Mastodon: Sorry, aber niemand braucht diesen vermeintlichen Twitter-Killer aus Deutschland

Ein deutscher Student hat Mastodon ins Leben gerufen, ein dezentrales Social Network ähnlich wie Twitter. Der Gründer verfolgt keinerlei kommerzielle Absichten, was ihm derzeit viel Respekt einbringt. Für Normalsterbliche allerdings ist das Netzwerk zu komplex.

Breitseite für Twitter: Ein neues Social Network namens Mastodon ging vor kurzem an den Start und fand vor allem vergangene Woche viel Beachtung und Lob in deutschen und internationalen Medien. Mastodon erinnert von der Oberfläche her an den Twitter-Client Tweetdeck. Ein Tweet heißt hier allerdings „Tröt“ (auf Englisch „toot“). Und Nachrichten können bis zu 500 Zeichen lang sein, statt 140 Zeichen bei Twitter.

Ethisches Netzwerk ohne kommerzielle Absichten

Der eigentliche Unterschied zwischen Mastodon und Twitter allerdings liegt in der Struktur des Netzwerks. Mastodon wird nicht von einem Unternehmen an zentraler Stelle betrieben, sondern dezentral. Jeder, der das Projekt unterstützen möchte, kann einen eigenen Server hosten und Interessierten damit Zugang zu Mastodon gewähren. Vor allem aber verfolgt Eugen Rochko, der 24-jährige Mastodon-Gründer aus Jena, nach eigenen Angaben keine kommerziellen Zwecke. Mastodon soll werbefrei sein, die Privatsphäre soll sich für jeden einzelnen Tröt frei einstellen lassen. Außerdem – und das kommt gerade sehr gut an – verbietet das Netzwerk Hate Speech, also Rassismus, Sexismus, Nazi-Symbole und dergleichen.

Unklar ist allerdings, wie Mastodon das kontrollieren möchte und kann. Man ist auf die Hilfe anderer Nutzer angewiesen, die jeden ungeeigneten Beitrag mit einem Klick melden können. Aber dann wird Moderation durch Administratoren notwendig sein. Und hier ist die Frage, wer das machen soll. Rochko selbst finanzierte den Start des Netzwerks über Crowdfunding und eine bescheidene Summe von 800 US-Dollar. Mittlerweile erhält er rund 2.500 Dollar monatlich von Spendern.

Das Hauptproblem sehe ich allerdings in der Anwendung. Da zahlreiche Medien in der vergangenen Woche über Mastodon schrieben und einen regelrechten Ansturm auf das Netzwerk auslösten, waren Registrierungen über den Hauptserver eine Zeitlang nicht möglich. Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, von Hand auf einen anderen Server auszuweichen und seinen Account dort anzulegen. Aber, Achtung, der Nutzername, den man dann wählt, bleibt ab dann mit dem Namen des Servers verbunden. Und für viele Nutzer ist die Wahl des Servers eventuell schon eine Hürde zu hoch.

Andere Nutzer finden ist gar nicht so einfach

Das Hauptproblem, das ich mit Mastodon habe, ist allerdings die Leere. Ich hatte mir einen Server ausgesucht, mich registriert und wurde von einem nahezu leeren Fenster begrüßt. In der Leiste rechts sah ich in der Local Timeline, was die anderen, mir gänzlich unbekannten Teilnehmer meines Servers, noch so gepostet hatten. Mit ein paar Klicks kann ich diese Ansicht auf die Nutzer aller Server umstellen, also eine globale Ansicht. Aber hier ist das Rauschen sehr hoch. Und lieber würde ich die Nachrichten von Menschen sehen, die ich kenne oder mir selbst aussuche. Aber wo finde ich die? Auf Twitter?

Leeres Fenster: So begrüßt Mastodon neue Nutzter und andere Menschen zum Austausch müssen erst einmal mühsam gefunden werden.

Leeres Fenster: So begrüßt Mastodon neue Nutzter und andere Menschen zum Austausch müssen erst einmal mühsam gefunden werden.

Über die Suche links habe ich zunächst nach einigen Nutzern geforscht, denen ich auch auf Twitter folge. Ohne Erfolg. Ich habe dann nach zwei bekannten Facebook-Freunden gesucht, die dafür bekannt sind, dass sie jeden neuen Social-Media-Trend sofort mitmachen. Den einen fand ich, nicht über die Suche nach seinem Klarnamen, sondern indem ich seinen Namen hinter ein @-Zeichen setzte (etwa @haraldmueller). Reine Glückssache also. Den anderen fand ich nicht.

Und so ist meine Mastodon-Timeline gerade gähnend leer. Wen sollte ich hier hinzufügen – und warum überhaupt? Warum sollte ich mich plötzlich an ganz anderer Stelle mit den Menschen unterhalten, mit denen ich auf Twitter und Facebook verbunden bin? Nur, weil Mastodon ein wenig ethischer handelt? Aber das alleine wird doch die Masse der Nutzer nicht zum Wechseln animieren.

Wer braucht eigentlich ein alternatives Twitter?

Abgesehen davon habe ich persönlich gar nichts gegen Twitter. Klar, ein wenig ist nach Jahren der Nutzung die Luft raus. Aber anders als auf Facebook habe ich hier nicht das Gefühl, mit Werbung zugeschüttet zu werden oder immer nur von den gleichen Leuten unwichtige Neuigkeiten zu lesen. Ich persönlich brauche Mastodon schlicht nicht. Und ich denke, das wird den allermeisten abseits der Social-Media-Blase nicht anders gehen. Lieber wäre mir gewesen, Rochko hätte Facebook neu erfunden, nicht Twitter.

Viele neue Nutzer, aber gar nicht mal so viele Toots: Der große Ansturm auf Mastodon könnte schon wieder vorbei sein. Bild: Mastodon

Viele neue Nutzer, aber gar nicht mal so viele Toots: Der große Ansturm auf Mastodon könnte schon wieder vorbei sein. Bild: Mastodon

Und so würde ich mich dem Fazit von Nicole Lee von Engadget anschließen: Das Interesse an Mastodon sollte vor allem Twitter wachrütteln. Das 140-Zeichen-Netzwerk hat sich in den letzten Jahren etwas uninnovativ gezeigt und war ein Stück weit aus der Mode gekommen. Immer wieder betonten die Twitter-Bosse, dass eine Abkehr von der 140-Zeichen-Begrenzung dem Netzwerk den Todesstoß verpassen würde. Aber gerade das sehe ich durch Mastodon widerlegt: Da kommt ein Service daher, der genauso aussieht aber 500 Zeichen-Meldungen erlaubt, und ausgerechnet das macht ihn erfrischend anders und keinesfalls unnutzbar.

Wenn ihr Mastodon einmal ausprobieren wollt, geht zur offiziellen Website und folgt dort dem Link „various other public instances to sign up“. Dort klickt ihr auf einen der angebotenen Links zu einem Server, der euch zusagt und gebt im nächsten Feld Benutzername, E-Mail-Adresse und ein Passwort an. Fertig. Danach ist die größte Herausforderung, wie gesagt, das Suchen und Finden neuer Nutzer. Aber das kann ja auch eine spannende Reise sein, so wie vor etwa 10 Jahren, als man zum ersten Mal Twitter ausprobiert hatte.

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