iPad Mini als Computer

iPad als Notebook: Ein Selbstversuch

Der neue Mauszeiger macht das iPad zu einem Computer, befand Jürgen Vielmeier vor kurzem. Nach seinem Praxistest allerdings bleibt ein mulmiges Gefühl: Ihr könnt mit dem iPad arbeiten wie mit einem Notebook, aber ihr seid damit nicht wirklich frei.

So hatte sich Apple das wohl nicht vorgestellt. Dass jetzt jemand auf die Idee kommt, sein kleines iPad Mini mit Tastatur und Maus zu verpartnern und damit wie mit einem Laptop zu arbeiten. Mangels größerer Hardware, und weil ich nach meiner steilen These, das iPad werde zum Computer noch in der Bringschuld für Argumente bin, muss das Minimalsetup jetzt für den ersten Testlauf herhalten. Und so viel sei vorweggenommen: Die Ergebnisse sind aufschlussreich.

Mauspunkt: Anders und gut

Und aller Anfang ist leicht. Anders als in den Vorversionen von Apples iPad-Betriebssystem müsst ihr unter iPadOS 13.4 nicht mehr tief in den Bedienungshilfen graben. Meine Maus konnte ich diesmal ganz einfach über Einstellungen -> Bluetooth mit dem iPad verbinden. Ab dann ziert ein kleiner, runder Mauszeiger den kleinen Bildschirm:

Ein kleiner Mauspunkt macht den Unterschied: iPadOS 13.4

Ein kleiner Mauspunkt macht den Unterschied: iPadOS 13.4

Denn Apple wäre nicht Apple, hätte der Designer unter den Technikkonzernen sich nicht auch für etwas scheinbar Profanes wie einen Mauszeiger etwas Besonderes ausgedacht. Kein Pfeil, wie in den meisten anderen Betriebssystemen, sondern eben dieser Punkt, der zudem auch noch verschwindet, wenn ihr damit einzelne Elemente überfahrt. Er hinterlegt damit einzelne Schaltflächen oder hebt Icons hervor. Eine Eigenart, an die man sich sehr schnell gewöhnt hat. Auch Text markiert ihr auf dieser Art und Weise butterweich.

Kleiner Bruch im Workflow: Nicht alles geht

Die rechte Maustaste erzeugt derweil auf meinem iPad bislang nur im Safari-Browser ein Kontextmenü, das euch etwa anbietet, einen Link im neuen Hintergrundtab zu öffnen oder das Ziel zu speichern. Bei Chrome und im Firefox passiert bei einem rechten Mausklick bislang schlicht nichts. Hier ist noch unklar, ob die beiden Drittanbieter zu der Möglichkeit keinen Zugang haben, oder ob sie bisher einfach noch kein Update dafür bereitgestellt haben.

Die rechte Maustaste erzeugt bislang nur im Safari-Browser ein Kontextmenü (Mitte unten)

Die rechte Maustaste erzeugt bislang nur im Safari-Browser ein Kontextmenü (Mitte unten)

Kleinere Bedienelemente erwischt die Maus zu diesem Zeitpunkt nicht immer. Etwa einen Bestätigungsbutton für AirPrint, die Helligkeitsregelung der Bildbearbeitung oder den Vollbildschalter auf YouTube.com. Alles kein Weltuntergang, denn im Notfall könnt ihr stets auf den Touchscreen ausweichen. Aber doch ein kleiner Bruch im Workflow.

Willst du nicht lieber unsere schöne App benutzen?

Schön ist, dass die Autokorrektur die meisten Buchstaben direkt ergänzt, die die ausgeborgte Klapptastur in meinem Test-Setup verschluckt. So gestaltet sich die Textbearbeitung verhältnismäßig reibungslos. Dass einzelne Tasten wie „Delete“ unter Google Drive für Firefox nicht funktionieren, liegt wiederum an Inkompatibilitäten. Drive sei für Firefox nicht optimiert, meldet das Programm. Ich solle doch lieber Chrome oder die native Drive-App nehmen.

Nix da, Firefox, nimm doch lieber Chrome oder unsere App!

Nix da, Firefox, nimm doch lieber Chrome oder unsere App!

Ein Wunsch, den System und Anbieter noch häufiger äußern, etwa bei GMail oder Microsoft Teams. Und doch bekomme ich meine unter macOS und Linux verwendete App-Auswahl mit einigen gangbaren Änderungen auch auf das iPad reproduziert. Firefox, Spotify, der Telegram-Messenger, Apple Mail für mein zweites E-Mailkonto. Unsere alte Konferenz-Software GoTo-Meeting steht ebenso für das iPad als App zur Verfügung wie das von uns seit Jüngstem genutzte Microsoft Teams.

Die Zahl der Apps, die ihr ins Dock (unten) ziehen könnt, ist begrenzt.

Die Zahl der Apps, die ihr ins Dock (unten) ziehen könnt, ist begrenzt.

Lediglich die Anzahl der Icons, die ich in der App-Leiste Dock unterbringen kann, ist begrenzt. Auf meinem iPad Mini 4 sind es nur 11 mögliche Apps. Anders als unter macOS verkleinert sich die Ansicht nicht, um Platz für weitere Apps zu liefern. Auch fehlt eine Markierung aktuell geöffneter Apps im Dock. Das könnte etwa dabei helfen, die Akkulaufzeit (bei Bildschirmarbeit bei mir zwischen 7 und 9 Stunden) weiter zu verlängern.

Ein Browser, zwei Welten: Tablet oder Desktop-Darstellung

Apps stellt iPadOS 13.4 standardmäßig im Vollbild dar. Es gibt die Möglichkeit, zwei Apps direkt nebeneinander anzuordnen oder auch das kleine Fenster der einen über einem großen der anderen App anzuordnen (Bild-in-Bild). Wenn ihr etwa eure E-Mails durchgeht und nebenbei ein YouTube-Video verfolgen wollt. Wischgesten wie für das Schließen und das schnelle Wechseln von Apps sind mit der Maus indes aufwändiger reproduzierbar. Ihr könnt eure andere Hand zur Hilfe nehmen oder etwas weitere Wege mit dem Mauszeiger gehen. Ich habe Multitasking am Ende schlicht so gelöst, dass ich den Mauszeiger ins untere Bildschirmviertel bewegt und über die dann wieder eingeblendete Dock-Leiste die nächste App ausgewählt habe.

Apps nebenbeinander oder Bild-in-Bild. Ganz frei konfigurieren könnt ihr die Bildanordnung nicht, aber damit lässt sich zurechtkommen.

Die größte Umstellung erlebe ich tatsächlich beim Arbeiten mit dem Browser. Tabbed Browsing ist in allen dreien von mir getesteten Browsern auf dem iPad möglich (Safari, Firefox, Chrome). Bei mehr als einer Handvoll geöffneter Apps verstecken alle Browser die zuerst geöffneten Tabs aber links im Register und lassen euch diese nur noch mit einem Wisch zurückholen. Mir geht hier eine Menge Übersicht verloren, zumal ich bei manchen Recherchen nicht selten 20 oder 30 Tabs gleichzeitig geöffnet habe. Auch fehlt mir die Lesezeichenleiste, mit der ich im Desktop-Setup auf anderen Systemen schnell zu meinen meist besuchten Seiten springen kann.

Datei-App: ein Alibi von einem Datei-Manager

Etwas gewöhnungsbedürfig ist außerdem die Arbeit mit dem Datei-Manager, genauer: der App „Dateien“. Als Dateien zeigt das iPad hier nämlich nur Notizen an, die ich einmal erstellt habe, und sonst erst einmal nichts. Bilder und Screenshots legt das System separat in der App „Fotos“ ab. Genau genommen erlaubt iPadOS es nicht einmal, Dateien dort zu speichern, wo ich sie gerne würde. Eine Grafik auf Wikipedia etwa, die ich probeweise herunterladen möchte, erkennt das System korrekterweise als Grafikdatei und bietet mir nur an, sie zu „Fotos“ hinzuzufügen, sie in die Zwischenablage zu verschieben oder sie mit anderen Apps zu teilen, nicht sie unter „Dateien“ abzulegen.

Leerer als sie sein müsste. Die Dateien-App zeigt nur wenige Dateien wirklich an.

Leerer als sie sein müsste. Die Dateien-App zeigt nur wenige Dateien wirklich an.

Als ich einen PDF-Anhang aus der Mail-App probeweise speichern möchte, lässt iPadOS mich das nicht tun. Ich kann das PDF direkt an Ort und Stelle bearbeiten (was löblich ist!), es weiterleiten oder in die Zwischenablage kopieren, aber nicht für später im Dateimanager speichern. Eine PDF-Datei, die ich aus Safari herunterlade, taucht in der Dateien-App gar nicht erst auf.

Du willst ein PDF speichern? Nix da Bürschli! Du kannst es nur bearbeiten oder teilen.

Du willst ein PDF speichern? Nix da Bürschli! Du kannst es nur bearbeiten oder teilen.

App-Auswahl: Ich bin fast wunschlos glücklich

Ich bin jemand, der lieber weniger als mehr Apps verwendet und kaum auf bestimmte Programme festgelegt ist. Als Bildbearbeitungsprogramm reicht mir zum Beispiel meist eines mit einem sehr einfachem Funktionsumfang. Hier kann ich schlicht Apples Fotos-Bordprogramm benutzen, das nebenbei auch die Bildgröße vor dem Versand oder dem Einbetten etwa auf WordPress verkleinern kann. Filezilla finde ich dort nicht, aber es gibt zahlreiche kostenlose und kostenpflichtige Alternativen wie FTP Manager (Pro) oder iTransmit. Ihr habt Adobe Rush, Photoshop, PS Express und Lightroom for iPad oder die Alternativen Darkroom, Afterlight, Snapseed, Affinity oder KineMaster.

Fehlt was? Die App-Auswahl unter iPadOS ist gigantisch, vielleicht sogar das Beste an dem System.

Fehlt was? Die App-Auswahl unter iPadOS ist gigantisch, vielleicht sogar das Beste an dem System.

Kurz gesagt: An Apps herrscht eigentlich kein Mangel, besonders wenn ihr etwas flexibel in der Auswahl sein könnt. Apple Arcade bietet euch wahlweise eine kostenpflichtige Flatrate hauptsächlich von Casual Games an. Daneben gibt es aber natürlich noch weitere Spiele in Hülle und Fülle. Ich zocke nur gelegentlich und dann meist Independent Games, bin aber überrascht auch die zuletzt von mir unter Steam oder der Playstation 4 gespielten Titel „Don’t Starve“ und „Limbo“ auf dem iPad vorzufinden.

Nur in manchen Fällen würde ich mir eben wünschen, ich bräuchte gar keine App, sondern könnte die Aufgaben schlicht im Browser erledigen. Bei GMail und Google Drive etwa. Aber hier ist das Erlebnis in den Browser-Versionen absichtlich etwas eingeschränkt, damit ich zur nativen App greife.

Details: Auf den zweiten Blick doch „nur“ ein Tablet

Manchmal schmälern auch einige Kleinigkeiten die Vorzüge, wie das nur 1 Meter kurze Ladekabel meines iPad Mini (das beim iPad Pro 2020 auch nicht länger ist). Wollt ihr das Tablet also laden, während ihr es benutzt, dürft ihr nicht all zu weit von einer Steckdose entfernt sitzen. Hierbei auch weniger hübsch, dass das Kabel bei aufgestelltem iPad in der Mitte hängt:

Das (viel zu kurze) Ladekabel in der Mitte des Bildschirms: Hier ist das iPad eben doch "nur" Tablet und nicht Laptop.

Das (viel zu kurze) Ladekabel in der Mitte des Bildschirms: Hier ist das iPad eben doch „nur“ Tablet und nicht Laptop.

Und dann wäre da noch der Querboot, der übrigens erst nach eher unterdurchschnittlichen 20-30 Sekunden beendet ist:

Das iPad kann sich nicht entscheiden, was es sein soll: Tablet oder Notebook.

Das iPad kann sich nicht entscheiden, was es sein soll: Tablet oder Notebook.

Um für eine Telefonkonferenz die Soundqualität zu verbessern, schließe ich ein externes Mikro am 3,5-mm-Klinkenanschluss an. Testaufnahmen mit der Sprachmemo-App beweisen, dass das System auch wirklich vom Mikro aufnimmt. Nur: Ich höre nichts. Denn iPadOS hält das Mikro für ein Headset und möchte auch den Ton darüber ausgeben. Getrennte Geräte für Soundein- und -ausgabe kann ich in den Einstellungen nicht bestimmen. Weil Apple im iPad Mini 4 noch den alten Lightning-Anschluss verwendet, kann ich dort auch leider meine USB-Soundkarte nicht anschließen. Geschweige denn andere USB-Hardware.

Lightning-Anschluss am iPad Mini 4. Erst mit USB-C werden neue iPad-Modelle mit externer Hardware kompatibel.

Lightning-Anschluss am iPad Mini 4. Erst mit USB-C werden neue iPad-Modelle mit externer Hardware kompatibel.

Im neuen iPad Pro 2020 verwendet Apple glücklicherweise USB-C. Ausprobieren könnt ihr dann, ob ihr auch externe Festplatten, Soundkarten, Kameras daran anschließen, Geräte aufladen oder das iPad über einen entsprechenden Adapter sogar mit einem LAN-Kabel verbinden könnt. Sollte mir einmal ein iPad Pro in die Hände fallen, werde ich das versuchen.

Vom iPad drucken? Hängt von eurem Drucker ab

Als Endgegner meines Tests suche ich mir eine besondere Herausforderung aus: Ich würde gerne vom iPad eine Din-A4-Seite auf meinen Drucker schicken. Ein USB-auf-Lightning-Kabel habe ich natürlich nicht, also kommen nur Netzwerk- oder kabelloses Drucken in Frage. Ich erspare euch die Niederschrift des dreistündigen Dramas, das sich zuträgt, als ich versuche, meinen rudimentär WLAN-fähigen Dell-Drucker endlich ins Netzwerk zu integrieren.

Drucken mit dem iPad geht über AirPrint oder Cloud-Print.

Drucken mit dem iPad geht über AirPrint oder Cloud-Print.

Nachdem es endlich gelingt, ist Apple AirPrint schnell eingerichtet, Google Cloud Print wehrt sich beharrlich, aber der Druck gelingt beim dritten Versuch dann doch. Also, ja, ihr könnt im Prinzip auch vom iPad etwas drucken (und wenn ihr wollt, sogar mit einem iPhone), es hängt von eurem Drucker ab.

iPadOS: Ihr seid nicht frei

Abschließend schulde ich euch noch eine Antwort auf die Frage, ob ich mir auf dem iPad irgendwie „eingesperrt“ vorkomme, ob mir etwas fehlt. Ich muss überlegen. Apps und Tabs starten leicht verzögert, aber ansonsten schnell. Nehmt ein besseres iPad, und ihr dürftet die Geschwindigkeit weiter erhöhen. Dass ich Apps nicht auf die gewünschte Größe aufziehen kann, wie unter Windows, macOS oder Linux: geschenkt. Es geht auch so, gerade weil alle Apps für die Darstellung optimiert sind.

Gefangen auf dem iPad? Jein.

Gefangen auf dem iPad? Jein.

Beim Hochfahren des Systems wird mir allerdings eine Sache schmerzlich bewusst: Ich bin hier nicht frei. Klar wäre es eine jecke Idee, Linux auf dem iPad installieren zu wollen. Aber ich könnte es nicht einmal tun, wenn ich es wollte. Ich bin auf das festgelegt, was Apple zulässt. Und das ist mir an manchen Stellen etwas zu wenig.

Apple: Das neue MacBook Air und sein Nebenbuhler iPad Pro

Fazit: Es geht

Meine Erfahrungen mit iPad OS 13.4 sind ein wenig durch das kleine Setup geschmälert. Nehmt die von Apple vorgesehene Symbiose aus einem iPad Pro 12.9 (2020) und dem neuen Magic Keyboard, und ihr werdet das Beste aus dem System herausholen. Marques Brownlee hat genau das Setup schon bekommen, ausprobiert und in seinem Video genau die Fragen beantwortet, die ich mir auch stellen würde: Könnte das ein Notebook ersetzen?

Seine Antwort: nein. Da fehlt noch etwas. Mit meinem etwas anderen Setup lautet mein Resümee: Es geht – und vor allem dank der umfassenden App-Auswahl geht es sogar recht gut. Ich kann damit vom Fleck weg gut arbeiten. Vielleicht sogar besser als mit einem Google Chrome OS oder einer der macOS-ähnlichen Linux-Versionen, die ich zuletzt getestet habe.

Was dennoch bleibt, ist das Gefühl, es hier nur mit der wunderschön gestalteten und beinahe völlig durchoptimierten Simulation eines Betriebssystems zu tun zu haben. Anbieter Apple lässt euch mit dem iPadOS das tun, was er möchte, nicht was ihr wollt. Ihr habt sehr viele Möglichkeiten innerhalb dieser wunderschönen Gartenanlage, aber ihr kommt eben nicht aus ihr heraus. Ich müsste mir gut überlegen, ob ich damit leben könnte.

Auf Euronics.de findet ihr eine große Auswahl an Apple iPads, die ihr euch nach Hause liefern lassen oder in vielen Filialen auch abholen könnt.

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