Reality-TV im Sinkflug: Die Ratlosigkeit der deutschen Fernsehsender

Reality-TV oder „Trash-TV“ (Müll-Fernsehen), wie auch es umgangssprachlich genannt wird, leidet derzeit unter einem starken Zuschauerverlust. RTL-Programmchef Frank Hoffmann zeigt sich alarmiert und besorgt, wie sich dieser Trend entwickeln wird. Der RTL-Vorstand plant einige Maßnahmen, die dem Abschied der Zuschauer entgegenwirken sollen. Eine Qualitätsoffensive ohne echte Qualität soll die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen zurückholen. Doch warum zündet Trash heute nicht mehr, nachdem man Jahrzehnte lang gute Einschaltquoten damit verzeichnen konnte und wie könnten die Sender der Misere entgegen wirken?

Vom Zuschauerschwund betroffen sind vor allem die sogenannten „Scripted Reality“-Formate. Hierbei versuchen RTL und andere Sender mit Laiendarstellern Aspekte aus dem Alltagsleben authentisch nachzubilden. Scripted-Reality-Formate stehen aber schon lange in der Kritik irreführend, niveaulos und menschenverachtend zu sein. Ein Flop, den viele Experten vorausgesagt hatten.

Scripted Reality ist ausgebrannt und ideenlos

Neben den Sendungen am frühen Nachmittag stehen aber auch Formate, die zur besten Sendezeit laufen, im Zentrum der Kritik. Sie verlieren ebenso stark an Zuschauern. Im Vergleich zur Premiere in der Vorwoche, büßte die Sendung „Wild Girls“ zum Beispiel in der zweiten Folge 700.000 Zuschauer ein. Bei „Wild Girls“ schickt RTL einige weibliche C-Prominente in die Wüste und lässt sie dort leicht bekleidet absurde Aufgaben erledigen. Das hatte man zu oft gesehen: die Zuschauer kamen nicht wieder.

Die Kuppelshow „Mama Mia“ konnte die Zuschauerzahl der Vorwoche zwar halten. Die Quote war mit 980.000 Zuschauern aber ohnehin schon so schlecht, dass dies kaum als Erfolg gewertet werden könnte.

„Die strengsten Eltern der Welt“ schaffte es gerade einmal, 900.000 Zuschauer zu halten. In diesem Format werden Jugendliche, die sich auf dem Weg in eine kriminelle Karriere befinden, zu einer Familie in ein fremdes Land geschickt. Tenor dieser Sendung ist die Aussage: „Schaut mal, wie gut ihr es Zuhause habt.“

Der Grund für die schlechten Quoten: Die Reality-Idee ist ausgebrannt. Die gleichen Gesichter, die gleichen Geschichten und die gleichen Konzepte. Skandale, Zickereien und gescheiterte Karrieren mochten für einen bestimmten Zeitraum als Zuschauerfang funktionieren, aber spätestens, wenn man sich zu einer schlechten Kopie seiner selbst entwickelt, wird es Zeit für etwas Neues.

Von Klassischer Musik zu Familien im Brennpunkt

Im „Sich-neu-definieren“ hat RTL bereits Erfahrung. Zurückgehende Zuschauerzahlen gab es auch in der Vergangenheit häufiger. Diese führten dazu, dass man bei RTL das Sendekonzept bereits mehrfach umstellte. In den 90ern sendete man mittags statt Scripted Reality noch Aufzeichnungen klassischer Konzerte, Wirtschaftsmagazine und amerikanische Daily Soaps. Später nahmen deutsche Daily Talkshows den Mittag und frühen Nachmittag in Beschlag. Waren die Themen zu Beginn der Talkshow-Ära mit einem journalistisch-informativen Hintergrund gewählt, versuchte man sich später mit Skandalthemen zu überbieten. Das war bereits der Anfang vom Ende. Wenn die Grenze des Vertretbaren erreicht ist, endet auch das Interesse des Schaulustigen.

„Britt“ wurde als die letzte Vertreterin des Daily Talks im deutschen Fernsehen in diesem Jahr abgesetzt. Wie in allen bekannten Fällen auch hier aufgrund stetig fallender Zuschauerzahlen. Nach 12 Jahren war das Konzept der Sendung aufgebraucht. Angelehnt an die Skandal-Talkshow Jerry Springer, durften sich die Gäste bei Britt nach Herzenslust beschimpfen. Nach über einem Jahrzehnt wollten die Zuschauer das aber nicht mehr sehen. Es musste etwas Neues her, um die Talkshows abzulösen, und das sollte ausgerechnet Scripted Reality sein. Ein Plan, der so nicht gelingen konnte.

Gekaufte Darsteller und vorgegebene Geschichten

Während in den Daily Talks zum Teil bereits gekaufte Gäste zum Einsatz kamen, wurden in den zahlreichen Gerichtssendungen ganz gezielt Laienschauspieler engagiert. Auch dieses Format – einst erfolgreich – kämpft mit sinkendem Interesse. Nach 10 Jahren wurde beispielsweise Sat.1-Aushängeschild Alexander Hold abgesetzt. Seine Kollegin Barbara Salesch trat freiwillig in den Ruhestand; ihre Position wurde nicht neu besetzt.

Nicht ganz unschuldig waren die Formate, die RTL parallel zu den Gerichtssendungen anbot und die jetzt der Grund für Sorgenfalten beim RTL-Programmleiter sind: „Familien im Brennpunkt“, „Schulermittler“ und „Verdachtsfälle“. Scripted Reality zog nicht, weil die Zuschauer das Konzept durchschauten. Das Ende der Abwärtsspirale war erreicht.

Bewährte Formate und bekannte Gesichter sollen es richten

Anke Schäferkordt, CEO der RTL Group, hat bereits einen Einblick in die Pläne gegeben, mit denen man das Image des Senders RTL verbessern möchte. Mit 100 Millionen Euro waren die Rechte an den Qualifikationsspielen der Fußball-Europameisterschaft 2016 und Weltmeisterschaft 2018 die teuerste Investition. So teuer, dass sich diese Ausgabe durch die Ausstrahlung und Werbeeinnahmen vermutlich nicht einmal refinanzieren lässt. Das ist laut Schäferkordt allerdings auch nicht wichtig, denn es gehe hierbei hauptsächlich darum, das Image des Senders zu stärken.

Mit Jauch und Gottschalk arbeitet man bereits an einer gemeinsamen Sendung, in der die beiden Moderatoren in Quiz- und Actionspielen gegen das Publikum antreten sollen. Beide Moderatoren feierten einzeln Erfolge in der Fernsehlandschaft, zusammen müssen sie sich erst einmal neu beweisen, doch die beiden beliebten Entertainer könnten tatsächlich für eine starke Quote sorgen. Innovativ ist aber auch das nicht. Die Show bedient sich beim Konzept von ProSiebens Erfolgsshow „Schlag den Raab“.

Das Internet: zu lange unterschätzt und dann vom Kartellamt ausgebremst

Mit dem Internet haben die Fernsehsender einen mächtigen Konkurrenten in Sachen „Unterhaltung“ bekommen, den sie zu lange unterschätzt haben. Das Internet bietet zu jeder Zeit jede Art von Unterhaltung, die ein Zuschauer (oder in diesem Fall Nutzer) wünscht. Ein Fernsehsender muss hingegen abwägen, mit welcher Art von Programm er die meisten Zuschauer erreicht, denn die Alternative zum eigenen Programm ist das Programm der Konkurrenz.

Die deutschen Privatsender sind seit längerem auch im Netz vertreten. Teilweise bieten sie auch Mediatheken an, jedoch haben diese einen entscheidenden Nachteil. Bricht man es auf die sinkenden Quoten herunter, zeigen RTL Now und andere nur die Sendungen, die die Zuschauer schon nicht im Fernsehen sehen wollten.

2012 versuchten sich RTL und ProSiebenSat.1 gemeinsam an einem Online-Portal. Ähnlich wie die amerikanische Mediathek „Hulu“ wollte man in Deutschland ein senderübergreifendes Portal schaffen, auf dem sich Zuschauer sieben Tage lang Sendungen beider Mediengruppen ansehen konnten. Dieses Projekt wurde vom Bundeskartellamt gerichtlich gestoppt, weil die dominanten Gruppen so ihre Dominanz weiter hätten verstärken können. So müssen die Sender weiterhin auf ihre kleinen, einzelnen Mediatheken setzen, wo sie nur wenige ihrer besten Serien-Einkäufe aus den USA zeigen können.

Qualitätsoffensive unumgänglich

Unverständnis erweckt das Sommerprogramm von ProSieben. Dort sieht man in „Reality Queens auf Safari“ einen potentiellen Sommerhit. Das Konzept ist das gleiche wie bei „Wild Girls“ auf RTL. ProSieben hatte die Lizenz zu „Reality Queens“ – einem Fernsehformat aus den Niederlanden – aufgekauft. Da RTL nicht den Zuschlag erhielt, entwickelte man in Köln kurzerhand eine eigene Sendung nach dem niederländischen Vorbild und versendete diese noch vor dem Original. Dazu soll die „Bachelor“-Kopie „Catch The Millionaire“ ebenfalls für hohe Quoten sorgen. Hier liegen die Lizenzrechte bei RTL – und ProSieben kopierte.

Die doppelte Menge an unbeliebten Programmen macht das Fernsehprogramm nicht besser. Der Aufkauf von Länderspiel-Rechten klingt ein wenig nach Verzweiflung: Man weiß nicht weiter und kauft deswegen für viel Geld etwas eigentlich Fachfremdes ein, nur weil es immer hohe Quoten verspricht. Die Kopie von Shows wie „Schlag den Raab“ ist ebenfalls nicht gerade innovativ. Mittelfristig könnte man sich mit Qualitätsserien aus den USA behelfen, aber die sind teuer und garantieren kein Massenpublikum. Langfristig hilft nur eine Qualitätsoffensive: Eigene, hochqualitative Inhalte auf jeder beliebigen Plattform verfügbar – das ist das, was die Menschen heute wollen. Aber hier würde es zu kurz greifen, nur auf RTL zu zeigen. Das betrifft die ganze deutsche Fernsehlandschaft – die Öffentlich-Rechtlichen genauso wie RTL, ProSiebenSat.1 und die täglichen Quotenmesser. Qualität erfordert Mut, Geld und Geduld und die hat derzeit kaum jemand im deutschen Fernsehen.

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Ein Kommentar zu “Reality-TV im Sinkflug: Die Ratlosigkeit der deutschen Fernsehsender
  1. Ich persönlich finde in das man Sendung produzieren sollte wo man Tabletts oder Handy als 2 Bildschirm nutzen könnte. Nicht nur aber stetig ausbauend! Genau so sollten die Senderanstalten endlich eigene Ideen entwickeln, Nix mehr aus anderen Länder großartig importieren.
    Vielleicht Dokumentationen.

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