Flugtaxi Velocopter am Intel-Stand der Cebit 2018 (Bild: Peter Giesecke)

Cebit 2018: Viele Möchtegern-Hipster und ein paar Nerds

Die Cebit lebt, alle fühlen sich wohl. Doch in den Hallen und dazwischen amüsieren sich sehr unterschiedliche Leute. Es wurden Parallelwelten geschaffen.

Ein seltsames Gefühl, nach Jahren wieder auf einer Cebit zu sein. Früher schoben sich die Menschen in Massen durch die Gänge. Viele hatten riesige Taschen geschultert, in denen die Give-aways verschwanden, die wie am Fließband ausgegeben wurden. Wir nannten sie Beutelratten. Doch das ist 15 Jahre her. Heute sind sie nicht mehr zu sehen.

Zur Cebit 2018 ist es in und außerhalb der Hallen erstaunlich leer. Keine gähnende Leere, denn an den Ständen ist überraschend viel los. Vor den Bühnen sitzen nicht wenige Menschen. Wird eine VR-Kamera vorgeführt, drängeln sich die Leute wie zu alten Zeiten um den besten Platz. Nur dass sie heute ein Smartphone hochhalten und keine Kompaktkamera.

So leer war es nicht in jeder Cebit-Halle. Richtig gefüllt war es aber nirgendwo (Bild: Peter Giesecke)

So leer war es nicht in jeder Cebit-Halle. Richtig gefüllt war es aber nirgendwo (Bild: Peter Giesecke)

Die Cebit wird das ihrem neuen Konzept zuschreiben, doch ich glaube, dies ist den Ausstellern zu verdanken, die von anderen Messen gelernt haben, dass sie mehr bieten müssen, als ihre Produkte bloß auf einem Tisch auszulegen (wie es AVM zum Beispiel immer noch tut). Denn wenn ich mir aktuelle Smartphones im direkten Vergleich anschauen möchte, fahre ich zum nächsten Euronics, nicht zur Cebit.

Was auf der Cebit zu sehen ist

Was in diesem Jahr zu sehen ist, drückt die Messe so aus (und das ist schon in einigermaßen verständliches Deutsch übersetzt):

  • künstliche Intelligenz
  • Roboter mit menschlichen Zügen
  • Zukunft der Mobilität
  • 5G und IoT
  • Blockchain
  • VR/AR und Drohnen
  • Sicherheit
  • Arbeitsplatz 4.0 & Zusammenarbeit

Was tatsächlich zu sehen ist, stammt glücklicherweise nicht aus den Marketingabteilungen, sondern sind reale Produkte. Und was für welche!

  • das Flugtaxi Volocopter
  • der e.Go, der in einer Halle mit Besuchern auf dem Beifahrersitz durch einen Parkour fährt
  • viele, viele Drohnen, die in abgetrennten Bereichen durch die Halle schwirren
  • viele, viele VR-Brillen
  • der Icaros 361 XR, auf das sich Besucher drauflegen und wie Supermann durch virtuelle Welten fliegen können – mit VR-Brille auf der Nase
Superman-Feeling und Fitnessgerät in einem: Mit Bewegungen des eigenen Körpers durch VR-Welten steuern (Bild: Peter Giesecke)

Superman-Feeling und Fitnessgerät in einem: Mit Bewegungen des eigenen Körpers durch VR-Welten steuern (Bild: Peter Giesecke)

Viel Raum, viele Bühnen

Microsoft hat keinen eigenen Stand mehr, Facebook erstmals. Die Deutsche Telekom hat ihren Auftritt verkleinert, Vodafone dagegen vergrößert. Neu und aufregend ist jedoch, was dazwischen passiert. Es wurde viel Platz geschaffen. In jeder Halle gibt es weiträumige Workshopbereiche mit Sitzwürfeln und mit richtigen Tischen. Dazu in unmittelbarer Nähe eine Bühne, auf denen nicht ganz so hippe deutsche Mittelständler auf Englisch erklären, wie sie ihr Unternehmen digitalisieren. Hört sich langweilig an? Davor sitzen jedenfalls weit mehr Leute, als Plätze frei sind.

Viel Platz auszuruhen und zu arbeiten – sogar mit Steckdose an jedem Platz (Bild: Peter Giesecke)

Viel Platz auszuruhen und zu arbeiten – sogar mit Steckdose an jedem Platz (Bild: Peter Giesecke)

Sind das schon die Konferenzen, von denen die Cebit sagt, sie seien nun Teil des Programms? Vielleicht. Es gibt aber auch richtig große Bühnen. Auf einer eröffnete Netzlegende Jaron Lanier am Montag mit einer Keynote die Messe. Er wetterte erst einmal gegen Google, Facebook und das exzessive Sammeln von Daten. Aus den letzten Jahren war mir stets das Bild der Kanzlerin oder ihres Wirtschaftsministers im Gedächtnis geblieben. Der kam zwar auch, war aber einfach nicht mehr wichtig.

The right Person +Data +Time – ein spannendes Thema? Viele meinen ja (Bild: Peter Giesecke)

The right Person +Data +Time – ein spannendes Thema? Viele meinen ja (Bild: Peter Giesecke)

Auf den größeren Bühnen gibt es tatsächlich ein Programm mit Anspruch. Ein unterhaltsamer Punkt zum Ende des Messetages: die FuckUp Nights. Startup-Gründer erzählen von ihren Pleiten. Als ich dort hineinhörte, klang der Vortrag allerdings sehr geschliffen. Offenbar wurde in diesem Fall schon ein neues Geschäftsmodell gefunden. Der Lerneffekt für die Zuhörenden ist dann wohl eher fraglich.

Hipsterbärte zum Anzug

Im Anschluss an die Konferenzen gibt es dann noch Konzerte für lau. Dienstag spielten Compressorhead, Superorganism, Giant Rooks und Mando Diao, Mittwoch dann Jan Delay als Hauptact. Das ist nicht schlecht, aber auch kein Grund, um dafür extra nach Hannover zu fahren. Jede Band hat gerade mal eine Stunde, und vor der Bühne ist auch nicht so viel Platz. Es ist eben leichter, eine Musikmesse wie die SXSW um Konferenzen und Ausstellungen zu erweitern als umgekehrt.

Superorganism auf der Cebit-Bühne: Super Band, doch nur wenige interessiert es (Bild: Peter Giesecke)

Superorganism auf der Cebit-Bühne: Super Band, doch nur wenige interessiert es (Bild: Peter Giesecke)

In unmittelbarer Nähe der großen Bühne befinden sich noch ein Riesenrad und ein Rondell mit Konferenztischen, das von einem Kran nach oben gezogen wird. Als ob dort jemand ernsthaft Geschäftsabschlüsse tätigen würde. Dazwischen eine Reihe von Food Trucks mit vielen Menschen, die den Messealltag vergessen zu haben scheinen. Gerne wird zum Anzug Hipsterbart statt Krawatte getragen.

Wieviele Geschäftsabschlüsse hier wohl getätigt werden: Konferenztische am Cebit-Kran (Bild: Peter Giesecke)

Wieviele Geschäftsabschlüsse hier wohl getätigt werden: Konferenztische am Cebit-Kran (Bild: Peter Giesecke)

Mir scheint, das sind dieselben Marketing- und Produktmanager, die uns Journalisten vor Jahren keines Blickes gewürdigt haben und abends in den Hallen des angrenzenden Expogeländes ihre Privatpartys gefeiert haben. Nerds sind hier kaum zu sehen. Sie befinden sich, wie oben schon erwähnt, in den Hallen und stehen Schlange – um endlich die VR-Brille aufsetzen zu können.

Food Truck auf der Cebit: Nur einer von vielen (Bild: Peter Giesecke)

Food Truck auf der Cebit: Nur einer von vielen (Bild: Peter Giesecke)

Mit dem neuen Konzept will die Cebit offensichtlich andere Leute ansprechen. Etwas mehr Masse als in den vielen Jahren mit Besucherrückgang, vor allem aber mehr Klasse. Mehr Trend-Themen. Mehr Startups. Mehr für junge Leute. Doch für die wird das Dauerticket für 200 Euro eine große Hürde sein. Das Tagesticket für 100 Euro ebenso. Entsprechend wenig Schüler sind hier auch zu sehen. Am letzten Tag (Freitag, 11. Juni) gibt es dann die Eintrittskarte für 25 Euro an der Tageskasse, an den Tagen davor ein Abendticket für 20 Euro.

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