Tidal will das fairere Spotify sein. Fallt nicht darauf rein!

Heute Nacht ist in Deutschland eine neue Musikflatrate an den Start gegangen. Tidal geht aus dem skandinavischen Musikstartup Aspiro hervor, dem auch der Dienst Wimp gehört, und wurde jüngst für 56 Millionen US-Dollar von Rapper und Musikstar Jay-Z gekauft. Ein paar Dinge macht Tidal anders als bereits verfügbare Musikstreaming-Dienste wie Spotify, Napster, Deezer oder Beats. Besonders daran aber ist vor allem die Teilhaberschaft, die man gestern stolz in New York vorgestellt hat: Neben Jay-Z gehört Tidal noch einem guten Dutzend weiteren Künstlern wie Alicia Keys, Madonna, Jack White oder Beyoncé. Tidal sei der erste Musikstreaming-Dienst, der von Musikern gemacht ist und Musikliebhaber und Künstler gleichermaßen glücklich machen soll; ein faireres Spotify sozusagen. Das Problem ist nur: das ist Augenwischerei.

An der Gesamtsituation ändert Tidal nichts

Ja, viele Nutzer lieben Spotify und ähnliche Dienste und haben am Rande mitbekommen, dass einige Künstler dort mit ihren Tantiemen nicht wirklich zufrieden sind. Wie auch? Musiker erhalten im Schnitt weniger als einen Cent, wenn ein Nutzer einen ihrer Songs auf Spotify streamt. Für die Popkünstlerin Taylor Swift war das im vergangenen Jahr Grund genug, ihr neues Album „1989“ nicht auf Spotify zu veröffentlichen. Auch andere Künstler wie die „Black Keys“ und Radiohead-Frontmann Thom Yorke wollen ihre jeweils neuesten Songs nicht auf Spotify sehen. Der wohl am weitesten verbreitete Dienst ist bestimmt nicht der spendabelste unter den verfügbaren Angeboten, zumal er neben dem Standard-Paket für knapp 10 Euro im Monat auch eine kostenlose, werbefinanzierte aber ansonsten unbeschränkte Variante anbietet, mit der er kaum kostendeckend wird arbeiten können.

Das Problem ist: Spotify hat nur einen geringen Spielraum, was man an die Künstler oder vielmehr ihre Labels ausbezahlen kann. Den Löwenanteil von 80 Prozent oder noch mehr heimsen meist die Plattenfirmen wie Universal oder Warner ein. Spotify könnte insgesamt etwas mehr an die Labels ausbezahlen, aber viel mehr käme deswegen bei den Künstlern nicht an. Wie Mike Fabio die traurige Wahrheit auf Medium treffend formuliert: Die Musik, die die Künstler aufnehmen, gehört nicht ihnen, sondern den Plattenfirmen.

Und, ach so, das ist übrigens auf Tidal nicht anders! Der Dienst hat 25 Millionen Songs und 75.000 Musikvideos im Angebot, darunter die wichtigsten Plattenfirmen und zahlreiche Independent Labels, wie man in den häufigen Fragen stolz verkündet. Das Gesamtangebot an Songs unterscheidet sich nicht groß von dem von Spotify, Deezer und Co. Auch bei Tidal werden die Labels den Löwenanteil der Tantiemen einbehalten.

Für ein paar Cent-Bruchteile mehr

Was ist denn dann überhaupt anders an Tidal und warum sind die Künstler so heiß darauf? Zum einen ist das genannte gute Dutzend Künstler an den Einnahmen beteiligt. Heißt: Madonna, Beyoncé, Jay-Z und Co. bekommen bei gutem Geschäftsverlauf noch etwas extra. Dann verzichtet Tidal auf eine werbefinanzierte Kostenlos-Version. Los geht’s hier ab 10 Euro/Dollar im Monat. Tidal wirbt aber vor allem für die noch teurere Premium-Version für knapp 20 Euro/Dollar im Monat. Die bietet eine bessere Soundqualität dank des unterstützten FLAC-Formats und sonst eigentlich nichts extra. Soll aber heißen: Wenn das Geschäft so funktioniert wie geplant, dann wird Tidal tatsächlich ein wenig mehr pro Song auszahlen können. Das dürfte sich aber nicht nennenswert von Spotify unterscheiden. Statt der kolportierten 0,7 Cent pro Abruf (Spotify) sind es bei Tidal vielleicht 1,0 oder sogar 1,5 Cent. Daran, dass die Plattenfirmen immer noch dazwischen geschaltet sind und den Löwenanteil kassieren, ändert das aber nichts.

Tidal_App

Die Tidal-Apps für iOS und Android scheinen ganz chic geworden zu sein, toll ist auch die Musikerkennungs-Software nach dem Vorbild von Shazam, die bei Tidal – anders als bei anderen Diensten – direkt integriert ist. Bessere Soundqualität nimmt man auch gerne mit, zusätzlich gibt es bei Tidal redaktionell betreute Playlists, Musikvideos in HD und ein Musikmagazin. Und wer mag, der darf den Künstlern auch gerne 0,3 Cent pro Stream mehr zukommen lassen. Ansonsten aber bleibt alles beim Alten. Wenn die Tidal-Gründer so tun, als gehe dort alles fair und gerecht zu und man würde die Welt damit verändern, dann machen sie anderen oder vielleicht auch sich selbst etwas vor. Tidal macht nichts signifikant anders als vergleichbare Dienste.

Ergo: Nutzt den Dienst, der euch am liebsten ist, aber fallt nicht auf diesen vermeintlichen Fairness-Blödsinn rein!

Bilder: Tidal

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