TV-Kritik „Die Höhle der Löwen“: „Ihre Idee ist Bullshit“, die Show ist es nicht

TV-Kritik „Die Höhle der Löwen“: „Ihre Idee ist Bullshit“, die Show ist es nicht

Wir befinden uns hier auf Vox. Das darf man während der 120 Minuten der Sendung nicht vergessen. Die eingespielte Musik wechselt beinahe im Drei-Sekunden-Takt von hochdramatisch auf fröhlich, passend zum erklärenden Urteil eines Juroren: „Feine Idee, weil … aber für eine Investition fehlt mir dann doch die Skalierung.“

Oder ähnlich. „Die Höhle der Löwen“ (kurz DHDL) auf Vox ist das „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) für Geschäftsideen. Kein Bohlen, keine völlig talentbefreiten Teilnehmer. Aber fünf Juroren, selber Investoren mit Millionensummen auf dem Bankkonto, die ebenso charmant wie brutal in ihrem Urteil sein können. Was besonders ein Dresdner Geschäftsmann zu spüren bekam.

200.000 Euro hätte er bereits in seine PKW-Diebstahlsicherung gesteckt, erklärt er. Gut verarbeitet sieht sie aus, die Erfindung, beide Vordertüren werden mit dieser abschließbaren Stange miteinander befestigt. Ein Aufbrechen der Vordertür sei damit nicht mehr möglich, ein Diebstahl des Wagen soll es auch nicht sein, versichert der Mann. „Aber“, meldet sich Jurorin Judith Williams sofort zu Wort. „Da kann doch jemand die Scheibe einschlagen und dann einfach damit davon fahren.“ Das täten Diebe nicht, versichert der Geschäftsmann, worauf Williams demonstrativ im hautengen roten Kleid durch das Fenster der Fahrertür steigt und sich unter der Stange hindurch auf den Sitz balanciert. Uff.

Die_Hoehle_der_LoewenVox

Die Geschäftsidee des Sachsen ist binnen Sekunden entzaubert. Nach dem Urteil des Juroren und Event-Unternehmers Jochen Schweizer ist der Mann den Tränen nahe: „Ihre Idee ist Blödsinn. Ich bin raus.“ Die anderen in der Jury begründen ihre Ablehnung später fair: „Aus Mitleid zu investieren, hilft ihm ja auch nicht weiter“. Immerhin: Der Mann will danach trotzdem nicht aufgeben. Er wurde hart zurückgewiesen, gedemütigt wurde er nicht.

Heimliche Protagonistin Judith Williams, Ruhepol Frank Thelen

Und das ist das schöne an der Show. Vieles hätte schief gehen können in einer Sendung, in der ganz reale Geschäftsleute ganz reale Ideen und Produkte präsentieren. Die erste Ausgabe jedoch lebte von der Zusammensetzung der Jury und ihrer heimlichen Protagonistin Judith Williams. Die „Homeshopping-Queen“, die sich mit dem Verkauf von Kosmetikprodukten im Fernsehen ein Millionenvermögen verdient hat, ist stets im Mittelpunkt. Interessiert sie ein Produkt, hält es sie nicht lange auf ihrem Sitz. So fordert sie den Erfinder einer Matratze für Allergiker auf, sein Produkt mit ihr vorzuführen, als stünden sie im Shopping-Sender vor laufender Kamera. Gefällt ihr ein Produkt nicht, nimmt sie kein Blatt vor den Mund, reagiert bestimmend, das eine oder andere Mal auch verletztend – und dann wieder mitfühlend.

Ein junger Unternehmer aus Bremen etwa will die perfekte scharfe Sauce erfunden haben. Mehr als hundert Supermärkte in Norddeutschland vertrieben sie bereits, sagt er. Seine Marge allerdings: nur 1 Euro pro Flasche. Jurorin und Unternehmerin Lencke Wischhusen, selber aus Bremen, spricht von Zusammenhalt unter den Hansestädtern, bietet dem Saucier 55.000 Euro bei 26 Prozent Geschäftsbeteiligung an. Für jede verkaufte Flasche will sie zusätzlich 1 Euro, bis sie ihre 55.000 Euro wieder zurück hat. „Tun Sie das nicht“, platzt es da aus Judith Williams heraus. „Sie geben Ihre ganze Marge ab und verdienen nichts mehr.“ „Hey, du bist doch schon längst raus“, wundert sich Wischhusen über das Eingreifen ihrer Kollegin. Der Unternehmer überlegt lange, entscheidet sich dann aber doch gegen das Angebot. Nicht wegen der 1 Euro pro Flasche, sondern weil ihm die 26 Prozent Fremdbeteiligung einfach zu viel seien.

Dass drei Juroren gleich mit 60 Prozent bei ihm einsteigen wollen, stellt auch den 32-jährigen Geschäftsführer eines Matratzen-Unternehmens auf eine harte Probe. Er entscheidet sich schließlich dafür, weil der wunderbar kauzige und bei allen vorangegangenen Investments abwinkende Reisemogul Vural Öger hier sogar mit einsteigen will. Öger trägt bei allen ihm präsentierten Investments den gleichen Gesichtsausdruck und ändert ihn auch dann nicht, als er von der Sauce des Bremer Sauciers kostet und ganz nüchtern bemerkt, dass es die schärfste sei, die er jemals probiert habe. Investieren wolle er darin aber lieber nicht.

Ein „Moin“ für 26 Prozent der Anteile

Hart, fair, so offen, dass es manchmal weh tut: so präsentiert sich Jochen Schweizer, Event-Unternehmer und Filmemacher. Internet-Investor Frank Thelen – beteiligt an Startups wie 6Wunderkinder und MyTaxi, mit seinem eigenen Dokumenten-Startup Doo allerdings gescheitert – zeigt sich fair, interessiert und stets ruhig. Lencke Wischhusen, schnodderige Bremerin, begrüßt alle Teilnehmer zunächst mit einem „moin“, um danach meistens abzuwinken oder einem Kandidaten mit Unschuldsmiene ein heuschreckenhaftes Angebot zu unterbreiten. Schön auch: Die Show hat in Amiaz Habtu einen fantastischen Moderator engagiert, setzt diesen aber überhaupt nur sporadisch hinter den Kulissen ein. Habtu tritt nicht nach, sondern baut die leicht geknickten Kandidaten eher wieder auf. Die Show an sich funktioniert im Prinzip sehr gut auch ohne Moderator. Habtu ist nur das i-Tüpfelchen.

Die_Hoehle_der_Lowen_Vox2

„Die Höhle der Löwen“ ist prima Marketing sowohl für die Juroren als auch die Teilnehmer. Ein kurz eingespieltes Porträt von Judith Williams wirkt wie ein Werbefilm für ihre Kosmetiksendungen. In der Werbepause läuft, wenig diskret, ein Spot von Jochen Schweizers Event-Basar. Doch darüber – es ist ja Wirtschaft – kann man hinweg sehen, weil die Unterhaltung stimmt. Und auch die Teilnehmer dürfen sich nach der Show über eine höhere Bekanntheit freuen. Wenn es mit den fünf Juroren nicht klappt – dann vielleicht hinter den Kulissen mit einem ganz anderen Investor.

Kurz gesagt: „Die Höhle der Löwen“ macht Spaß und kann den Zuschauern der Zielgruppe „Reich werde ich nur als Rockstar“ ein innovativeres Bild vermitteln. Berühmt und reich werden mit einem eigenen Unternehmen, das wäre doch mal etwas für Wirtschaft, Staat und Kanzlerin – für einen Privatsender wie Vox eigentlich eher untypisch und ein mutiges Gastspiel. Denn mit welchen Quoten das gelingt, ist derzeit noch überhaupt nicht abzuschätzen. Zwischen einem totalen Flop und einem sensationellen Erfolg ist eigentlich alles drin – das Publikum ist eben unberechenbar.

Vier Folgen hat Vox insgesamt geplant, die noch bis zum 9. September jeden Dienstag um 20.15 Uhr auf dem Sender laufen sollen. Die Show stammt ursprünglich aus den USA, heißt dort „Shark’s Tank“ und ist auch Großbritannien als „Dragon’s Den“ berühmt und bekannt. Und das alles nun auf einem Sender der RTL-Gruppe – wer hätte das gedacht?

close

Neue Beiträge abonnieren!

Täglich frisch um 17 Uhr im Postfach

Änderungen jederzeit über die Abo-Verwaltung möglich – weitere Themen verfügbar

Jetzt kommentieren!

Ein Kommentar zu “TV-Kritik „Die Höhle der Löwen“: „Ihre Idee ist Bullshit“, die Show ist es nicht

Schreibe einen Kommentar

*
*
Bitte nimm Kenntnis von unseren Datenschutzhinweisen.