Bundesminister Alexander Dobrindt (Bild: BMVI)

Ich will kein Gigabit-Internet bis 2025, sondern Streaming ohne Aussetzer, jetzt

Bundesminister Dobrindt verspricht flächendeckend Internetzugänge mit 1 Gbit/s im Jahr 2025. Er nennt sie konvergent, was so viel bedeutet wie: Alles flutscht. Redakteur Peter Giesecke glaubt nicht daran. Klappt doch jetzt schon nicht.

100 Milliarden Euro sollen investiert werden, um in Deutschland das Breitband-Internet auszubauen. 100 Milliarden! Bis 2025 soll es in Deutschland ein flächendeckendes Gigabit-Internet geben. Gigabit! Flächendeckend! – Ich habe gerade meinen Internetprovider gewechselt: 100 Mbit/s statt 8 Mbit/s, Kabel statt DSL. Meine Probleme sind die gleichen wie vorher: Immer wieder friert der Stream ein, egal in welcher Qualitätsstufe. Manchmal muss ich zwei, drei Minuten warten, bis eine einfache Webseite im Browser geöffnet wurde. Dieses Problem hätte ich gerne mal gelöst. Jetzt sofort. Bitte. Danke.

Viel Bandbreite für viel Geld – noch etwas?

Zurück zum Anfang: Die Pläne zum Breitband-Ausbau kommen von der Netzallianz Digitales Deutschland. Dahinter steht das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sowie die Unternehmen, die diese Netze betreiben. Das vorgelegte Papier nennt sich Zukunftsoffensive Gigabit-Deutschland und sieht folgendes vor:

Erstens: Ende 2018 kann jeder Haushalt einen Internetanschluss mit 50 Mbit/s nutzen (flächendeckend, aktuell 75%). 2019 werden alle unterversorgten Gewerbegebiete per Glasfaser angeschlossen. Bis 2020 werden alle Voraussetzungen geschaffen, dass die Mobilfunker 5G-Netze aufbauen können (Nachfolger von LTE, ebenfalls flächendeckend). Ab 2025 soll es dann eine flächendeckende, konvergente Gigabit-Infrastruktur in Deutschland geben.

Zweitens: Bis dahin werden 100 Milliarden Euro investiert, über mehrere Jahre verteilt. Ab 2018 zahlt der Bund jährlich rund drei Milliarden Euro. Und, geht die Rechnung auf? Nein. Den Löwenanteil, also 80 Milliarden, zahlen die Netzbetreiber. Was sie ohnehin getan hätten, denn sie investieren das Geld ja, um damit Geld zu verdienen. Im besten Fall mehr.

Was sind konvergente Netze?

Ich zweifel nicht daran, dass genug investiert wird, dass 2025 flächendeckend Gigabit gebucht werden kann. Ich werde mich auch nicht daran stören, ob das nun 95% oder 98% bedeutet, egal ob auf Haushalte oder Fläche gerechnet. Alles Peanuts. Ich werde die Versprechen von Bundesminister Alexander Dobrindt daran messen, ob der dritte Punkt eingehalten wurde: Konvergenz. Habt ihr euch eben auch gefragt, was mit einer konvergenten Gigabit-Infrastruktur gemeint ist?

Notwendig wird der Ausbau, da der Datenverkehr in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Im Trendblog immer ein Thema: Virtual Reality steht in den Startlöchern. Ärzte wollen auf diese Weise sogar operieren, ohne selbst im OP zu stehen. Da fallen dann nicht nur große Datenmengen an, die müssen auch in Echtzeit übertragen werden. Das Internet of Things, all die vielen Sensoren im Smart Home und in selbstfahrenden Autos wollen untereinander, mit der Cloud und nicht zuletzt mit eurem Smartphone verbunden werden. Netze, die das alles geregelt bekommen, werden als konvergente Netze bezeichnet. Sprich: Auch die Ruckler sollen weniger werden, wenn ich Netflix, Vodafone GigaTV oder über Sky Ticket schaue:

Die digitale Infrastruktur enthält dann eine differenzierte Kombination aus Intelligenz im Netz, Bandbreite, Echtzeitverfügbarkeit, Sicherheit, Energieeffizienz und anderen Leistungsparametern. Im Vordergrund steht eine flexible Verfügbarkeit von Infrastruktur für die Gigabit-Gesellschaft entsprechend den Bedürfnissen und Anwendungen der jeweiligen Nutzer.

Kein Wort zur Netzneutralität

So steht es in dem Papier. Für mich hört sich das nach Marketingsprech an. – Als ich meinen DSL-Anschluss gekündigte hatte, erhielt ich einen Anruf von der Kundenrückgewinnung. Eine Dame erkundigte sich freundlich nach meinen Gründen: „Ist Ihnen 8 Mbit/s nicht schnell genug?“ Ich: „Die Bandbreite ist nicht das Problem. Ich habe ständig Aussetzer. Die Latenz ist das Problem. Der Signal-Rausch-Abstand hier im Haus ist viel zu niedrig. Ich lebe in einem Altbau, ständig ziehen Leute ein. Die DSL-Kabel liegen einfach zu dicht beieinander. Da kommt es zu Interferenzen.“ Sie: „Ach so, ich verstehe. Wenn ihnen 8 Mbit/s nicht schnell genug sind, kann ich Ihnen leider auch keine Alternative anbieten.“

Die Frau hatte keine Ahnung, wovon ich sprach. Ebenso wie die unzähligen Mitarbeiter zweier Internetprovider, mit denen ich in den letzten Monaten am Telefon gesprochen habe. Ich fürchte, so wird das auch beim Netzausbau sein. Im Jahr 2015 wird sich ein Minister in einem Dorf Brandburgs vor die Presse stellen, einen Speedtest starten, der 1 Gbit/s anzeigt, und mission accomplished ins Mikrofon sprechen. Doch wenn ich Fußball schaue, werde ich bei meinem Pech immer noch das eine Tor verpassen, weil der Stream hing und gerade diese Szene übersprungen wurde, um den Anschluss ans Livebild nicht zu verpassen.

Wie diese Konvergenz erreicht werden soll, hat das Papier einfach ausgeklammert. Die Netzbetreiber dürfen und sollen zusammenarbeiten. Glasfaser und 5G-Mobilfunk sollen irgendwie zusammen die Vorgabe erfüllen. Das Wort Netzneutralität kommt an keiner Stelle vor. Soll die nun abgeschafft werden? Ein Zwei-Klassen-Internet könnte das Problem mit den Rucklern zumindest für die erste Klasse lösen. Das wollen aber die Nutzer nicht. Die Politik auch nicht. Doch die Netzbetreiber werden irgendwann wieder davon anfangen.

Beitragsbild: Bundesminister Alexander Dobrindt/BMVI

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