Hey.com

Ciao, Hey.com, ich bin dann auch schon wieder weg

Hey.com will euch die Kontrolle über eure E-Mails zurückgeben. Nach einem beigelegten Streit mit Apple bietet der kostenpflichtige E-Mail-Dienst nun offene Testzugänge an. Wir haben reingeschaut und sind sehr angetan davon, wechseln werden wir aber erstmal nicht.

Braucht es im Jahr 2020 noch einen neuen E-Mail-Dienst? Einen, der sich anschickt, das altgediente Medium noch einmal völlig neu zu erfinden? Denke ich darüber nach, dann würde ich sagen: warum eigentlich nicht! Die E-Mail ist lebendiger denn je. Beinahe jeder nutzt heute einen Webmailer oder ein E-Mail-Programm, das sich über die Jahre kaum verändert hat, ebenso wenig wie die E-Mail selbst. Google hat die Spielwiese Inbox wieder eingestellt und der vielleicht immer noch modernste E-Mail-Dienst GMail, ebenfalls von Google, wirkt auch schon ein wenig in die Jahre gekommen. Eigentlich die beste Zeit für einen Service wie Hey.com auf den Plan zu treten.

Hey.com und der Werbeslogan, man habe das Rad nicht neu erfunden, aber die E-Mail.

Hey.com und der Werbeslogan, man habe das Rad nicht neu erfunden, aber die E-Mail.

Denn dass Hey.com anders sein möchte, fällt an allen Ecken und Enden auf. Das Layout wirkt ultramodern, frisch. Und auch die beworbenen Features lassen aufhorchen. Etwa dass Hey alle Anhänge, die ihr jemals erhalten habt, übersichtlich in einem eigenen Verzeichnis anlegt. Ihr müsst also nicht mehr erst die jeweilige E-Mail suchen und öffnen und da den Anhang herausfischen. Eine gute Idee – bei der ich mich frage, warum das eigentlich vorher noch niemand zufriedenstellend gelöst hat.

Alle Anhänge sind bei Hey.com übersichtlich geordnet im Files-Ordner.

Alle Anhänge sind bei Hey.com übersichtlich geordnet im Files-Ordner.

Was Hey.com aber zuletzt vor allem bekannt gemacht macht, ist ein wochenlanger, öffentlich geführter Streit mit Apple. Die Publicity wird dem Dienst nicht geschadet haben. Streitpunkt war, dass Hey.com eben ein zahlungspflichtiger E-Mail-Service sein soll, Apple für die iOS-App aber nicht 30 Prozent der Einnahmen abgeben wollte. Die Alten von euch erinnern sich vielleicht: In den frühen Zeiten des Web waren kostenpflichtige E-Mail-Dienste noch gang und gäbe. Heute ist die kostenlose E-Mail zur Selbstverständlichkeit geworden, für E-Mail-Anbieter oder Services wie mehr Speicherplatz zu zahlen, ist heute eher die Ausnahme.

Hey.com: Nicht alles neu, aber alles anders

Aber warum eigentlich nicht! Hey.com verlangt 99 US-Dollar Jahresgebühr plus Steuern. Aber wenn ein Dienst wirklich besondere Features bietet, eure Daten nicht verkauft, besser ist als alle anderen und den Kasten sauber hält, warum dann nicht mal etwas dafür zahlen? Mittlerweile hat sich Hey-Anbieter Basecamp mit Apple geeinigt.

Die Hey.com "Imbox"

Die Hey.com „Imbox“

Was Hey.com zum öffentlichen Start bietet, ist etwa die Imbox. Nein, kein Vertipper, sie schreibt sich wirklich mit m, was ein „Wir sind anders“ gleich vorweg nimmt. Was die Imbox besonders macht, ist dass ihr keine Mails von Absendern bekommen sollt, die ihr nicht vorher freigegeben habt. Der umgekehrte Weg also im Vergleich zu „traditionellen“ E-Mail-Diensten, wo ihr erst empfangt und dann löscht.

Ihr habt danach immer noch die Möglichkeit, E-Mails zu löschen, als Spam zu markieren, für später hervorzuheben und griffbereit zu haben („Set Aside“) oder für eine spätere Antwort („Reply Later“) zu markieren. In die Imbox soll nur kommen, was „important“ und „immediate“ ist. Das ist alles nicht unbedingt etwas revolutionär Neues, aber die Art und Weise, wie Hey.com die Möglichkeiten umsetzt, wirkt attraktiv und wieder einmal: frisch.

Nervt gleich zu Anfang mehr, als es sollte

Und doch sollt ihr neu eintreffende Mails erst einmal bearbeiten. Um euch gleich einzulernen, schickt Hey.com euch zu diesem Anlass nach der Registrierung erst einmal 5 (!) Willkommens-E-Mails, die euch den Dienst vorstellen und alles erklären. Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mir Hey mehr aufgedrückt, als ich eigentlich will. Klar, um einen neuen E-Mail-Dienst kennenzulernen, muss ich erstmal ein paar Mails schreiben und bekommen. Aber so viel Rauschen gleich zu Beginn?

Hey schickt euch zum Warmwerden erstmal 5 Mails, die ihr sogleich bearbeiten dürft.

Hey schickt euch zum Warmwerden erstmal 5 Mails, die ihr sogleich bearbeiten dürft.

Etwas stutzig macht mich auch „The Feed“. Hier kann ich Newsletter, Marketing-E-Mails, Pressemeldungen oder alles, was ich erst später lesen möchte, dafür ablegen – und eben später lesen. Aber hey, Hey.com, das macht etwa GMail sogar automatisch, und meistens passt es sehr gut. Die Aussicht, jeden der täglich im Dutzend eintreffenden Newsletter erst händisch für den „Feed“ zu markieren, klingt nicht sonderlich erstrebenswert.

Ganz ähnlich ist der „Paper Trail“ gedacht. Hier könnt ihr Bestell-Bestätigungen, Versandbenachrichtigungen und Ähnliches ablegen. Aber auch das müsst ihr wieder händisch tun. Was der neue Maildienst macht, sieht zwar alles sehr hübsch aus, klingt aber, als beanspruche er ganz schön viel unserer wertvollen Lebenszeit.

Hey.com setzt auf softes Blocken, ihr habt die Kontrolle

Was mir wiederum gut gefällt, ist die Möglichkeit, dass ihr E-Mails, ihre Empfänger oder beides im ersten „Screening“ einfach ablehnt. Dazu markiert ihr sie mit einem Daumen nach unten. Der Empfänger oder die Empfängerin erhält keine Benachrichtigung, dass ihr die Mail nicht bekommen wollt, aber das Programm merkt sich die Einstellungen, die ihr jederzeit rückgängig machen könnt. Das ist im Grunde die softe Umsetzung des Blockens, was auch viele Social-Media-Dienste ermöglichen, und eine praktischere Möglichkeit, als eine Mail bloß zu löschen oder direkt als Spam zu markieren.

Der Hey.com-Screener

Der Hey.com-Screener

Eine weitere der vielen interessanten kleinen Möglichkeiten ist etwa, Mails nur für euch mit einer Notiz zu markieren. Oder – und das klingt sehr attraktiv – ihr könnt aus einem Thread einfach aussteigen, ihn quasi für euch „muten“ (wie ihr auf Twitter bestimmte Hashtags stummschalten könnt). Ideal, wenn Kollegen euch zum Beispiel ungefragt in eine lange Unterhaltung verwickeln.

Heys Suche zeigt Personen auf einer eigenen Seite an. Das erinnert an eine Social-Media-Profilseite, und die Idee gefällt mir eigentlich ganz gut.

Hey will nicht weniger, als euch die Kontrolle über die E-Mail zurückgeben.

Hey will nicht weniger, als euch die Kontrolle über die E-Mail zurückgeben.

„Kostenlose E-Mail-Dienste sind nicht wirklich kostenlos“

Also, ja, Hey.com hat zum Start viele frische Ideen. Da wird über die Zeit sogar noch mehr kommen, da bin ich mir sicher. Der Dienst hat bereits Apps für Windows, Mac, Android und iOS in Petto, funktioniert aber auch in einer Browser-Version. Und die vielleicht frischeste aller Ideen ist in meinen Augen tatsächlich die Jahresgebühr. Ihr zahlt einen Betrag von eben 99 US-Dollar im Jahr (wo eventuell noch Steuern hinzu kommen), und dafür gehören eure Daten euch und nicht etwa Google oder Microsoft, wo sie für Geld ausgeschlachtet werden können. Aus dem Hey.com-„Manifest“:

There are lots of “free” email services out there, but free email costs you one of most valuable things you have – your privacy and your personal information. We’re not interested in your personal data. It’s always yours, never ours.

Die 99 Dollar im Jahr plus eventuell Steuern überweist ihr übrigens auch als deutsche NutzerInnen. Andere Währungen bietet Anbieter Basecamp bisher nicht an. Dafür bekommt ihr 100 GB Speicherplatz und nebenbei die Möglichkeit „große Inhalte“ als Attachment zu verschicken, die der Service auf den eigenen Servern hostet. Wie lange genau und wie große die Inhalte maximal sein dürfen, verrät Hey.com nicht. In einem Beispiel ist von „über einem Jahr“ die Rede und die verschickte Datei ist 300 MB groß.

Ist Hey.com 99+ Dollar im Jahr wert?

Das alles wirkt ganz schön attraktiv. Der Nervfaktor gleich zu Beginn schreckt mich allerdings ab. Ihr werdet immer ein wenig mit euren E-Mails „arbeiten“ müssen, hier läuft weniger automatisch als bei anderen E-Mail-Diensten. Was mich derzeit aber noch davon abhält, von GMail rüberzuwechseln, ist der nur geringe Feature-Vorsprung. Viel von dem, was Hey anbietet, hat GMail auch, wenn auch meinetwegen schlechter umgesetzt. Dass Googles Mailclient Werbung und Social-Media-Bebachrichtigungen automatisch separat sortiert, ist in meinen Augen sogar ein Vorteil.

Gleich zu Beginn sollt ihr 5 Mails wegarbeiten. Nein, kein ganz so guter Start...

Gleich zu Beginn sollt ihr 5 Mails wegarbeiten. Nein, kein ganz so guter Start…

Und auch wenn GMail ein wenig in die Jahre gekommen ist und bei jeder Nutzung von Google-Diensten immer ein Geschmäckle bleibt (was passiert mit meinen Daten?): Der Anreiz, Hey.com zu benutzen, sich mehr Stress auszusetzen, Arbeit in die Sortierung der Mails zu stecken und dafür auch noch Geld zu bezahlen, ist für mich im Moment noch nicht genug. Sorry.

Notizen sind nur für euch.

Notizen sind nur für euch.

Andererseits war die kleine Tour dann doch sehr erfrischend. Hey.com ist das Beste, was der E-Mail seit langem passiert ist. Und ich hoffe, das wird den Markt um unser wohl meist genutztes Medium ein wenig in Wallung bringen. Aus der E-Mail lässt sich mehr machen, als in den letzten 20 Jahren gesehen. Das lässt hoffen.

Wie seht ihr das, habt ihr Hey.com schon ausprobiert? Gefällt euch, was ihr da seht? Würdet ihr dafür zahlen? Sagt es uns in den Kommentaren!

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6 Kommentare zu “Ciao, Hey.com, ich bin dann auch schon wieder weg
  1. Vielleicht hätten Sie die 5 E-Mails doch besser lesen sollen, die die Funktionsweise von Hey.com erklären. Ich verstehe ja, dass viele das aus Zeitgründen nicht machen, aber die schreiben dann auch keinen Testbericht zu Hey.

    Natürlich braucht man nicht jede einzelne E-Mail manuell in den Feed zu verschieben. Der Gag ist ja gerade, dass man das einmal macht, und dann kommen alle weiteren Newsletter von derselben Adresse automatisch in den Feed. Dasselbe mit dem Paper Trail. Einmal Amazon für den Papertrail markiert, schon landen alle Rechnungen immer dort und nicht mehr in der Imbox.

    • Ich wollte die 5 Mails nicht in den Feed verschieben, ich wollte sie löschen, nachdem ich die Infos bereits auf der Hey.com-Seite gelesen hatte. Und nein, dafür gab es keine Möglichkeit, das in einem zu tun. Da können Sie noch so viel in den 5 Mails lesen, das steht da nicht drin.

    • Hallo Jürgen, ich konnte die fünf Mails direkt löschen. Auch muss ich mich Lars anschließen: Einmal eingestellt, werden Mails automatisch in den Feed oder PaperTrail verteilt. Hey macht absichtlich wenig automatisch, damit man selbst die Kontrolle hat – mir gefällt das. Aber sehr schön auch mal ein kritisches Review zu lesen! Liebe Grüße!

  2. Einfach auf das Icon klicken, dann kann man alles was man in gleicher Weise bearbeiten möchte selektieren und zum Beispiel in den Trash schmeissen.

    Das bisher einzige Problem in meinen Augen ist, dass es für „The Feed“ keine Listenansicht gibt und die Mails schon fast komplett geöffnet angezeigt werden. Man kann zwar auch mehrere auswählen, aber das ist langwierig. Vom gleichen Absender wiederum werden dann aber alle gesammelt angezeigt und lassen sich auf einmal löschen.

  3. für mich ist das hauptproblem bei Hey, das man keine mails mit seiner eigenen domain verschicken kann. lt. faq wird das irgendwann funktionieren, dzt. aber eben noch nicht.

  4. Ich nutze Hey jetzt seit Anfang August 2020 und mir hat Hey mein „E-Mal-Leben“ zurückgegeben. Endlich habe ich die Möglichkeit alle E-Mails, dann wenn ich Zeit habe, abzuarbeiten und ich habe alle abzuarbeitenden E-Mails auf einen Blick, an einem Ort. Bei Gmail wurde alles nach und nach von neuen E-Mails nach unten „gedrückt“. Was ich nicht sofort bearbeitet habe, verschwand im „Mail-Wahnsinn“.

    Und die Feed-Funktion ist Super. Ich liebe Newsletter, aber nicht, wenn sie mir meine Inbox verstopfen. Jetzt finde ich alle Newsletter an einem Ort, die ich wie einen Facebook-Feed untereinander lesen kann.

    Speziell ist, dass ich nur noch eine Absender-Adresse habe, aber damit habe ich mich arrangiert und nehme in Kauf. Es gibt noch viel zu tun bei Hey, aber der Aufschlag der hier gemacht wurde überzeugt mich.

    Mein Fazit, ich möchte nicht mehr ohne Hey.com auskommen müssen.

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