Hipstamatic

Müssen gute Fotos immer perfekt sein? Die Foto-App Hipstamatic beweist das Gegenteil

Im Hype um das mobile Fotonetzwerk Instagram wurde es still um andere früher beliebte Foto-Apps. Hipstamatic ist aber vor kurzem zurückgekehrt und Trendblog-Autor Frank Müller hat sich neu in sie verliebt.

Hipstamatic war die Foto-App, die das Fotografieren mit dem Smartphone für mich so richtig attraktiv gemacht hat. Die App vermittelt ziemlich gut das Gefühl, mit einer Retro-Kamera zu fotografieren und macht einfach Spaß. Durch die Retro-Filter war die Bildqualität allerdings nicht immer perfekt, darum hörte ich irgendwann auf, Hipstamatic zu nutzen. Jetzt habe ich die App für mich wiederentdeckt, denn in der neuesten Version hat sich einiges getan.

Blick zurück zu den Anfängen

Die Hipstamatic App war für mich die legitime digitale Umsetzung des Lomografiegedankens. Stimmung und Ausdruck eines Bildes sind bei beiden wichtiger als Schärfe und Perfektion. Im Vordergrund steht der Spaß am Fotografieren.

Was ist das Besondere an Hipstamatic?

Die App in der ursprünglichen Form scheint zunächst ein Rückschritt zu sein. Das Motiv wird nicht vollflächig auf dem Display gezeigt. Es erscheint nur in einem kleinen Ausschnitt, wie in einem Kamerasucher. Den Rest des Bildschirms nimmt die Nachbildung einer Kamerarückseite ein, mit einem Fenster, durch den man den verwendeten „Film” erkennen kann. Mit einem virtuellen Auslöser und mit virtuellen Schiebern für Blitz, Zeitenwahl oder Automatik und anderen Schaltflächen. Zu Beginn war dies die einzige Oberfläche der Hipstamatic, das Feeling war wichtiger als die Funktion.

Man musste sich vorher entscheiden, welche virtuelle Linse, welchen „Film“ und welchen Blitz man verwenden wollte und konnte das nachträglich nicht mehr ändern. Durch die Kombination von Linse und Film bestimmt man auch bei der aktuellen Hipstamatic-Version das generelle Aussehen des Bildes. Inzwischen kann man aber zum veränderten Bild noch das unveränderte Original abspeichern. Filme, Linsen und Blitze versehen die Bilder mit nachgeahmten Lichtflecken, mit Texturen oder Rahmen. Es gibt Farbverschiebungen, Einfärbungen und Unschärfeeffekte, Entsättigung, Knallfarben und Überschärfen.

Dazu kommen noch verschiedene Gehäuse, die das Bild nicht verändern, aber dem Fotografen helfen, sich schneller zurechtzufinden, denn die verschiedenen Kombinationen lassen sich als Favoriten abspeichern. Wenn nicht alles gleich aussieht, kann man einfach schneller und intuitiver seine Auswahl treffen.

Hipstamatic verführt immer wieder zu neuen Ausgaben

Eine Menge Linsen, Blitze und Filme sind von Haus aus dabei, andere werden als In-App-Käufe angeboten. Von Zeit zu Zeit gibt es kostenlose Packs oder Retropacks, bei der frühere kleine Pakete zu einem großen günstigen gebündelt werden.

Im Laufe der Zeit wird man so immer wieder dazu verführt, in neue Paks zu investieren. Es lohnt sich, dabei nicht immer dem ersten Impuls nachzugeben, sondern zu überlegen, ob die neuen Effekte wirklich eine Bereicherung für die eigenen Bilder sein werden. Je mehr Ausrüstung man hat, desto schwerer fällt die Auswahl. Und wenn man etwas warten kann, bekommt man mit einem Retro-Pak meist mehr für sein Geld.

Was soll das eigentlich?

Hipstamatic macht es dem Nutzer leicht, seine Bilder von vornherein mit einem ganz eigenen Touch zu versehen. Auf einer eigenen Seite kann man Beschreibungen und Beispiele aller bisher erhältlichen Paks, Filme, Linsen, Blitze und Gehäuse sehen. So kann man schon einigermaßen abschätzen, welche Kombinationen dem eigenen Geschmack entsprechen und welche dann doch zu abgedreht sind. Ein surrealer Nordlichthimmel mit Palmen ist eben nicht unbedingt jedermanns Sache.

Der Vorteil des Hipstamatic-Ansatzes: Bilder erhalten ohne Nachbearbeitung einen ungewöhnlichen Look, haben hohe Wiedererkennung und erhalten einen gewissen Seriencharakter. Ich habe einen Familienurlaub lang hauptsächlich mit der Linse-Film-Kombination Wonder/W40 fotografiert. Dieser Look wird für mich wohl immer mit Sylt und Familienurlaub verbunden bleiben.


Und auch die ausgezeichneten Bilder des renommierten Fotojournalisten Balazs Gardi aus seiner Zeit in Afghanistan ziehen einen Teil ihres Reizes aus der besonderen Stimmung der Linsen-Filter-Kombination.

Es gibt natürlich auch Nachteile. Je nach Linse und Film leidet die rein technische Qualität des Bildes teilweise erheblich. Betrachtet man die Landschaftsfotos, sieht man das besonders beim Infraroteffekt. Zwar gibt es auch Kombinationen, die nur wenig am Original verändern, aber die meisten sind schon auf maximalen Effekt ausgelegt. Das war auch der Grund, warum ich irgendwann Hipstamatic nicht mehr verwendet habe. Es war einfach zu viel. Und das unbearbeitete Original war verloren, wenn man nicht noch parallel mit der Standard Foto-App fotografiert hatte. Mittlerweile ist das aber anders.

Wiederentdeckung von Hipstamatic

Noch immer kann man mit Hipstamatic von vornherein einen starken Effekt auf die Bilder legen und durch bestimmte Kombination von Filmen, Linsen und Blitzen starke Stimmungen erzeugen. Aber etwas hat sich grundlegend verbessert: jetzt lässt sich parallel das unbearbeitete Original speichern. Auch kann man die Effekt nachträglich noch verändern. Hipstamatic hat sich von einer reinen Schnappschusskamera zu einer richtig erwachsenen Foto-App entwickelt.

Originalbild

Scott S Linse and BlacKeys IR Film

Anne-Marie Linse and Mount Royal Film

Hannah Linse and Otto Film

Loftus Linse and Love 81 Film

Florence Linse and Irom 2000 Film


Jetzt kann man mit seiner liebsten Hipstamatic-Kombi quadratische Fotos schießen und gleichzeitig das rechteckige Original speichern. Oder man macht Fotos mit der Standard-Fotoapp und bearbeitet nur ein paar Favoriten mit Hipstamatic.

Hipstamatic ist als App für das iPhone und für Windows Phone erhältlich. Für mich ist diese App ein Punkt, der beim Vergleich Smartphone-Kamera vs. Systemkamera für das Smartphone spricht. Und auf jeden Fall empfehlenswert, wenn es darum geht, Bildern einen ganz eigenen Look zu verpassen, bei dem Stimmung vor Perfektion kommt.

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Ein Kommentar zu “Müssen gute Fotos immer perfekt sein? Die Foto-App Hipstamatic beweist das Gegenteil
  1. Daumen hoch für den Artikel und Hipstamatic! Das ist schon seit etlichen Jahren meine Foto-App Nummer eins. Mittlerweile endlich ziemlich stabil und fast bugfrei. Am Anfang der 3-er Version war das noch ganz anders.

    Leider sind die Combos in den letzten zwei, drei Jahren oft durchschnittlich bis schlecht geworden. Die Ausnahmen bestätigen freilich die Regel (z.B. Athens). Aber meine Erfahrung, oder eher gesagt – meine Beobachtung, hat gezeigt, dass man mit jeder, auch noch so schlechten Linse und Film wunderschöne Fotos zaubern kann. Wenn man es kann… Wenn man dafür Auge und Vorstellungskraft hat. Auf Oggl und Instagram gibt es viele Beispiele.

    Meiner Meinung nach würde es Hipstamatic sehr gut tun, sich von der jeden-Monat-ein-neues-Pak-Tradition zu lösen. Das spült sicherlich Geld in die Kasse, aber viele alte HipstaUsers sind in diesem Punkt einfach enttäuscht. Seltener neue Paks rausbringen, dafür aber sehr gute – das ist die Lösung!

    Und es ist an der Zeit, das Oggl endlich zu begraben und diese Funktionalität in die Hipstamatic-App zu übertragen. Ich fürchte nur, sie werden wegen dem Abo-Modell noch lange an Oggl festhalten.

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