Uber-eifrig: Warum nur diese Hast nach der ohnehin unvermeidlichen Veränderung?

Die Auszeit von Uber-Chef Travis Kalanick wird von einem weiteren Sexismus-Vorfall begleitet. Das US-Startup macht den Eindruck eines leck geschlagenen Dampfkessels. Warum nur dieser unsägliche Druck, fragt Trendblog-Redaktionsleiter Jürgen Vielmeier.

Es dürfte ein oder zwei Jahre her sein, da stellte ich auf Twitter eine Liste der Tech-Unternehmen zusammen, die mir persönlich am unsympathischsten waren. Auf Platz 1, mit Abstand: Uber. Ich wünschte dem Unternehmen die Pest an den Hals. Und jetzt gerade, so scheint es zumindest, rollt diese Pestwelle bei dem US-Startup. CEO Travis Kalanick verkündet eine zeitlich unbefristete Auszeit. Noch am selben Abend leistet sich ein Vorstandsmitglied – wieder eine – sexistische Entgleisung und muss zurücktreten.

Der Mensch wandelt sich langsamer als die Technik – warum also diese Eile?

Das alles ist nur die Mitte einer Reihe betrüblicher Ereignisse. Da wird noch einiges kommen und es gab auch schon einiges: Ein Ausraster von Kalanick gegenüber einem unbescholtenen Fahrer, reihenweise Fälle von Sexismus, die jetzt eine Entlassungswelle nach sich zogen. Überwachungen der Nutzer, massive Lohnkürzungen bei den Fahrern. Was zum Teufel ist denn bloß los bei diesem Unternehmen?

Fragt man solche Startups nach Gründen, dann wird schnell etwas wie der unbändige Konkurrenzkampf genannt. Konkurrenten wie Lyft sitzen Uber im Nacken, Taxiunternehmen wollen sich nicht so einfach verdrängen lassen. Investoren werden derweil ungeduldig; mehr Geld soll mit dem Geschäft gemacht werden. Es gehe darum, die Art, wie wir uns fortbewegen zu revolutionieren. Möglichst bis gestern.

Warum eigentlich?

Derzeit ist wirklich einiges in Gang, was unsere Art des Fortbewegens nachhaltig verändern soll und sicherlich auch wird. Es gibt Carsharing, Ridesharing, Taxi-Apps, Nahverkehr auf Bestellung – und eben auch alternative Taxi-Dienste wie Uber. Es gibt Elektroautos, erste Flugzeugtaxis, selbstfahrende Autos, lernfähige Bordsysteme, Fernbusse, E-Scooter, Bikesharing… wow!

Ja, da tut sich etwas und die Märkte von morgen werden heute abgesteckt. Zumindest bis die Großen auf neue Trends aufmerksam werden, eigene Dienste ins Leben rufen oder Startups aufkaufen. Denn trotz all dieser modernen Konzepte: Schaue ich mich heute in den Innenstädten um, dann sind gefühlte 90 Prozent immer noch mit althergebrachten Verkehrsmitteln unterwegs: dem eigenen Auto, einem Bus, einer Bahn oder einem Fahrrad. Das alles verändert sich nur langsam.

Veränderung geht auch auf sympathische Art

Ich begrüße den Trend zum Neuen. Aber müssen diese Veränderungen von jetzt auf gleich passieren? Koste es, was es wolle? Denn es geht doch auch anders, viel entspannter und damit sympathischer: Google war einige Jahre mit seinen urigen, selbstfahrenden Firefly-Autos auf Straßen an der US-Westküste unterwegs. Die Tests mit dem „Käfer des 21. Jahrhunderts“ hat der Konzern nun beendet. Die Technik hat einen hohen Stand erreicht und soll in Autos anderer Hersteller weiter getestet werden. Miteinander statt gegeneinander.

Die Kollegen von „Spiegel Online“ hatten in dieser Woche den Gründer von door2door im Interview. Maxim Nohroudi möchte eine Art Nahverkehr auf Abruf anbieten. Ein Kleinbus, der auf Bestellung kommt. Lösen will er diese Herausforderung in Zusammenarbeit mit regionalen Nahverkehrsbetrieben, nicht gegen sie. Eine famose Idee –und der Mann wirkt mächtig sympathisch auf mich.

Wer nur gegen andere arbeitet, zahlt irgendwann den Preis dafür

Oft setzt sich natürlich nur ein Anbieter durch. Nicht jeder kann die Art, wie wir etwas tun, grundlegend verändern. Aber sehr oft setzt sich die beste Idee am Ende durch. Wenn sie gut gemacht ist und das Unternehmen konsequent und zielstrebig handelt. Nicht, wenn es einen ungehörigen Druck aufbaut, zehntausende Menschen in traditionellen Berufen überflüssig macht, eigene Dienstleister dafür abhängig und zu reduzierten Kosten beschäftigt. Wenn Mitarbeiter darunter leiden, Schwächere drangsaliert werden. Und das alles nur, um eine eigentlich begrüßenswerte Veränderung allerschnellstmöglichst durchzuprügeln, statt sich etwas mehr Zeit dafür zu lassen.

Ich hoffe, andere Unternehmen sehen Uber als mahnendes Beispiel. Es funktioniert nicht ohne Sympathie, es geht nicht gut, wenn man sich nur Feinde schafft. Es wäre doch auch möglich, den ganzen Wandel etwas humaner zu gestalten. Wer das gar nicht erst beabsichtigt, wird irgendwann den Preis dafür zahlen. Wie jetzt ein Travis Kalanick. Ja, so viel Moralpredigt muss sein in dieser ach so modernen, sich unbändig schnell verändernden Welt.

Beitragsbild: Uber

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Ein Kommentar zu “Uber-eifrig: Warum nur diese Hast nach der ohnehin unvermeidlichen Veränderung?
  1. Wenn immer weniger Unternehmen ihre Steuern bezahlen wer bezahlt die Ausfälle. Sie alle. Wenn immer mehr Unternehmen die AHV der Angestellten nicht bezahlen was passiert da irgendwann. Ja ein Teil davon lebt nach der Pensionierung vom Staat. Und das nur weil sie ja UBER als so innovativ eingestuft haben.

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