Tut uns Leid, Freunde: Ein baldiger Netflix-Start in Deutschland ist unwahrscheinlich

Die Gerüchte sind dünn, werden aber zahlreicher: Der Vorzeige-Videostreaming-Dienst Netflix könnte bald nach Deutschland kommen. Die Schlussfolgerung kam bald auf, nachdem das Unternehmen öffentlich Mitarbeiter für Europa sucht, die idealerweise Französisch- und Deutschkenntnisse mitbringen. Und nun schreibt auch das Wall Street Journal, Netflix könnte bald in Frankreich und Deutschland starten. Die Geschichte weist erstaunliche Parallelen zum Deutschland-Start von Spotify vor zwei Jahren auf. Das allerdings trübt die Hoffnung, dass wir Netflix schon all zu bald werden nutzen können.

Es ist tatsächlich erst zwei Jahre her, als der Musikstreaming-Dienst Spotify in Deutschland an den Start ging. Das schwedisch-britische Startup war bereits 2006 mit der Mission angetreten, eine Art Abo für Musik zu veröffentlichen, bei dem die Menschen für einen pauschalen Monatsbetrag so viel hören können, wie sie wollen. Die neuesten wie klassische Titel natürlich, und legal, versteht sich.

Doch, wie das immer so ist mit neuen Diensten, die alles verändern wollen: Mehr noch als eine komplizierte Rechtslage zu entwirren, die in jedem Land anders ist, gilt es erst, in den Köpfen der Entscheider die Wende herbei zu führen. Ist das, was man da anpreist, wirklich die Rettung für die unter Raubkopien leidende Unterhaltungsindustrie? Nach und nach sahen die Studiobosse in verschiedenen Ländern im Falle von Spotify ein, dass es den Versuch wert ist. 2008 ging Spotify in einigen skandinavischen Ländern und U.K. offiziell an den Start, es folgten nach und nach weitere Länder wie die Niederlande. 2011 startete man dann mit viel Tamtam in den USA. Nur Deutschland guckte mal wieder in die Röhre, komplizierte Verhandlungen mit der Gema machten es der „Musikrevolution“ schwer, in Deutschland an den Start zu gehen.

Spotify_Screen

Musikstreaming heute kein Problem mehr

So scheint es, aber ganz stimmt das nicht. Denn bereits ein gutes Jahr vor dem Start von Spotify gab es in Deutschland bereits einen Dienst, der genau das anbot, was Spotify berühmt machte: Simfy. Die Kölner boten ihre Musikplattform mit damals 18 Millionen Titeln teils kostenpflichtig, teils sogar werbefinanziert bundesweit an und scharten so nach kurzer Zeit 2 Millionen Kunden um sich. Die Verhandlungen mit den Rechte-Verwertern: also möglich, schon ein Verlustgeschäft, aber definitiv möglich. Und noch bevor Spotify im März 2012 in Deutschland an den Start ging, kamen international operierende Dienste wie Rdio und Deezer den Schweden ebenso zuvor wie die Metro-Tochter Juke.fm oder weniger bekannte Dienste wie Rara.

Und doch war Spotify von Anfang an der beliebteste Dienst. Die Presse lobte den Service, der sich teils sehr innovativ zeigte. Und der Start von Spotify in Deutschland hatte vor allem Symbolwirkung: Nach Jahren der komplizierten Verhandlungen haben die Innovativen gegen die Bürokraten gesiegt. Mit nachhaltigem Erfolg: Heute ist Musikstreaming kein Problem mehr. Selbst Google und Microsoft und auch ProSiebenSat.1 mit der eigenen Tochter Ampya haben entsprechende Abos gestartet. Das Thema Musikstreaming ist durch. Kaum noch zu glauben, dass es da jemals ein Problem gab.

Also auf, um die nächste Bastion zu stürzen: Video. Und die derzeitige Lage ist ganz ähnlich wie vor dem Start von Spotify vor zwei Jahren. Gerüchte machen frühzeitig die Runde, werden von den Medien begierig aufgenommen.

Konkurrenz ist schon da

Netflix ist auch hier nicht der einzige Service, der ein Videoabo anbietet und er verfügt bei weitem nicht über alle Erfolgsserien, die die Kunden sehen wollten. Aber es ist der beliebteste Dienst und der innovativste zugleich, der die TV-Branche in Aufruhr versetzt. Video auf Abruf, für einen pauschalen Monatspreis, so viel und wann man möchte. All das bietet Netflix, und dazu gibt es zahlreiche Eigenproduktionen. Ein revolutionäres Modell: Da werden teure Serienformate tatsächlich zu allererst fürs Internet produziert – und das auch noch mit Erfolg: „House of Cards“ gewann mehrere Emmys und Golden Globes, „Orange is the New Black“ war für zahlreiche Preise nominiert. „Lilyhammer“ überzeugte die Kritiker. Ein Spin-off der weltweit gefeierten Erfolgsserie „Breaking Bad“, die Anwaltserie „Better Call Saul„, wird von Netflix produziert und nicht etwa vom TV-Sender AMC, der hinter „Breaking Bad“ steht.

Watchever

Auch die Rollenverteilung ist ähnlich wie bei dem Start von Spotify vor zwei Jahren. Mit Vivendis Watchever, Maxdome, Amazons Lovefilm und seit jüngstem auch Sky Snap gibt es bereits die ersten Videoplattformen in Deutschland, die das Netflix-Prinzip hierzulande verkaufen. Vor allem Watchever bemüht sich hier um Innovationen wie namhafte Inhalte, Originalton und künftig sogar Eigenproduktionen. Die komplizierte Verwertungskette allerdings bleibt ein Problem, die Watchever den großen Durchbruch vereitelt: die neuersten Serien oder Serienstaffeln direkt nach der Ausstrahlung im US-Fernsehen gibt es hier nicht zu sehen.

Spotify suchte damals auch nach einem Manager für den deutschen Markt, fand sogar jemanden, der die Verhandlungen mit den Plattenbossen führte. Doch ab da dauerte es noch viele Monate, bis der Dienst wirklich an den Start ging. Das jüngste Gerücht, bei dem sich das Wall Street Journal wie immer auf nicht näher genannte informierte Personen bezieht, besagt, dass Netflix mit US-Studios verhandelt, um seinen Content auch nach Deutschland und Frankreich zu bringen. Zeitgleich dürfte sich jemand in Europa mit den TV-Sendern und Produktionsfirmen an den Tisch setzen.

Eher früher als später

All das deutet darauf hin, dass Netflix durchaus bestrebt ist, seinen Dienst früher oder später in Deutschland und Frankreich zu starten – den viert- und sechstgrößten Breitbandmärkten der Welt. Natürlich will und muss der Dienst das: Man investiert Millionen in eigenen Content, der – ähnlich wie teure Blockbuster-Kinofilme – möglichst weltweit gestreut wird, um die Kosten wieder einzuspielen. Die Ausgaben für Serien- und Spielfilmrechte sind astronomisch. Für das börsennotierte Unternehmen müssen neue Märkte her, um die Anleger zufrieden zu stellen.

Netflix2013-2

Erst aber wartet noch viel, viel Klinkenputzen auf die Manager in den USA und Europa, die sich mit allen Beteiligten der komplexen Verwertungskette einigen müssen. Es gibt niemanden, der hier bereits Vorarbeit geleistet hat. Netflix betritt Neuland.

Und gemessen daran, wie lange es für Spotify in Deutschland von der Einstellung eines Regio-Managers bis zum tatsächlichen Start dauerte, müssen wir hier sanft auf die Euphoriebremse treten. Ja, dass Netflix hier starten wird – oder dass wir auf eine ähnliche Art und Weise die neuesten Spielfilme und Serienfolgen bald nach der Erstausstrahlung in Aboform hier bekommen werden – ist nur noch eine Frage der Zeit. Wenn dies allerdings bei dieser derart komplexen Verwertungskette bereits in wenigen Monaten oder Wochen der Fall wäre, würde uns das sehr überraschen. Eine optimistische Prognose wäre Ende 2014; ein Start irgendwann im Laufe des kommenden Jahres klingt wahrscheinlicher.

Aber natürlich lassen wir uns hier sehr gerne eines Besseren belehren.

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Nichts mehr verpassen!

Bleib immer auf dem neuesten Stand mit unserem Newsletter! Täglich um 17:00 Uhr frisch in deinem Postfach.

Newsletter abonnierenRSS-Feed abonnieren
4 Kommentare zu “Tut uns Leid, Freunde: Ein baldiger Netflix-Start in Deutschland ist unwahrscheinlich
  1. Auch wenn es eigentlich um NETFLIX geht…

    „Das Thema Musikstreaming ist durch. Kaum noch zu glauben, dass es da jemals ein Problem gab.“

    Für den Nutzer sicher ne geile Sache. Für den Künstler sieht das leider ganz anders aus. Die verdienen nämlich fast nichts mit Streaming-Portalen. Ich hoffe, dass die CD niemals ausstirbt. Ich benutze Spotify oft dazu, um in neue Alben reinzuhören und sie dann, bei Gefallen, auch zu kaufen. Ein schönes Cover-Art-Work in den Händen zu halten, kann eben kein noch so innovatives Streamingportal toppen 🙂

    • Mir geht’s ähnlich. Kaufe auch noch hin und wieder CD’s, die ich auch bei Spotify schon gehört habe. Zum einen wegen dem Cover-Art-Work, zum anderen um die Künstler zu unterstützen.

    • „Ich hoffe, dass die CD niemals ausstirbt.“

      Was die Monetarisierung für die Künstler angeht, gebe ich euch Recht. Da ist Spotify nicht die endgültige Antwort. Aber technisch? Gibt es doch heute keine komfortablere Lösung als Musikstreaming. Was sich noch ändern müsste, wäre also die Entgeltung der Künstler. Oder platt gesagt: Die Labels, die 90% der Tantiemen kassieren, müssten raus…

  2. Dann müssen Singles und Alben einfach günstiger werden. Sorry, aber ich bezahle nicht für einen Track den ich hören will in 4 verschiedenen Studio, Unplugged und sonst was Versionen 7 bis 10 Euro. Bei Alben ist es wieder etwas anderes. Aber auch dann habe ich das Problem die Daten nicht überall zu haben wo ich sie brauche.

    Soll lieber die Musikindustrie mal ein bisschen mehr an die Musiker abgeben (pro verkaufter CD o.Ä.) und nicht der „böse“ Zuhörer 😉 Zudem ist ja schon oft genug darüber berichtet worden, dass viele Tracks und Alben ohne das Musikstreaming garnicht so bekannt wären … das richtet sich aber eher an die unbekannteren Künstler.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*