Fotografie als Erlebnis: Meine alte Polaroid SX-70 und ich

In der digitalen Welt wirken Polaroids wie aus der Zeit gefallen. Doch wer sich mit Sofortbildkameras wie der Polaroid SX-70 beschäftigt, erliegt schnell ihrem Charme. Wieso ist das so?

Wie schießen tagtäglich unzählige Fotos mit dem Smartphone und der digitalen Kamera. Mit etwas Glück landen sie irgendwo auf irgendeiner Festplatte. Und könnten sie dort verstauben – sie würden es auch tun. Noch nie war es so leicht, qualitativ hochwertige Schnappschüsse zu schießen. Die wenigsten von ihnen schaffen es ins gute, alte Fotoalbum zum Blättern. Erinnerungen werden auf Massenspeichern oder gar der Cloud abgelegt. Und vergessen.

In dieser heutigen Zeit ist das geschossene Foto ein Massenprodukt, das wir vielleicht in dem Moment des Fotografierens schätzen. Immer und überall ist die Kamera verfügbar. Und wir nutzen dies auch emsig, um flüchtige Momente festzuhalten. Wie passt da noch eine olle Polaroid ins….Bild?

Wie ich zu „meiner“ Polaroid SX-70 kam

Plötzlich lag sie auf dem Tisch – die uralte SX-70 meiner Freundin. Sie sollte verkauft werden und ein paar Euro bringen, schließlich handelt es sich um ein Modell aus den 1970er Jahren. Die erste faltbare Spiegelreflexkamera und zugleich die erste für Integralfilm (also das eigentliche Sofortbild) ist mittlerweile zu einem Sammlerstück geworden. Das war mir bei der ersten Recherche klar. Statt sie zu verscherbeln, schnappte ich sie mir und kaufte einen passenden Film. Der ist nämlich wieder regulär erhältlich.

Schön ist die SX-70 nicht mehr. Gerade das Gehäuse hat im Laufe der Jahrzehnte gelitten. (Foto: Sven Wernicke)

Schön ist die SX-70 nicht mehr. Gerade das Gehäuse hat im Laufe der Jahrzehnte gelitten. (Foto: Sven Wernicke)

Es war die Neugierde, die mich dazu trieb, die SX-70 einmal auszuprobieren. Und ich entdeckte allerlei Besonderheiten. Beispielsweise befindet sich in dem Film für acht Sofortbilder gleich die Batterie für den kompletten Apparat. Noch spannender: Bei „meiner“ SX-70 kommt ein Ultraschallsensor als Autofokussystem zum Einsatz. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Kurze Ernüchterung

Die SX-70 meiner Freundin lag lange Zeit im Schrank, doch die erste Überraschung folgte schnell: Ein Foto konnte ich mit dem alten, noch eingelegten Film schießen. Das Ergebnis war ein Schock, denn ich konnte auf dem Bild nichts erkennen. War die Kamera kaputt? Glücklicherweise nicht, wie ich nach dem Einlegen eines neuen Films feststellte.

Die Entwicklung eines Fotos innerhalb und so gesehen auch außerhalb der Kamera ist ein chemischer Prozess. Nutzt ihr den Film lange Zeit nicht, leidet darunter die Qualität der Ergebnisse. Gut zu wissen, dachte ich mir. Generell wird empfohlen, unbenutzte Filmkassetten im Kühlschrank aufzubewahren. Die besten Resultate beim Fotografieren werden übrigens zwischen 13 und 28 Grad Celsius erreicht, heißt es seitens des Herstellers. Das kann ich bestätigen.

Nicht perfekt. Niemals perfekt. (Foto: Sven Wernicke)

Nicht perfekt. Niemals perfekt. (Foto: Sven Wernicke)

Aber: Nach dem ersten richtigen Foto mit dem neuen Film war ich irritiert. Das Ergebnis war nicht berauschend, da dezent unscharf und im Verhältnis zu digitalen Kameras fast schon finster sowie matt. War es eine dumme Idee, knapp 20 Euro für 8 Fotos – ja, so teuer ist der Film – auszugeben?

So schwer: Das richtige Motiv

Ihr könnt euch die Antwort sicher denken: So kostspielig jedes einzelne Bild einer Polaroid auch sein mag, ich habe die Investition bisher in keinem Moment bereut. Denn es benötigte zirka zwei, drei geknipste Fotos, um meinen Blickwinkel im wahrsten Sinne des Wortes zu verändern.

So sieht die Polaroid SX-70 aufgeklappt aus. (Foto: Sven Wernicke)

So sieht die Polaroid SX-70 aufgeklappt aus. (Foto: Sven Wernicke)

Heutzutage fotografieren wir jeden erdenklichen Unsinn. Bei einer Polaroid wie der SX-70 stehen euch maximal acht Fotos zur Verfügung. Und genau das führt zu einem steigenden Anspruch. Ihr möchtet eben nicht mehr alles „einfangen“, sondern die Highlights. DER Moment für die Ewigkeit. Keine beliebige, sondern eine besondere Erinnerung. Denn wer unkontrolliert Motive sucht, wird feststellen, wie kostenintensiv das ist. Und viele Fotos wird man dann vermutlich wegwerfen.

Jedes Foto ist eine Erinnerung

Bei Polaroid ist vieles anders. Ich werde indirekt gezwungen, mich zu entscheiden, mir Gedanken zu machen und unzählige Aspekte zu berücksichtigen. Schlechte Lichtverhältnisse? Da könnt ihr die originale SX-70 gleich vergessen. Ihre Stärken spielt sie nicht bei Landschaften, sondern vielmehr bei Porträts aus. Knackige Farben und Kontraste? Keine Chance. Es dominieren Vintage-Look und teils faszinierende Farbverfälschungen.

Interessant ist das Sonar-System dieser SX-70. (Foto: Sven Wernicke)

Interessant ist das Sonar-System dieser SX-70. (Foto: Sven Wernicke)

Ich kann verstehen, wieso die Polaroid-Kameras Hipster und Retro-Freunde so begeistert. Denn die Resultate sind weit entfernt von einem „besser als die Realität“, sondern das genaue Gegenteil. Nie perfekt, manchmal verursacht der Ausfahrmechanismus der Kamera sogar Kratzer, und Bildfehler sind eh die Regel. Dunkel und oft „detailarm“ (auffällig gerade beim Himmel und bei Hintergründen) – aber fast immer wirken die Fotos warm und einzigartig.

Für die Ewigkeit (oder zumindest für viele Jahre)

Die SX-70 meiner Freundin ist übrigens sauschwer und unhandlich. Und trotzdem schleppe ich sie immer mit mir herum, sobald wir die Stadt verlassen oder etwas tun könnten, was ich festhalten möchte. Etliche Male wurde mein Kind abgelichtet, die Familie und Freunde werden auch nach und nach auf nostalgische Weise verewigt. Und an die Wand gehängt. Irgendwann ist einmal mein ganzer Flur mit Polaroids gefüllt – da bin ich mir sicher.

Die SX-70 gibt es auch als überarbeitete Variante. Dann aber ohne Sonar. (Foto: Polaroid)

Die SX-70 gibt es auch als überarbeitete Variante. Dann aber ohne Sonar. (Foto: Polaroid)

Wozu das Ganze? Für mich ist das analoge Sofortbildgeknipse so etwas wie Entschleunigung. Statt schnell und unentspannt ständig das Smartphone zu zücken, überlege ich genau, was, wo und wie ich fotografieren möchte. Das, was dabei herauskommt, ist qualitativ natürlich sehr viel schlechter als ein Bild von der Profi-Spiegelreflex. Aber ich kann es sofort in der Hand halten (okay, nach 10 Minuten Warten! Auf keinen Fall das sich entwickelnde Bild schütteln!) und sogar an die Wand hängen.

Faszination Polaroid – das Original wieder erleben

Dass die Bilder nicht digital gesichert werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ihr euch mit diesen auch ernsthaft beschäftigt und sie nicht vergesst. Und das ist es, was ich grandios finde. „Weniger ist mehr“ ist hier die Devise. Das ist ein Teil der Faszination, die bezogen auf die Technik irrational sein mag. Dies alles erscheint euch sinnvoll, wenn ihr selbst einige Male den Auslöser gedrückt habt…

An der Wand ist noch viel Platz... (Foto: Sven Wernicke)

An der Wand ist noch viel Platz… (Foto: Sven Wernicke)

Dass ich mit meiner Begeisterung nicht alleine bin, zeigen einige Entwicklungen. Mittlerweile verkauft der Rechte-Inhaber wieder echte (!) Polaroid-Kameras, darunter auch die SX-70. Statt diese billig in China herstellen zu lassen, werden originale Geräte von damals komplett zerlegt und wieder auf Vordermann gebracht. Die SX-70 bekommt ihr als Refurbished-Modell auch bei Euronics. Der stolze Preis ist der Tatsache geschuldet, dass wir eben über teils fast 40 Jahre alte Technik und nicht einen Nachbau oder neue Geräte wie die Instax-Kameras von Fuji reden.

Entstaubt eure alte Digitalkamera: Retro statt Spiegelreflex und Smartphone!

Etwas traurig bin ich, dass jetzt in der kalten Jahreszeit das Fotografieren mit der SX-70 nicht optimal ist: Zu kalt und zu dunkel – keine optimalen Bedingungen. Doch ich hab schon ein Auge auf eine Polaroid 600 mit Blitzlicht und modernerer Hardware geworfen.

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2 Kommentare zu “Fotografie als Erlebnis: Meine alte Polaroid SX-70 und ich
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