der Spitze

Das Motorola Moto G9 Plus hinterlässt bei uns einen tadellosen ersten Eindruck. Auf den zweiten Blick zeigt das Smartphone, warum es eben doch nur Mittelklasse ist – was es auch sein soll, aber immer wieder vergessen lässt.

Motorola Moto G9 Plus im Test: Der Schein der Spitze

Fazit: Das Moto G9 Plus will mehr sein als Mittelklasse

Das Motorola Moto G9 überzeugt uns fast vollends mit seinen äußeren Werten. Auch die Bildqualität der Kamera weiß zu überzeugen, hier fehlen allenfalls Standard- und Telebrennweiten. Abzüge in der B-Note gibt es außerdem für das Display, den Prozessor und den knapp bemessenen RAM.

Das Motorola Moto G9 Plus hinterlässt beim Nutzer einen geradezu fantastischen ersten Eindruck. Wie immer direkt in einer praktischen Silikonhülle eingesetzt und mit einem Info-Sticker versehen, wirkt das Smartphone nicht nur riesig, sondern auch wertig.

Genialer Einschaltknopf mit integriertem Fingerabdrucksensor

Das Gerät ist in wenigen Schritten eingerichtet, ein animiertes Farbenspiel als Hintergrundbild begrüßt die Nutzerin oder den Nutzer des Moto G9 Plus. An den ins Gehäuse abgesenkten Standby-Knopf hat man sich augenblicklich gewöhnt. Er ist blind erfühlbar und beherbergt außerdem den Fingerabdrucksensor. Noch dazu reagiert er augenblicklich. Motorola hat hier alles richtig gemacht, denn unserer unmaßgeblichen Meinung nach ist ein Fingerabdrucksensor im Ein-Aus-Knopf am allerbesten aufgehoben.

Der Fingerandrucksensor im Moto G9 Plus ist im Ein-Aus-Knopf links untergebracht und blind erfühlbar. Besser geht es nicht.
Der Fingerandrucksensor ist im Ein-Aus-Knopf links untergebracht und blind erfühlbar. Besser geht es nicht.

Überhaupt wirkt die Anordnung der mechanischen Knöpfe durchdacht. Über dem Standby-Knopf hat Motorola die Lauter-Leiser-Tasten nicht zu groß, nicht zu klein, nicht störend untergebracht. Selbst der geriffelte, links eingelassene dedizierte Google-Assistent-Knopf wirkt an der Stelle nicht störend, anders etwa als der Bixby-Button in unserem Vergleichsgerät, dem Samsung Galaxy S10.

Nette Spielerei und dabei gar nicht störend: Ein eigener Google-Assistant-Knopf im Moto G9 Plus.
Nette Spielerei und dabei gar nicht störend: Ein eigener Google-Assistant-Knopf im Moto G9 Plus.

Moto G9 Plus: Bei den äußeren Werten stimmt alles

Wie mittlerweile schon üblich bei Motorola, ist die Verarbeitung des Gehäuses nahezu perfekt. Die Spaltmaße stimmen, Staubfänger sind weitestgehend eleminiert, selbst die Ränder der leicht hervorstehenden, rückwärtigen Vierfachkamera sind noch einmal abgerundet, damit Staub dort nicht haftet. Das hält selbst die 1.000 Euro teurere Smartphone-Elite oft nicht für notwendig. Die Rückseite ist derweil wieder einmal in einem eleganten, modischen Farbton (bei uns: blau) gehalten.

Noch etwas abgeschrägt und damit weniger kantig: Die leicht aus dem Gehäuse herausragende Quadkamera des Moto G9 Plus
Noch etwas abgeschrägt und damit weniger kantig: Die leicht aus dem Gehäuse herausragende Quadkamera.

Dazu lockt die Ausstattung mit einer Hi-Res-Kamera mit 64 Megapixeln, besonders hoher Lichtausbeute, Makroaufnahmen und einem Porträtmodus. Das Display beherrscht HDR10, der 5000-mAh starke Akku läuft laut Motorola bis zu 2 Tage. Der erste Gedanke, der einem also kommt, ist: Wow! Ist das noch Mittelklasse?

Leistung liegt im Durchschnitt

Auf den zweiten Blick relativiert sich dann der Eindruck ein wenig. Dass Motorola für das Moto G9 Plus zu einem Snapdragon der 700er-Serie greift, klingt zwar nicht schlecht und nach der zweitbesten Lösung. Tatsächlich fällt der Unterschied des verbauten 730G zu einem Prozessor der gemeinhin schnellsten Snapdragon-800-Reihe oder auch zu anderen Top-Prozessoren recht schnell auf.

Die meisten Apps starten zwar ohne nennenswerte Verzögerung. Aber gerade die Kamera erwies sich in unseren Tests als überraschend träge. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie überhaupt gestartet war; dann löste sie mit einer merklichen Verzögerung aus oder brauchte für den Wechsel der Programme und Linsen schon jeweils einen kleinen Moment.

Einige Probleme hatten wir auch bei anderen Apps. Im Casual Game Brick Balls Crusher fliegen die Bälle nach einiger Zeit verzögert. Apps, wie Amazon Kindle, das wir zum Ebook-Lesen benutzen, müssen immer wieder neu starten, wenn wir zwischendurch andere Apps öffnen, manchmal selbst, wenn es nur eine andere App ist. Hier scheinen die 4 GB RAM etwas gering bemessen zu sein.

Auch die Grafikeinheit mit einem Adreno 618 reicht für ein flüssiges Erlebnis bei sehr anspruchsvollen Spielen nicht ganz aus. Im 3DMark mit der Demo von SlingShot Extreme – OpenGL ES 3.1 etwa erreicht sie 2.412 Punkte, was kilometerweit von der Weltspitze (7.000 und mehr) entfernt liegt. Für einfache Spiele dürfte das aber schon noch ausreichen.

Moto G9 Plus: Display, Sound und Akku

Von einem Smartphone mit OLED-Display kommend, wirkt das LC-Display des Moto G9 Plus entsprechend schwächer. Schwarz ist hier natürlich nicht wirklich schwarz. Die Farben des Displays leuchten sogar etwas schwach, einzelne Farben wirken zum Teil überbelichtet. Teils hat es auch den Anschein, als läge ein leichter Grauschleier über dem Display.

Schade, dass Motorola Töne und Musik nur über einen Lautsprecher unten ausgibt, also keinen Stereo-Sound anbietet. Sein Klang ist hingegen dafür erstaunlich gut. Der obere Lautsprecher dient derweil nur zum Telefonieren.

Das Motorola Moto G9 Plus hat nur einen Lautsprecher unten, der allerdings mit einem guten Klang überzeugt.
Das Motorola Moto G9 Plus hat nur einen Lautsprecher unten, der allerdings mit einem guten Klang überzeugt.

Wunderbar ist der Akku. Mit ihm kamen wir immer locker über den Tag und meist auch noch ein ganzes Stück weiter. Motorola wirbt hier mit einer Akkulaufzeit von „bis zu zwei Tagen“, was natürlich nutzungsabhängig ist. Nach einer ausgedehnten Fotosession mit vollgeladenem Akku waren am Ende des Tages immer noch 40 Prozent übrig. Bei nur mäßiger Nutzung des Geräts hatten wir auch am Morgen des dritten Tages immer noch rund 20 bis 30 Prozent Saft.

Der integrierte Schnelllademodus mag sich zwar mit der Spitze wie von chinesischen Herstellern nicht messen können, seine 30 Watt pumpen aber schnell wieder Energie hinein. In etwas mehr als einer Stunde ist der ganze Akku wieder aufgeladen. Wir messen außerdem einen Sprung von 30 auf 70 Prozent Akku in einer halben Stunde. Was dem Moto G9 Plus zur Spitze natürlich auch noch fehlt, ist die Möglichkeit, das Gerät kabellos zu laden.

Kamera

Es ist so etwas wie ein Phänomen bei Moto-G-Geräten, das sich beim Moto G9 Plus jetzt auch wieder bewahrheitet: Die Bilder sehen später, heruntergeladen auf einem Rechner, eigentlich immer deutlich ausbalancierter aus als im ersten Moment auf dem Display des Smartphones. Unsere Testbilder zeigen hier eigentlich durchweg bessere Ergebnisse als gedacht.

Hier etwa nahm die Kamera mehr Details auf, als es den Anschein hatte. Der sichelförmige Mond etwa, der hier scharf aussieht, wirkte auf dem Smartphone-Display leicht unscharf und sehr weit weg:

Bonner "Skyline" mit Mond
Bonner „Skyline“ mit Mond

Auch hier: Die Sonnenuntergangsstimmung eigentlich sehr schön von der Kamera eingefangen:

Sonnenuntergang an der Kennedybrücke in Bonn, aufgenommen mit dem Moto G9 Plus
Sonnenuntergang an der Kennedybrücke in Bonn, aufgenommen mit dem Moto G9 Plus

Die Kamera irrte sich nur manchmal beim Weißabgleich. Hier etwa beim Bild des Playmobil „Back to the Future“-Sets wirkt die Lichtfarbe beim linken Bild natürlicher als rechts:

Viel Spielerei, eine einfache Standardbrennweite wäre uns lieber gewesen

Bei der Lichtausbeute nachts kann sich die Kamera das Moto G9 Plus auch mit besseren Smartphones messen. Der Nachtmodus holt immer noch etwas mehr heraus – manchmal aber auch zu viel, wie die Überbelichtung in der Mitte des rechten Bilds zeigt:

Motorola kombiniert Bilder der Quadkamera auf Wunsch zu einem hochauflösenden „Ultrares“-Bild mit 64 Megapixeln. Bei Bildern tagsüber konnten wir hier allerdings zu Normalfotos keinen nennenswerten Unterschied feststellen. Nachts wirken die Bilder teilweise noch deutlich heller (rechtes Bild mit Ultrares); das Ergebnis ist tatsächlich Geschmackssache:

Während wir eine Telelinse (die das Moto G9 Plus leider nicht hat) eher favorisieren würden als einen Ultraweitwinkel, so sei erwähnt, dass das Smartphone einen solchen hat und dieser auch entsprechend des Bildwinkels gute Bilder aufnimmt. Schade ist derweil, dass auch die Standardkamera schon weitwinklig ist. Bei vielen Aufnahmen hätten wir uns eine simple Normalbrennweite sehnlichst gewünscht.

Macro-Modus, Porträts und Frontkamera

Schön ist derweil, dass das Moto G9 Plus auch mit einem Macro-Modus ausgestattet ist. Hier müsst ihr der Kamera ein paar wenige Zentimeter Abstand vom Motiv dennoch zugestehen, außerdem stellte sich bei einigen Aufnahmen heraus, dass die Klobigkeit des Smartphones es schwer macht, nah genug ans gewünschte Motiv heranzugehen. Ansonsten überzeugen die Macro-Ergebnisse durchaus:

Im Porträtmodus bleibt eine schlecht eingezeichnete Unschärfe. Das können andere Kameras besser:

Schönheit liegt im Auge der Frontkamera, und die bringt im Falle des Moto G9 Plus einen Beauty-Modus mit, der im Bild links das zerfurchte Alltagsgesicht (rechts) dieses Redakteurs glättet.

Ausstattung des Moto G9 Plus: Gutes und weniger Gutes

Das Moto G9 Plus bringt mit 128 GB genügend Speicher mit. Auf Wunsch lässt sich der per Micro-SD-Karte um bis zu 512 GB erweitern. Trotzdem passen in den Einschub gleichzeitig noch zwei Nano-SIM-Karten (Dual-Sim). Gering bemessen ist dafür, wie oben schon erwähnt, der Arbeitsspeicher mit 4 GB RAM.

Dass das Display mit FHD+ (1080 x 2400 px) auflöst, erscheint uns bei einer Pixeldichte von 386 ppi völlig ausreichend. Besser noch: Übertreiben es die Hersteller nicht mit der Auflösung, wirkt sich das meist zu Gunsten der Akkulaufzeit aus. Die verlängert Motorola zusätzlich noch mit dem sehr großzügig bemessenen 5.000-mAh-Akku. Kleines Schmankerl für das Display: Bei vorhandenem Content beherrscht das Moto G9 Plus auch HDR10.

In unser Testmodell baut Motorola außerdem ein FM-Radio ein – mein Kollege Daniel Wendorf wird das begrüßen, musste er doch neulich noch nach Radio-Alternativen auf dem Smartphone suchen. Das Moto G9 Plus verfügt außerdem über einen 3,5-mm-Audioanschluss, über Bluetooth 5.0, aber nur WiFi 5 (Dualband-WLAN a/b/g/n/ac). Auch NFC ist drin, dafür, trotz des 30-Watt-Schnelllademodus‘ und eines USB-C-Steckers nur USB 2.0 mit einer langsameren Datenübertragung via Kabel. A propos: Kabelloses Laden unterstützt das Moto G9 Plus nicht.

Zusammenfassung Moto G9 Plus

Jedes Jahr gibt es mitterweile gleich ein paar neue Moto Gs. Und es bleibt auch in diesem Fall dabei: Wer zum Moto G9 Plus greift, macht im Grunde nichts falsch. Zumal er dafür nicht mehr als UVP 269,99 Euro zahlen müsste. Er bekommt dafür ein Smartphone mit einem erstklassigen Äußeren, mit einem pfiffigen Standby-Knopf mit integriertem Fingerabdrucksensor, dazu eine ausreichend schnelle Maschine und zufriedenstellenden Sound.

Motorola Moto G 5G Plus im Test: Schnörkelloses Foto-Wunder

Um es mit Spitzensmartphones aufnehmen zu können, stünde ihm eine Kamera mit längeren Brennweiten gut zu Gesicht, ein noch schnellerer Prozessor, eine bessere Grafikeinheit, mehr RAM und induktives Laden. Aber ohnehin stellt sich die Frage, ob der Vergleich zu einem gerne mal 1.000 Euro teureren Spitzen-Smartphone gerechtfertigt ist. Dass wir den Vergleich überhaupt anstellen, liegt daran, dass das Moto G9 Plus oft genug den Eindruck erweckt, eins zu sein. Das darf Motorola durchaus als Lob verstehen.

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