Netflix zeigt die Zukunft des Fernsehens: Eigene Shows und alle Macht den neuen Inhalten

Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Unternehmen, das damit groß wurde, DVDs im Abo per Post zu verschicken, sattelt auf digitalen Content um, investiert trotz beachtlicher Widerstände größte Teile des eigenen Umsatzes in die Rechte für neue Serien und Filme und produziert einige davon gleich einmal selbst – unter anderem mit dem Oscar-Preisträger Kevin Spacey und dem Erfolgsregisseur David Fincher. Das wäre in etwa so, als würde die Deutsche Post den „Spiegel“ nicht nur ausliefern, sondern samt der Inhalte selbst produzieren. Nicht möglich? Doch.

Das Unternehmen, von dem die Rede ist, ist Netflix, der mittlerweile größte Anbieter für Video-Streaming in den USA. Für einen pauschalen Monatsbeitrag von gerade einmal 8 US-Dollar gibt es unbegrenzten Zugang zu zahlreichen Spielfilmen und Serien, viele davon findet man direkt nach der Erstausstrahlung im TV-Programm auch auf Netflix wieder. Und weil der Plattform-Anbieter auch in Zukunft noch wichtige eine Rolle spielen will, setzt er auf Eigenproduktionen. Drei davon erhielten kürzlich Nominierungen für den wichtigsten Fernsehpreis, den „TV-Oscar“ Emmy.

14 Emmy-Nominierungen für Eigenproduktionen

„House of Cards“ vom genannten Duo Spacey/Fincher ist gar einer der Favoriten der Jury mit neun Nominierungen, darunter für die beste Regie, den besten Hauptdarsteller (Spacey) und die beste Drama-Serie. „Hemlock Grove“, ebenfalls eine Netflix-Eigenproduktion, erhielt zwei Nominierungen, eine davon für die besten visuellen Effekte. Billig sind die Produktionen also nicht. Drei weitere Nominierungen erhielt „Arrested Development“ – eine Serie, die es ohne Netflix gar nicht mehr gäbe. Zwar kultig und von vielen Fans als Geheimtipp gefeiert, brachte die Sitcom Stars wie Jason Bateman und Michael Cera hervor, wurde aber wegen zu geringer Quoten nach drei Spielzeiten im Jahr 2006 abgesetzt. Netflix ließ sie wieder auferstehen und finanzierte die Produktion der vierten Staffel. Eine fünfte stellte man in Aussicht – sollten die Zuschauer das wünschen.

Mehr als 100 Millionen Dollar im Jahr gibt Netflix nach eigenen Angaben für die Produktion eigener Serien aus. Neben den drei genannten sind das noch die Formate „Orange is the New Black“, „Season 4“ und „Lilyhammer“. Alles sind, wohlgemerkt, Serien, die exklusiv auf Netflix laufen. TV-Sender müssten diese für eine Zweitverwertung einkaufen. Das zwang die Konkurrenz in den USA bereits dazu, es Netflix gleich zu tun. Hulu produzierte die eigene Show „Battleground“, Amazon für sein Video-on-Demand-Angebot Prime Instant Video die Serie „Alpha House“.

Die Erfolgsserien anderer Sender wie „Game of Thrones“ (HBO), „The Walking Dead“ oder „Breaking Bad“ (beide AMC) laufen auf Netflix natürlich auch. Fans müssen also kein Extra-Abo abschließen. Das Video-on-Demand-Angebot gibt es auf PCs und als App für Smart TVs, Tablets, Smartphones und auf den Spielekonsolen Xbox 360 und Playstation 3.

Deutschland wartet

In Deutschland gibt es zwar vergleichbare Online-Videotheken, ihnen fehlen aber die Angebote. Die Anbieter stehen bei nahezu allen Titeln am Ende der Verwertungskette, sie dürfen TV-Serien also erst ausstrahlen, nachdem sie bereits im Free-TV zu sehen waren, was oft Jahre nach der Erstausstrahlung der Fall ist. Frühzeitig gibt es Serien allerdings auf einigen Pay-TV-Sendern wie Sky Atlantic zu sehen, hier oft auch im englischsprachigen Original. Der recht junge Anbieter Watchever setzt im großen Stile ebenfalls auf Serien im Originalton, muss allerdings, wie seine Konkurrenten Maxdome und Lovefilm, genauso auf das Ende der klassischen Verwertungskette warten. Es gilt, diese zu durchbrechen, damit die Fans in den Genuss der jeweils neuesten Serien kommen – und nicht den Weg über bestenfalls semi-legale Streaming-Angebote oder Tauschplattformen gehen.

Inhaltlich zeigt Netflix derweil zwar auf, wohin die Reise gehen kann und sollte. Vor wirtschaftlichen Zwängen ist das Unternehmen aus dem kalifornischen Los Gatos, am südlichsten Zipfel des Silicon Valley gelegen, allerdings auch nicht gefeit. Laut dem jüngsten Finanzergebnis kann man im abgelaufenen Quartal zwar auf einen 20 Prozent höheren Umsatz von 1,07 Milliarden US-Dollar verweisen, auf 29 Millionen Dollar Gewinn statt 6 Millionen im Vorjahresquartal. Und fast 30 Millionen Kunden weist man mittlerweile in den USA aus – fast jeder zehnte US-Bürger ist damit Kunde. 8 Millionen sind es in internationalen Märkten wie U.K., Kanada und den Niederlanden, in die man nach und nach expandiert; Deutschland wartet noch darauf. Netflix will auch weiterhin Inhalte selbst produzieren, darunter neue Formate wie Standup-Comedy. Die Aktie gab nach Bekanntgabe der Ergebnisse aber trotzdem um vier Prozent nach – die Börse hatte schlicht noch mehr erwartet. Das wiederum kann man auch als positives Zeichen werten: Online-Inhalte sind im Kommen und ihnen wird mittlerweile ein wirtschaftlicher Erfolg zugetraut.

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Nichts mehr verpassen!

Bleib immer auf dem neuesten Stand mit unserem Newsletter! Täglich um 17:00 Uhr frisch in deinem Postfach.

Newsletter abonnierenRSS-Feed abonnieren
Ein Kommentar zu “Netflix zeigt die Zukunft des Fernsehens: Eigene Shows und alle Macht den neuen Inhalten
  1. Dass viele deutsche nicht die Originalsynchro schauen wollen weil sie sie nicht verstehen ist sicherlich richtig. AMC zeigt mit The Walking Dead aber doch schon seit längerem, dass dies kein wirkliches Problem ist.
    Aktuelle Folgen sind nicht einmal eine Woche nach erstaustrahlung in den USA schon fertig auf Deutsch synchronisiert und wären somit zumindest nahezu zeitgleich verfügbar.

    So lange es keine gescheiten Angebote wie netflix in Deutschland gibt brauchen sich „die Rechteinhaber“ auch nicht wundern wenn viele lieber ihr Geld für share-online & co ausgeben und dort (etwas umständlich aber immerhin) das bekommen was sie wollen.

Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*