Andromium OS im Test: Das Smartphone zum Android-PC machen und auf den Fernseher streamen

Lust auf ein kleines Abenteuer? Wie wäre es damit, das Smartphone zum PC zu machen und Android auf dem Fernseher zu streamen. Bei unserem Test von Andromium OS stellte sich aber schnell heraus: Ist noch in einem sehr frühen Stadium und – was soll das eigentlich?

Ich mag es, wenn Tüftler um die Ecke denken. Wie wäre es mit der Idee, das Smartphone als Laptop zu benutzen, indem man es einfach an ein Laptop-Gehäuse steckt? So geschehen im Superbook von Andromium Inc., eine der erfolgreichsten Kickstarter-Kampagnen des Jahres. Neuestes Experiment der Kalifornier: Andromium OS.

Andromium OS ist eigentlich nur eine App, die Android um ein paar Apps und Funktionen erweitert und das Smartphone in den Quermodus versetzt. Dank einer Taskleiste am Fuße des Bildschirms sieht die Smartphone-Oberfläche dann aus wie ein experimentelles Windows.

Andromium OS: Standard-Oberfläche sieht aus wie Windows.

Andromium OS: Standard-Oberfläche sieht aus wie Windows.

Sinn ergibt das natürlich erst, wenn man den Inhalt auf einen großen Bildschirm spiegelt. Etwa mit einem Verbindungskabel oder Miracast auf einen Monitor oder – wie in meinem Falle – mit einem Google Chromecast auf einen Fernseher. Maus und Tastatur per Bluetooth daran angeschlossen, und das Smartphone wird zum PC. Das musste ich ausprobieren!

Ein wenig tüfteln muss man dabei schon. Aber es ist keine Hexerei:

  1. Die Andromium OS-App im Google Play Store herunterladen und erst einmal noch nicht öffnen
  2. Null Keyboard herunterladen und installieren (optional, aber vereinfacht das Procedere)
  3. Bluetooth einschalten, Bluetooth-Keyboard und Bluetooth-Maus verbinden und in den Einstellungen als Eingabegeräte auswählen (Null Keyboard hilft im Zweifelsfalle dabei)
  4. Smartphone neu starten und nach dem Neustart sichergehen, dass Maus und Tastatur verbunden und aktiv sind
  5. Bildschirminhalt mit Google Cast (oder Miracast) auf Fernseher oder Monitor übertragen
  6. Andromium OS-App starten

Eine genaue Anleitung gibt es in der Beschreibung der Andromium OS Android-App.

Andromium OS spendiert Android einen echten Window-Manager!

Die Spiegelung auf meinen Fernseher gelingt und Andromium startet. Zu sehen ist eine einfache Oberfläche mit Task-Leiste und einigen unterstützten Apps wie einem File-Manager, einem Browser und Minesweeper (!). Links unten gibt es einen Start-Button mit Menü, wo sich eine Handvoll weiterer Apps ausführen lassen. Als Dritt-Apps werden etwa GMail, YouTube und Netflix angeboten. Fenster lassen sich übereinander anordnen, minimieren, verkleinern und vergrößern. Ein echter Window-Manager also!

Andromium OS: Es gibt sogar Minesweeper!

Andromium OS: Es gibt sogar Minesweeper!

Wenige Anwendungen, fehlerhafte Oberfläche

Doch damit sind auch schon alle Vorteile aufgezählt und die Nachteile werden schnell offenbar. Zugriff auf andere Apps hat man nämlich nicht oder nur umständlich über den App-Drawer. Betätigt man diesen am Telefon oder drückt eine der physischen Tasten, fliegt einem das Layout von Andromium OS auch sofort um die Ohren und mischt sich mit dem des Telefons. Erst ein Klick auf den Andromium-Start-Button stellt ungefähr das Andromium-Layout wieder her. Das angeblich unterstützte GMail stellt Mails viel zu groß dar. Auch der Mauszeiger wirkt um Längen zu groß und deutlich zu schnell, um die filigran gestalteten Icons zu erwischen.

Schnell raus hier!

Nach nicht einmal fünf Minuten des Testens ist mir klar: Ich muss hier raus! Aber das ist gar nicht so einfach, denn klicke ich auf das Startmenü und wähle „Log off“, wird der Bildschirm neu geladen, entlässt mich aber nicht zurück in die Smartphone-Welt. Klicke ich auf die Home- oder Multimedia-Taste des Smartphones, zerschieße ich das Design. Über den App Manager schließe ich Andromium OS zwar, werde aber das Querformat immer nicht los. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als das Smartphone neu zu starten.

Der Musikplayer von Andromium OS wirkt völlig überdimensioniert.

Der Musikplayer von Andromium OS wirkt völlig überdimensioniert.

Die Entwickler hinter Andromium OS – ein Startup namens Andromium Inc. aus San Francisco – weist in der Beschreibung darauf hin, dass es sich bei dem System um eine Beta-Version handle. Und das ist in der von mir getesteten Version 0.6.5 noch übertrieben. „Alpha“ wäre die genauere Beschreibung. Kaum etwas funktioniert flüssig, der Nutzen ist beschränkt. Es wirkt auf diese Weise fast schon wie Anti-Werbung: Wenn der große Kickstarter-Erfolg des Superbook, an dem auch ich teilgenommen habe, mit einem ähnlich fehlerhaften System ausgeliefert wird, dann könnte der Spaß daran ganz schnell vorbei sein. Oder formulieren wir es positiver: Andromium Inc. hat noch einiges an Arbeit vor sich!

Smartphone als PC nutzen? Geht auch ohne Andromium OS!

Beim Testen ertappte ich mich außerdem dabei, mehrere Male nach dem Warum zu fragen. Es gelingt mir problemlos, den Bildschirminhalt meines Smartphones hochkant per Google Cast auf den Fernseher zu streamen. Eine Maus und eine externe Tastatur kann ich nutzen. Ich habe mehrere hunderttausend Android-Apps zur Verfügung. Warum sollte ich mir also ein fehlerhaftes System mit einer Handvoll verfügbaren Apps installieren, wenn alles, was ich brauche, ein Landscape-Modus ist und dieser sich auf einem Smartphone ab Android 6.0 mit ein paar Handgriffen einschalten lässt? Dann kann ich mein Smartphone auch ohne eine weitere App problemlos als Desktopsystem auf dem Fernseher oder einem Bildschirm nutzen.

Zumindest dafür bin ich den Jungs von Andromium Inc. dankbar: An diese Möglichkeit hatte ich gar nicht gedacht. 😉

Smartphone im Quermodus geht ab Android 6.0 mit ein paar Handgriffen, keine Extra-App notwendig.

Smartphone im Quermodus geht ab Android 6.0 mit ein paar Handgriffen, keine Extra-App notwendig.

Google selbst wird voraussichtlich am Dienstag einen Ausblick auf das namentlich sehr nahe Andromeda geben, eine Verschmelzung von Android und Chrome OS zu einem Windows-ähnlichen Betriebssystem für Laptops. Andromium OS funktioniert ab Android 4.4. Smartphones mit Android 6.0 oder höher lassen sich mit wenigen Handgriffen in den Landscape-Modus versetzen, ihr Inhalt sich mit einem Google Chromecast oder Miracast auf einen Monitor oder Fernseher spiegeln. In eine ganz ähnliche Richtung wie Andromium Inc. tüftelt das chinesische Startup Jide mit dem Remix Mini und Remix OS.

Update: Andromium OS hat mich dazu inspiriert, einmal zu testen, ob ich mein Smartphone als Notfall-PC verwenden kann. Sagen wir so: Es funktioniert bedingt…

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2 Kommentare zu “Andromium OS im Test: Das Smartphone zum Android-PC machen und auf den Fernseher streamen
  1. Es geht mir auch ziemlich auf die Nerven, mehrere Geräte parallel zu pflegen: Updates einspielen, Apps mehrmals herunterladen und installieren sowie die Daten auf allen Geräten auf einen Stand zu halten.

    Nur noch ein Gerät zu haben, würde mir aber zu weit gehen. Das liegt nicht an der Rechenkraft, sondern daran, dass ich gerne einen Second Screen habe. Gerade wenn ich auf einem großen Bildschirm arbeite, bedenke ich, wer da mit draufschauen könnte (im Zug verhalte ich mich anders als zuhause). Und mein Smartphone ist eh nur für meine Augen bestimmt.

    Am Schreibtisch kombiniere ich einen Laptop mit einem größeren Monitor. Wenn ich Fußball schaue, schalte ich manchmal auch beide Bildschirme an. So würde ich mir das auch für das Smartphone wünschen: eine Oberfläche auf dem Smartphone, die nur für meine Augen bestimmt bleibt, und eine Oberfläche für einen (per Funk) angebundenen Fernseher/Monitor, auf dem ich meinen betagten Eltern die Urlaubsfotos vorführen kann. So kann ich dann nebenbei noch eine WhatsApp lesen, ohne dass sie es mitbekommen.

    • Microsofts Continuum ist dafür gedacht. Du schließt das passende Gerät an einen Bildschirm an, nutzt diesen dann als PC, siehst auf deinem Smartphone aber weiterhin nur den Smartphone-Bildschirm. Ist mit einem Mehrkern-Smartphone im Prinzip kein Problem.

      Bisher hat sich nur noch keins von diesen Kombi-Prinzipien durchgesetzt. Motorola hatte so etwas vor ein paar Jahren ja auch einmal versucht. Aktuell ist von Andromium Inc. ja auch dieses Superbook ein Hype (https://trendblog.euronics.de/computer-buero/superbook-android-laptop-40048/). Auch ich habe das mitgefördert, ich vermute aber langsam, dass der Spaß sich da in Grenzen halten wird. Am Ende fehlt bei all diesen Konzepten eben doch etwas. Sei es die Auswahl ansprechend nutzbarer Apps, sei es Rechenpower, sei es Nutzerfreundlichkeit.

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