YouTube Content-ID-System: Abzocker freuen sich

Das Content-ID-System von YouTube sollte die Welt für alle einfacher machen – Contentinhaber, Wiederverbreiter, YouTube. Dass dieses System aber noch einige Fehler hat, wird durch die aktuelle Content-ID-Welle deutlich. Viele Content-ID-Meldungen sind gar nicht rechtmäßig. Abzocker haben das System für sich entdeckt.

Als vor einigen Tagen am Content-ID-System von YouTube herumgeschraubt wurde, traf es auch meinen Kanal. Drei Content-ID-Treffer, trotz einer Duldungserklärung des Rechteinhabers. Da ich mit diesen Dingen vorher kaum konfrontiert war, weil ich stark darauf achte, was ich hochlade, war das für mich eine Katastrophe. Bei genauerer Betrachtung fiel auf – irgendwas stimmt hier nicht. Die ID-Treffer stammen nämlich nicht vom Rechteinhaber.

Was ist Content-ID?

Content-ID ist ein automatisiertes Verfahren, das Inhalte auf YouTube anhand von Referenzdateien erkennt und zuordnen kann. Reicht ein Rechteinhaber seine Inhalte ein, werden alle hochgeladenen Videos auch nach ihren Inhalten überprüft. Wird etwas gefunden, kann er die unrechtmäßig hochgeladenen Inhalte sperren, monetarisieren oder beobachten. YouTube verkauft dieses System als Möglichkeit, von dem neuen Sharing-Gedanken der Internet zu profitieren und ruft damit Trittbrettfahrer auf den Plan.

In dem Content-ID-System gibt es eine ganz große Lücke: Um sich Inhalte zu sichern, muss man gar nicht die Rechte an ihnen besitzen. Damit kann man bewusst „False Positives“ also falsche Treffer erzeugen und fremde Videos monetarisieren und abzocken.

Für den Nutzer, der von einem Content-ID-Claim betroffen ist, sind diese Ansprüche oft nicht nachvollziehbar, denn viele Firmen stehen in keinem ersichtlichen Zusammenhang zu den offensichtlichen Rechteinhabern – entweder weil die wirklichen Rechteinhaber die Rechte abgegeben haben oder weil keine Verbindung zu den Rechteinhabern besteht und die Content-ID-Inhalte fälschlich eingepflegt wurden.

Beanstandung trotz Genehmigung

Als Let’s Player – jemand, der ein kommentiertes Spielevideo hochlädt – bewegt man sich immer in einem grauzonigen Bereich, weil die Spielefirmen die Rechte an Ton und Bild ihrer Spiele haben. Die meisten Firmen haben aber das Potential der Videoplattform erkannt und verteilen Duldungserklärungen an die User. Manche bitten YouTube-User sogar explizit darum, Let’s Plays zu machen.

Wer sich in der Sparte bewegt, wird Content-ID-Claims weniger von den tatsächlichen Rechteinhabern bekommen, aber dafür von der Konkurrenz. Vor allem Netzwerke melden die Inhalte ihrer Netzwerkmitglieder beim Content-ID-System an und begehen damit schon einen großen Fehler. Netzwerke besitzen, wie normale User auch, lediglich eine Duldungserklärung. Sie dürfen die Inhalte also weder als ihre eigenen ausgeben, noch ohne Genehmigung Geld damit verdienen. Wenn ein Netzwerk seine Inhalte in das Content-ID-System einpflegt, kann es damit nicht nur die Konkurrenz ausschalten, sondern auch noch Werbung in den Videos der Konkurrenz schalten und mitverdienen. Ein lukratives Geschäft, von dem die tatsächlichen Rechteinhaber nicht einmal etwas mitbekommen.

Die tatsächlichen Rechteinhaber wissen von nichts

Aber nicht nur Netzwerke wittern hier den schnellen Euro. Es gibt Firmen, die sich explizit virale Videos suchen, um hier unberechtigt die Rechte zu beantragen. Ich habe mit einem großen YouTube-Kanal gesprochen und hier wurde mir gesagt, dass vor allem bei den stark geklickten Videos häufig falsche Content-ID-Claims auftauchen. Diese lassen sich zwar mit einem einfachen Widerspruch beseitigen, aber trotzdem verursachen sie Stress und Ärger. Ein normaler Nutzer, der sich nicht mit dem Thema beschäftigt, wird im Gegenzug vermutlich keinen Widerspruch einreichen, da er davon ausgeht, dass beim Content-ID-System alles mit rechten Dingen zugeht.

System hat versagt

Das Content-ID-System hat versagt und User sind die Melkkühe verschiedener Abzocker geworden. Es wäre nun an Google und YouTube, die Rechte der Inhaber genauer zu prüfen, damit sowas zukünftig nicht mehr vorkommt. Aber nachdem das Partnersystem nun aus Gründen der Kosteneinsparung umgewälzt wird, ist es nicht realistisch, dass man diesen Mehraufwand betreibt.

Für YouTuber bleibt nur der Weg, sich Lizenzen und Duldungen bei den Rechteinhabern selbst zu besorgen. Bei einem Content-ID-Claim hat er dann die Möglichkeit einen begründeten Widerspruch einzulegen. Es hat sich zudem auch bewährt, den Rechteinhaber davon in Kenntnis zu setzen, dass jemand mit fremden Content die Rechte beantragt hat. So zeigte sich in meinem Fall Ubisoft sehr dankbar, dass ich sie darüber informierte, dass sich ein Netzwerk im großen Stil Spielmaterial aus Ubisoft-Spielen hat sichern lassen – unrechtmäßig.

Im Hintergrund wird die Abzocke aber weitergehen und Google wird nichts dagegen tun. Es bleibt also weiterhin in der Hand des Users, sich zu informieren und gegen unberechtigte Claims vorzugehen.

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