Mögliche Gesundheitsrisiken durch 5G: Panik ist fehl am Platze

Der neue Funkstandard 5G soll auch größte Datenmengen schnell übertragen. Während die Technologie Enthusiasten verzückt, sorgen sich andere um mögliche Gesundheitsrisiken. Doch ist die Aufregung berechtigt?

Die 5G-Zukunft wird in buntesten Farben gemalt: Autonom fahrende Autos, Paketdrohnen, in Echtzeit verfolgbare Ereignisse, die hunderte Kilometer weiter stattfinden. Eine großartige Vorstellung. Kritisch gesehen wird 5G in letzter Zeit allerdings unter gesundheitswissenschaftlichen Aspekten. Was ist dran und wie skeptisch sollte man sein?

Das Internet der Dinge funktioniert nicht ohne 5G. (Bild: Pixabay)

5G: Physikalischen Grundlagen und infrastrukturelle Probleme

Mobilfunk funktioniert mittels elektromagnetischer Strahlung. An diesem physikalischen Prinzip kommt auch 5G nicht vorbei, aber die Unterschiede gegenüber vorherigen Funkstandards sind enorm. Im Vergleich zu 4G übertragen die hochfrequenten Wellen bis zu 100-mal mehr Daten und das ohne spürbare Verzögerung. Allerdings ist die Reichweite deutlich geringer – um Funklöcher zu stopfen, muss das Funknetz engmaschiger sein.

Diesen Punkt monieren Kritiker der neuen Technologie zurecht. Ein flächendeckender 5G-Ausbau würde den Elektrosmog verstärken. Zur Illustration: Die Deutsche Telekom musste in einem nur fünf Kilometer langen Teststreifen von Berlin-Mitte nach Schöneberg 70 neue Sendemasten aufstellen. Eine aktuelle 5G-Antenne besitzt 64 Sende- und Empfangseinheiten. Das 4G-Pendant braucht hingegen nur vier. Das Geschwindigkeitsversprechen kann 5G demnach nur einlösen, wenn die Infrastruktur den physikalischen Rahmenbedingungen folgt.

Ein kleiner Zirkel bestimmt, was (un)schädlich sei

Schon seit Jahrzehnten streiten Biologen, Mediziner und Ingenieure über die Frage, inwieweit die Hochfrequenzstrahlung des Mobilfunks in hohen Dosen der Gesundheit schaden kann. Allein das EMF-Portal der Hochschule RWTH Aachen listet über 2.000 wissenschaftliche Studien zu diesem Themenfeld. Es scheint also Diskussionsbedarf zu geben. Umso erstaunlicher ist der Rückzugsort, den 5G-Befürworter häufig als sichere Bastion wählen.

Industrie und Handel versprechen sich viele Optimierungen durch 5G. Der neue Standard sorgt aber auch für höhere Funkbelastung. (Quelle: Deutsche Telekom)

Sie argumentieren mit einer Feststellung der ICNIRP von 1998. Gefahr bestünde erst dann, wenn sich das Gewebe durch Funkstrahlung um mehr als ein Grad Celsius erwärmt. Andere Risiken gebe es nicht.

Bis heute beruhen alle gesetzlichen Grenzwerte und Vorgaben auf dieser Einschätzung. Diese müsste man aber gegenchecken, da die International Commission on Non-Ionizing Radioation Protection (also ICNIRP) trotz ihres Namens keine amtliche Einrichtung, sondern lediglich eine kleine, private Wissenschaftlervereinigung in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins ist, die sich öffentlicher Kontrolle entzieht.

Außerhalb des ICNIRP-Zirkels gründete sich eine internationale Organisation, die in den USA als Bioinitiative registriert ist. Ihr gehören unter anderem 29 Professoren aus elf Ländern an, die interdisziplinär forschen. Sie kommen aus der Krebsforschung, der Molekularbiologie oder Epidemiologie und veröffentlichten eine Gegenposition zur ICNIRP.

Die wissenschaftlichen Grauschattierungen

So könnte schon niedrig dosierte Funkstrahlung die körpereigene Reparatur defekter DNA unterbinden, Immunantworten auf Krankheiten schwächer ausfallen oder ganz unterbleiben. Kurzum, der Körper könnte bei regelmäßiger, dauerhafter hochfrequenter Strahlungseinwirkung geschwächt werden, Fortpflanzung und Stoffwechsel beeinträchtigt sein.

Symbolfoto: Mäuse und Ratten, die dauerhaft Mobilfunkstrahlung ausgesetzt waren, hatten ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. (Foto: Pexels)

Das National Toxicology Program veröffentlichte im November 2018 eine Studie, die noch besorgniserregender klingt. Zehn Jahre lang arbeiteten Forscher im Auftrag des US-Gesundheitsministeriums und setzten etwa 7.000 Ratten und Mäuse Zeit ihres Lebens neun Stunden pro Tag der hochfrequenten Mobilfunkstrahlung aus.

Die Forscher fanden Schäden in den DNA-Strängen der Mäuse, die bestrahlten Ratten entwickelten signifikant mehr bösartige Tumore an den Nervenzellen des Herzmuskels. Die nicht bestrahlten Artgenossen besaßen dieses hohe Risiko nicht. Auch andere Studien kamen in ähnlichen Versuchen zu gleichen Ergebnissen.

Die Laborszenarien sind allerdings keine Spiegelung des tatsächlichen Alltags. Kaum ein Mensch telefoniert tatsächlich neun Stunden am Tag. Geschweige denn würde jemand über mehrere Jahre Tag für Tag dieser Dosis ausgesetzt. Im Alltag ist die Strahlendosis nach allem, was wir bislang wissen, wesentlich geringer. Hier fehlt es schlicht an Studien unter Normalbedingungen, wenngleich auch die Kritiker ihre Bedenken äußern sollten.

Das gesunde Maß zwischen Skepsis und Zutrauen

Weshalb aber schaffen sie es nicht, gehört zu werden? Eine Antwort findet sich im Adressverzeichnis. Das ICNIRP-Sekretariat residiert mietfrei im Bundesamt für Strahlenschutz, dort erledigt die amtliche Leiterin der Abteilung für elektromagnetische Strahlung praktischerweise die wissenschaftliche Koordination des Vereins. Die Verquickungen enden nicht dort, faktisch sitzen die ICNIRP-Mitglieder in allen relevanten internationalen Gremien und Ämtern, die Gesundheitsrisiken der Funkstrahlung bewerten sollen.

Obwohl oben genannte Studien die Schädlichkeit dauerhafter Funkstrahlung in Laborsituationen nachwiesen, ist Alarmismus fehl am Platz. Denn wären die gesundheitlichen Risiken für Menschen klar, wäre der 5G-Ausbau längst gestoppt. Was aber tun, um endlich Klarheit zu erhalten?

Es gäbe eine Reihe von Maßnahmen: Die erste wäre, hierzulande Langzeitstudien unabhängiger Wissenschaftler zu finanzieren, die von den ICNIRP-Dogmen losgelöst ganz spezifisch die Auswirkungen auf Menschen untersuchen. Ironischerweise ist es das Bundesamt für Strahlenschutz, das einen umsichtigen Ausbau der 5G-Frequenzen in den Bändern 2,0, 3,6 und 3,7 Gigahertz empfiehlt, die als recht gut erforscht gelten, was für höhere Frequenzen bis 26 Gigahertz hingegen nicht gilt. Hier könnte die Wissenschaft helfen.

Eine zweite Maßnahme: Städte und Kommunen, in denen die 5G-Infrastruktur aufgebaut wird, hätten ihrerseits die Möglichkeit, die Sendeleistung und damit den Elektrosmog zu beschränken. Das tut beispielsweise die Schweiz in einigen großen Städten. Dort verlaufen die 5G-Tests trotz verminderter Sendeleistung erfolgreich.

Die USA machen es vor

In einigen Jahren könnten wir schlauer sein, dank der USA. Der US-Senat hat aktuell ein umfangreiches Forschungsprojekt eingefordert, das vor allem durch die erwähnte Bioinitiative befeuert wird. Auch in der EU könnte die anhaltende Berichterstattung zu einem Umdenken führen.

Denn bislang investiert die Europäische Union über 700 Millionen Euro in 5G-Forschungsprojekte, doch davon widmet sich keines den Risiken. Einige von ihnen sind bekannt, aber lediglich unter Laborbedingungen nachzuweisen. Zeit also für eine unabhängige wissenschaftliche Studie unter realen Bedingungen, um diesen blinden Fleck zu tilgen und den höherfrequenten 5G-Bändern und möglichen (!) Risiken mehr Beachtung zu schenken. Damit das Internet der Dinge Realität wird, aber nicht auf einem wackeligen Fundament steht.

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