ProSieben Maxx: Hochattraktive Formate, aber am Ende doch mutlos [Kommentar]

ProSieben Maxx: Hochattraktive Formate, aber am Ende doch mutlos [Kommentar]

Am 3. September startet ein neuer TV-Sender im Free-TV: ProSieben Maxx. Es ist ein weiterer Spartensender nach ProSieben Fun und Sixx und soll nicht der letzte gewesen sein. Wer ProSieben Maxx empfangen kann – und das sind leider nicht alle im Kabelfernsehen und nur wenige überhaupt per DVB-T – der kann sich schon jetzt auf einige Highlights freuen. Schmuckstück dürfte die Erfolgsserie „Homeland“ sein, die der Sender im Originalton ausstrahlt.

Wann hat sich ein deutscher Free-TV-Sender schon einmal getraut, eine Serie auf Englisch auszustrahlen – zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr? Und das scheint noch nicht alles zu sein: Der Independent-Erfolg „House of Cards“ soll in Kürze ebenfalls auf ProSieben Maxx laufen und könnte hier gar seine deutsche Free-TV-Premiere feiern. Produziert wurde die Serie fürs Web – für den Streaming-Anbieter Netflix. Der Sender wird mit weiteren interessanten Experimenten aufwarten. ProSieben ist damit so mutig, wie man sein kann, und doch droht das Ganze ein kommerzieller Flop zu werden.

Wer, wenn nicht ProSiebenSat.1, würde sich trauen, eine Serie wie „Last Resort“ auf Englisch im Hauptprogramm auszustrahlen, die in den USA bereits nach einer Staffel wieder abgesetzt wurde? Und doch wird es auch bei den Münchnern hier nur wieder ein Spartenprogramm sein, bei dem derartige Experimente laufen. Im Hauptprogramm setzt man dann doch auf wahrscheinlichere Quotenbringer wie die „Simpsons“ und „How I Met Your Mother“ – obwohl das eigentlich schon nah dran ist am Wunschprogramm für junge Zuschauer.

Serien gehören ins Netz

Was man sich also nicht an vorderster Front traut, mit dem darf nun ProSieben Maxx experimentieren. Auch weitere, weniger bekannte Kultserien wie „It’s Always Sunny in Philadelphia“ mit Danny DeVito sollen dort laufen. Serien jeweils in Doppelfolgen, teils sogar im Dreierpack (die 1. „Homeland“-Staffel als Wiederholung), selbst wenn eine Folge eine Stunde dauert. Und das ist gleichzeitig das Problem: Mainstream ist das nicht, nicht einmal in der relevanten Zielgruppe. Es wird die Fans der Serie freuen, aber keine Zuschauer anlocken, die den Anfang verpasst haben. Mit linear erzählten Formaten lassen sich im Fernsehen nur ganz selten Top-Quoten machen. Solche Serien – das muss man klipp und klar sagen – gehören ins Web.

Der Videoflatrate-Anbieter Watchever landete hier kürzlich einen Achtungserfolg mit der frühen Ausstrahlung der letzten Staffelhälfte von „Breaking Bad“ im Original. ProSiebenSat.1 selbst strahlt viele Serien wie „Sons of Anarchy“ oder „Misfits“ selbst im Web aus, werbefinanziert auf seiner Plattform MyVideo. Deutsche Eigenproduktionen laufen auf der Website selbst oder bei MySpass.de, Premium-Videos gibt es auf einer dritten eigenen Plattform, Maxdome. Auch RTL hat die Bedeutung von Mediatheken erkannt und zeigt Sendungen auf RTL now; ARD, ZDF und Arte beliefern ihre Mediatheken.

ZDF neo verließ der Mut

Warum also noch ein neuer Sender? Warum nicht gleich ins Web und auf Smart TVs mit den Inhalten? Denn mit ProSieben Maxx kann die Gruppe zwar wenig verlieren, aber bis auf ein allgemeines Schulterklopfen auch kaum etwas gewinnen. Fans von „Homeland“ werden ohnehin kein ganzes Jahr auf die Austrahlung ihrer Serie im Free-TV gewartet haben. Sie wissen bereits, wo sie sie im Netz finden können, haben sie legal auf iTunes gekauft – auch wenn sie dort mit 32 Euro für 12 Folgen nicht gerade billig ist – oder haben sich ein Pay-TV-Angebot gegönnt. Neue Zuschauer kann ProSieben Maxx nur anlocken, wenn diese den Kanal auch zufällig empfangen und dann auch Fans der Serie sind. Ein ähnliches Experiment ist bei ZDF neo nicht belohnt worden. Dort strahlten die Verantwortlichen US-Erfolgsserien wie „30 Rock“ und „Mad Men“ synchronisiert im Hauptprogramm aus. Die Quoten entsprachen nicht den Erwartungen und den Sender verließ schnell wieder der Mut. Heute zeigt er zur besten Sendezeit wieder deutsche Formate wie „Bella Block“, „Nicht nachmachen“ oder aktuell den etwas betagten US-Spielfilm „Crimson Tide“. Es steht zu befürchten, dass es ProSieben Maxx langfristig nicht anders ergehen wird.

Neue Formate in die Mediathek – daran wird langfristig kein Weg mehr vorbei führen. Auf immer mehr Konsolen oder Smart TVs lässt sich das aktuelle Programm dann auch aus dem Web ins Wohnzimmer streamen. Der Zuschauer bemerkt bestenfalls keinen Unterschied in der Bild- und Tonqualität, mit dem einzigen Unterschied dass er das eine Video selbst gestartet hat, während er für das andere zu einer festen Tageszeit einschalten muss. ProSiebenSat.1 würde über seine Mediatheken auch hieran verdienen, wenn man faire Preise anbietet, das Programm werbefinanziert oder Monatsabos anbietet. Im Hauptprogramm weist man dann, wie ohnehin schon, auf das Extra-Angebot hin. Dazu befarf es eigentlich keiner Experimente wie ProSieben Maxx. Dass man es trotzdem wagt, ist aller Ehren wert. Von Erfolg gekrönt – das ahnt man bereits – wird das Projekt aber nicht sein.

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Ein Kommentar zu “ProSieben Maxx: Hochattraktive Formate, aber am Ende doch mutlos [Kommentar]

  1. Hab‘ selber ProSieben MAXX. Anschauen tu ich es nicht wirklich; eigentlich gar nicht, höchstens für einige Filme. Das Programm entspricht nicht wirklich meinem Geschmack.

    Dass es ein Flop wird, mag ich eigentlich nur zu hoffen – wann hören die Leute endlich damit auf, tausende Unter-Sender zu machen? Pro7 Fun, k1-Classic, Sat1-Gold… Nervig.

    Guter Beitrag.

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