Fairtiq: Wie genial ist bitte diese ÖPNV-App!

Bus- und Bahnfahren in verblüffend einfach: Fairtiq nimmt Nutzer:innen die Angst vor dem Tarifdschungel.

Fairtiq: Wie genial ist bitte diese ÖPNV-App!

In Nordrhein-Westfalen ist in Kürze Landtagswahl, und die Parteien buhlen um die Stimmen der Wähler. Ein Kandidat ist besonders emsig, will den „Wirrwarr beenden“ und „1 Ticket statt 1.000 Tarife“ für den öffentlichen Nahverkehr. Ein cleverer Slogan, denn im Grunde ist das, was er möchte, längst kein Problem mehr: denn darum kümmert sich seit ein paar Monaten die App Fairtiq.

Wirrwarr beenden? Gerne, aber eigentlich ist er das schon…

Mit Fairtiq geht der Ticketkauf ganz einfach so: App öffnen, einmal nach rechts swipen, fertig. Wie? Das ist schon alles?

Ja, in der Tat. Hast du einmal deine Zahlungsdaten hinterlegt, kümmert sich Fairtiq um den Rest. Mit einer erstaunlichen Genauigkeit hat die App beim Öffnen bereits die nächste Haltstelle in deiner Umgebung gefunden. Du swipest dann einmal mit der App nach rechts und bestätigst damit, dass du die Fahrt beginnen möchtest. Und schon geht es los. Bist du am Ziel angekommen, checkst du noch einmal aus, indem du erneut swipest.

Die App „weiß“ allerdings im Grunde auch, wenn deine Fahrt beendet ist und informiert dich per Push-Benachrichtigung, damit deine Fahrt nicht weiterläuft. Allerdings berechnet sich der Fahrpreis nicht über die Zeit, sondern die Distanz zwischen Start und Ziel – selbst wenn du den Weg über Umwege zurücklegst. Wenn du am Ziel keine Anschlussfahrt mehr hast, wird es für dich nicht teurer, solltest du das Auschecken vergessen.

Tarifdschungel? Fairtiq belästigt dich nicht damit

Und der Tarifdschungel, der dahinter liegt? Im VRS-Gebiet etwa zwischen Köln und Bonn müssen Reisende vor dem Ticketkauf erst einmal eine komplizierte Matrix durchschauen und sich dann für ein Ticket entscheiden, das Bezeichnungen wie 1b oder 2b trägt, obwohl es 1, 2, 1a und 2a hier gar nicht gibt. Das ist für Ortsfremde und gerade Besucher, die des Deutschen vielleicht nicht so mächtig sind, schwer zu verstehen.

Alles klar? Viel Spaß beim Ausbaldowern der Ticketmatrix im Verbundgebiet Rhein-Sieg (VRS)! Grafik: SWB/VRS

Fairtiq hat diese Daten im Hintergrund gespeichert, berechnet die Fahrtkosten danach, verlangt von dir aber nicht, die komplizierte Matrix, Tickettarife oder -namen zu kennen. Die App erledigt das für dich. Du musst eigentlich nur an das Swipen am Anfang und idealerweise auch Ende einer Fahrt denken.

Wenn ich das einmal mit der ansonsten hier gängigen SWB easy.Go-App vergleiche (Play-Store-Durschnittsnote 1,6/5), mit der ich sonst ein Handy-Ticket kaufen kann: In der muss ich zunächst auf „Verbindungen“ gehen, „Startpunkt“ antippen und über die Tastatur eingeben, von wo ich losfahren möchte, dann „Zielpunkt“ antippen und über die Tastatur eingeben, wo ich hinfahren möchte. Danach mit „Verbindungen finden“ die Suche starten und die Verbindung auswählen. Auf „Zum Ticketkauf“ tippen, das richtige Ticket auswählen, bestätigen und schließlich den Kauf zahlungspflichtig bestellen, nachdem ich zuvor noch ein Häkchen im Kästchen „AGB akzeptieren“ setzen muss. Und jetzt stell dir vor, du müsstest das alles tun, obwohl du den Bus schon herannahen siehst. Zu spät.

Oder eben Fairtiq nutzen: App öffnen, einmal swipen. Fertig.

Bus- und Bahnfahren ein ganzes Stück attraktiver

Fairtiq berechnet die Preise übrigens nicht alleine anhand der zurückgelegten Strecke. Ein Freund von mir fuhr kürzlich mit dem Bus zunächst von Troisdorf nach Bonn, wo wir uns trafen, um gemeinsam mit der Bahn nach Köln weiterzufahren. Als wir am Kölner Hauptbahnhof auscheckten und auf Fairtiq unsere Ticketpreise verglichen, hatte er weniger bezahlt, obwohl er länger und weiter gefahren war. Kein Fehler, denn Troisdorf liegt im Tarifgebiet näher an Köln als Bonn. Er zahlte also nur die letztlich überbrückte Strecke, auf welchem Weg er auch immer das tat.

Bei beendeter Fahrt: ganz einfach swipen. Bild: Fairtiq

Das Ganze ist auch psychologisch nicht unwichtig, wie ich an mir selbst feststelle. Die App funktioniert so einfach, dass ich mittlerweile überhaupt wieder an Busse und Bahnen denke, wenn ich schnell wohin fahren muss. Dafür schieden Busse und Bahnen für mich eigentlich meist aus. Teuer, unzuverlässig und – ach nee, jetzt auch noch kompliziert ein Ticket auswählen und womöglich noch passendes Münzgeld bereit halten? Handytickets gibt es zum Glück schon seit einigen Jahren, Fairtiq vereinfacht den ganzen Prozess nun noch einmal.

Und bevor ihr fragt: Nein, ich bekomme kein Geld oder ein unbegrenztes Kontingent an Freifahrten dafür, dass ich Fairtiq hier über den grünen Klee lobe. Ein wenig Kritik ist unserer Arbeit immer notwendig und das findest du hier auf dem Blog eigentlich in jedem Beitrag. Bei Fairtiq habe ich aber tatsächlich bis jetzt keinen Kritikpunkt gefunden. Vielleicht einmal abgesehen davon, dass die App bei meinem allerersten Versuch mein Zahlungsmittel irgendwie nicht hat akzeptieren wollen. Beim zweiten Versuch ein paar Tage später funktionierte es dann aber wie von Geisterhand.

Die App im Einsatz. Bild: Fairtiq

Die App gefällt mir einfach gut, deswegen – und auf einem Blog ja erlaubt – einfach mal ein durchweg positives Review. Liest du dir die Bewertungen auf Google Play oder im Apple AppStore durch, findest du allerdings schon ein wenig Kritik, dich ich allerdings aus erster Hand nicht bestätigen kann: Nutzer:innen berichten von gelegentlichen GPS-Problemen, fehlenden Optionen für Mitfahrer, kein gänzlich selbstständiges Arbeiten der App auf der Apple Watch oder dass sie nach dem Swipen manchmal minutenlang auf eine Bestätigung des Kaufs warten mussten. Perfekt ist also auch Fairtiq nicht.

Schweizer Anbieter will expandieren

Fairtiq gibt es für Android und iPhone. Die App stammt von der Fairtiq AG aus Bern in der Schweiz und ist seit 2018 in der ganzen Schweiz sowie Liechtenstein im dortigen ÖPNV gültig. In Deutschland versorgt Fairtiq erste Verkehrsverbünde wie Mittelthüringen und Aschaffenburg – und seit Ende 2021 ganz Nordrhein-Westfalen. Der Anbieter plant die Expansion auch außerhalb Europas, etwa nach Nordamerika, Indien und Singapur.

Busfahren mit weniger Stress. Bild: Fairtiq

Laut den FAQ auf der eigenen Website sollen Kund:innen übrigens nie mehr als den Preis einer Tageskarte für das befahrene Gebiet bezahlen, selbst wenn sie mehrere Fahrten am Tag zurücklegen. Die Ortung erfolgt während der Fahrt via GPS.

Neulich fuhr ich mit der U-Bahn von Bonn nach Köln – und stellte nach zwei Stationen erschrockenen fest, dass ich vergessen hatte, ein Ticket zu lösen. Wenn jetzt ein Kontrolleur käme… Ich brach unweigerlich in Schweiß aus. Mit den Apps von SWB oder VRS hätte es Minuten gedauert, bis ich ein Ticket nachgelöst hätte, falls das bei laufender Fahrt überhaupt möglich gewesen wäre. Oft genug melden diese Apps auch einen Fehler bei der Zahlung.

Ich zückte schnell mein Smartphone, öffnete Fairtiq – und swipete nach rechts. Die App hatte tatsächlich bereits die Station gewählt, an der wir gerade standen, und ich hatte flugs ein Ticket nachgelöst. 10 Sekunden lang Panik – dann wieder alles in Butter. Lädt die App so nicht irgendwie auch zum Schwarzfahren ein? Darauf würde ich mich dann doch lieber nicht verlassen. Außerdem zahle ich eine Bahnfahrt tatsächlich viel lieber, wenn sie mir das Leben leicht macht.

Den Tarifdschungel lichten? Gerne noch zusätzlich. Aber bis dahin, denke ich, wirst du mit Fairtiq in den schon versorgten Gebieten ziemlich gut zurechtkommen.

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10 Kommentare zu “Fairtiq: Wie genial ist bitte diese ÖPNV-App!

  1. Moin! Wie schaut denn der Nachweis für den Schaffner aus, der müsste sich dann im Verlauf der Reise verändern/aktualisieren, oder?

    1. Gute Frage! Du erhältst nach dem Swipen ein E-Ticket mit einem Code und der/die Kontrolleur:in sieht eigentlich nur, ob du ein gültiges Ticket hast. Ich vermute dass so eine Art von „Fluid Ticket“ mittlerweile möglich ist.

        1. Nee, so einfach ist das nicht, glaube ich, wir sind an der Grenze zu Niedersachsen, es gibt eine Zone wo beide Tarifverbunde wechselseitig gültig sind.

        2. Puh, ja, bei Übergangstarifen scheint das nicht so klar zu sein. Manchmal gilt der Tarif dann einfach auch im benachbarten Gebiet, manchmal stoppt die Funktion an der Grenze. Dazu habe ich leider nichts gefunden. Magst das mal für mich ausprobieren oder bei deinen Verkehrsverbünden erfragen? Im Web finde ich da zu deiner Region leider nichts.

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