Netflix, WTF? Setz den Preis hoch und ich bin raus

Der Standard- und der Premiumtarif werden ein, zwei Euro teurer im Monat. Der Basistarif bleibt gleich, aber auch wenig attraktiv.

Netflix, WTF? Setz den Preis hoch und ich bin raus

Netflix erhöht die Preise. Ich soll einen Euro mehr im Monat zahlen, zwölf Euro mehr im Jahr. Nach einem Jahr mit wenig tollen Serien und neuen Anbietern, bei denen ich auch immer etwas finden würde.

Ich werde wohl demnächst mein Netflix-Konto kündigen, obwohl ich seit Jahren durchgängig Kunde war. Aus guten Gründen. Doch es hat sich einiges geändert. Ich werde auch in Zukunft immer mal wieder Netflix buchen. Unterm den Strich werde ich aber weniger zahlen.

Was ändert sich für Netflix-Kunden?

Der Basistarif mit dem günstigsten Preis bleibt gleich teuer. Es scheint so, dass nur die mehr zahlen sollen, die es ich leisten können – die eh schon mehr zahlen.

Den alleinstehenden Bänker mit drei 4K-Fernsehern in seiner Loft-Wohung werden die zwei Euro mehr im Monat nicht wehtun. Eine Familie, die den Standard- oder Premiumtarif gewählt hat, damit mehrere gleichzeitig Netflix schauen können, durchaus.

BasisStandardPremium
7,99 Euro (alt)11,99 Euro15,99 Euro
7,99 Euro (neu)12,99 Euro17,99 Euro
SD-QualitätHDUltra-HD (4K)
1 Gerät2 Geräte4
HDR
Dolby Atmos

Und ganz ehrlich? Wer den Basistarif gebucht hat und sich mit SD-Qualität zufrieden gibt, der hat offenbar kein Geld und ist zu ehrlich, um sich die Serien und Filme aus dunklen Kanälen zu besorgen. Ein treuer Kunde und Umsatzbringer wird er für Netflix aber nicht sein.

Netflix greift denjenigen Kunden stärker in die Tasche, die das Unternehmen am stärksten binden sollte.

Warum ich Netflix so geliebt habe

So sieht das Setting bei mir aus: Netflix nutze ich dauerhaft. Amazon Prime Video und Sky Ticket buche ich fallweise hinzu, wenn auf meiner Liste 3–4 Serien stehen, die ich in einem Schwung durchschauen möchte. Danach wird wieder gekündigt.

Warum ich diese On-off-Beziehung nicht auch mit Netflix pflege? Ich könnte jetzt ausführen, wie toll Netflix ist. Doch in Wahrheit liegt der Grund in der Schwäche der anderen Streamingdienste.

Denn das habe ich dort alles schon erlebt:

  • ständige Abstürze
  • kein Wiedereinsetzen, wo ich aufgehört habe
  • extreme Verzögerungen bei Buchung und Login
  • Staffeln in falscher Reihenfolge abgespielt
  • drei von vier verpasste Tore in einem Spiel
  • Suchfunktion, die 5 Making-ofs vor dem gesuchten Beitrag zeigt
  • anachronistische Konstrukte mit externen Playern
  • Linux ausgesperrt

Netflix hat diese Probleme nicht. Keines davon.

Warum gerade jetzt?

Die Preiserhöhung ist lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was also ist das Fass?

Ja, das Angebot von Netflix im Coronajahr 2020 war ziemlich mau. Einiges konnte wohl nicht zu Ende produziert werden. Anderes wurde wohl geschoben. Geschenkt. Denn das geht wieder vorbei.

Vor ein paar Jahren hieß es noch: 10 Euro pro Streamingdienst. Es gab drei davon. Und ich kannte welche, die alle drei abonniert hatten. Jederzeit konnten sie alles schauen, was es zu schauen gab. Doch jetzt würde das ziemlich teuer werden.

Mittlerweile gibt es neben Netflix, Amazon Prime Video und Sky Ticket noch Disney+ und Apple TV+. HBO Max wird noch dazu kommen. Die deutschen Streamer MagentaTV und Joyn bieten nicht das Gleiche, aber ebenfalls exklusive Titel.

Mein Konzept geht nicht mehr auf: einen Anbieter dauerhaft zu buchen, weil er es technisch gut macht und es dort immer etwas zu schauen gibt. 12,99 Euro monatlich für nur eine gute neue Staffel im Vierteljahr ist mir definitiv zu viel.

Gewohnheiten ändern sich

Es gibt aber noch eine Entwicklung, und sie ist Teil des Fasses. In immer mehr Fällen ist es kaum noch möglich, ständig zu buchen, bingezuwatchen und zu kündigen.

Die Streaminganbieter veröffentlichen immer häufiger nur eine Folge pro Woche. Und noch perfider: Kurz nach dem Staffelfinale wird die Staffel für mehrere Monate aus dem Programm genommen (Euphoria auf Prime Video, Big Little Lies auf Sky Ticket).

Wer Geld sparen möchte, bucht zum Staffelende hin, schaut alles in einem Rutsch und kündigt. Allerdings lassen sich auf diese Weise nicht 3–4 Staffeln in einem Zug gucken.

Kollege Volker Briegleb von heise online ist gar nicht glücklich

Statt dann doch wieder einen Dienst über einen längeren Zeitraum zu buchen, bemerke ich im Freundes- und Bekanntenkreis eine Serienmüdigkeit. Netflix ist nicht mehr so wichtig. Empfehlungen von Freunden werden nicht mehr geschaut. Abos werden gekündigt.

Ich war jetzt einige Jahre Netflix-Kunde und zwar durchgehend. Wenn Netflix es nicht schafft, bald wieder einen Lauf an guten Serien zu veröffentlichen, bin ich raus. Denn dafür würde ich durchaus mehr im Monat zahlen.

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3 Kommentare zu “Netflix, WTF? Setz den Preis hoch und ich bin raus

  1. Netflix tut sich damit keinen Gefallen. Und es greift damit genau das, was du beschreibst: Jetzt werden noch mehr Nutzer überlegen, ihre Accounts mit Freunden zu teilen oder Netflix eben nur noch sporadisch zu buchen, wie man es mit anderen Diensten längst macht. Was schade ist, denn ohne Netflix wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Aber zu hohe Preise für immer weniger hochkarätige Inhalte – die Rechnung geht nicht auf. Schade.

  2. Hmm, ja, ich bin da etwas hin- und hergerissen.

    Auf der einen Seite sind Preiserhöhungen naturgemäß erst mal doof und es stimmt auch, das kaum noch echte Kracher auf Netflix erscheinen – eher besseres Füllmaterial. Ich hoppe daher immer zwischen Netflix und Amazon Prime, je nachdem wo gerade die Serie ist, die ich bingen will.

    Allerdings hat für mich immer der Teil überwogen, der mir sagte: Du hast früher 30-40€(?) für eine Staffel Scrubs ausgegeben mit gefühlten 60 Minuten Spielzeit und nervigem DVD-Gewechsel. Ganz zu schweigen von all den Komfortfunktionen, die du bereits aufgezählt hast, die dort eben ausblieben. Also bin ich eigentlich in erster Linie einfach nur froh, dass diese Zeiten vorbei sind und man für (im Verhältnis zur DVD-Zeit!) wenige Euro ein sehr großes Angebot On Demand nutzen kann. Aber ich glaube vom Streaming-Konzept muss ich dich ja auch nicht überzeugen, da bist du ja bestens im Thema und selbst aktiver Nutzer diverser Services.

    Das Problem ist doch eher, dass es nicht diese eine große Platzform gibt, wo es nun mal alles gibt (oder verschiedene Anbieter haben alle denselben Content + Eigenproduktionen und müssten sich über die Dienst / die App / den Komfort abheben!). So muss man 20 verschiedene Services buchen, wenn man alles haben will. Und nicht wenige (und dazu zähle ich) haben überhaupt keinen Bock auf diesen Abonnieren / Kündigen / Abonnieren Loop.

    Ich werde vermutlich weiterzahlen (mittleres Paket), sehe deinen Punkt aber durchaus. Bin nur etwas weniger kritisch 😄

    1. Ich sage ja gar nicht: Böses Netflix. Ich beziehe hier keine moralische Position, sondern sage lediglich: Der Markt verändert sich und damit auch mein persönliches Verhalten.

      Mein Hauptargument ist gar nicht die Preiserhöhung,sondern dass es immer mehr Anbieter gibt und der Einzelne viel mehr selektieren muss. (Bei Musik ist es übrigens umgekehrt: Auf Spotify findet sich immer mehr, mehr Musik, mehr Audioformate für Podcasts.)

      Wie könnte es im Markt für Streaming-Plattformen anders laufen? Vielleicht die Pflicht, Originale nach zwei Jahren anderen Plattformen anbieten zu müssen. Vielleicht auch neue Anbieter, die ein Bundle aus mehreren Plattformen anbieten – zu einem akzeptablen Preis. Oder x Staffeln pro Monat (egal von welchem Anbieter) für y Euro. Vorher müsste natürlich noch der Gesetzgeber die Weichen richtig stellen.

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