Netflix im ersten Test: Ein kleiner Paradigmenwechsel

Die US-Online-Videothek Netflix ist heute früh in Deutschland gestartet. Sie ist nicht die erste ihrer Art und doch überzeugt die deutsche Lokalisierung auf Anhieb. Neben einer klugen Benutzerführung sind die meisten von Netflix‘ Eigenproduktionen dabei, auch House of Cards. Bei anderen Formaten zeigt sich, dass auch die Amerikaner nur mit Wasser kochen und nicht alle Staffeln aller Serien verfügbar haben. Doch der erste Eindruck insgesamt stimmt optimistisch.

Die Erwartungshaltung war hoch: Netflix fällt bei der Neugestaltung des Fernsehens eine Schlüsselrolle zu. Die Online-Videothek zählt weltweit mittlerweile schon mehr als 50 Millionen Nutzer, ließ für viel Geld eigene teure Filme und Serienformate produzieren und unterstützt ausdrücklich das bei jungen Menschen beliebte „Binge-Watching„, das Anschauen so vieler Episoden einer Serie hintereinander, wie man möchte.

Das Angebot der deutschen Lokalisierung überzeugt auch auf den ersten Blick, wenn wir uns einmal die Highlights herauspicken dürfen:

  • House of Cards: Die Netflix-Eigenproduktion, eine Politserie, ist wider Erwarten doch in beiden Staffeln dabei. Früher im Jahr hatte es geheißen, Sky habe sich die Streaming-Rechte gesichert. Das war entweder nur für Sky Go der Fall oder Netflix hat die Rechte nun zurückgekauft.
  • Orange is the New Black: Die weitere preisträchtige Netflix-Eigenproduktion über eine Frauenknastserie ist dabei und kommt damit im Original wie in der deutschen Synchronisierung nach Deutschland.
  • Fargo: Die Serienadaption des 1996er-Filmklassikers der Coen-Brüder ist erstmals in Deutschland zu sehen, auf Englisch und auf Deutsch.
  • Daneben gibt es weitere Netflix-Originalserien zu sehen wie Hemlock Grove, From Dusk Till Dawn, The Killing und Penny Dreadful.
  • Von den Erfolgsserien Sherlock oder Breaking Bad hat Netflix alle Folgen im Programm; auch von älteren Erfolgsserien wie Prison Break gibt es alle Folgen zu sehen.
  • Schönes Schmankerl: Es gibt sogar die großartige SciFi-Westernserie Firefly aus dem Jahre 2002 zu sehen, die heute als Klassiker gilt. Auch andere Erfolgsformate wie Top of the Lake findet man immer wieder zufällig.
  • Daneben stolpert man über nicht mehr ganz aktuelle, aber doch bekannte Spielfilme wie The Departed, Brokeback Mountain, Gegen die Wand, Holy Motors, Oldboy (im koreanischen Original) oder Der Pianist.

Dann muss allerdings auch darauf hingewiesen werden, was Netflix – teils erstaunlicherweise – nicht im Programm hat:

  • Die mitfinanzierte Eigenproduktion Lilyhammer etwa ist nicht im Programm. Die findet sich auf Deutsch dafür unter anderem im Angebot des Konkurrenten Watchever.
  • Zwar gibt es die ersten drei Staffeln der Comedyserie Arrested Development. Erstaunlicherweise ist aber gerade die 4. Staffel nicht darunter, mit der Netflix die bei Kritikern beliebte Serie im vergangenen Jahr wieder aufleben ließ.
  • Auch die für einen Oscar nominierte Netflix-Originaldoku The Square über die Revolution in Ägypten fehlt überraschend im Angebot.
  • Von Dexter gibt es nur sechs der insgesamt acht Staffeln zu sehen, von Big Bang Theory sechs der sieben Staffeln, von Sons of Anarchy drei von mittlerweile sieben, von New Girl zwei von drei, von Archer drei von fünf, um nur einige Beispiele zu nennen.
  • Auch bei Netflix fehlen beliebte Serien(klassiker) wie Lost, True Detective, Mad Men, Louie oder The Good Wife.

Wenig HD-Inhalte

Man muss fair bleiben: Auch andere Anbieter haben nicht die neuesten Folgen aller Serien oder alle neuesten und beliebten Serien im Programm. Der endgültige Durchbruch hin zum brandaktuellen Seriencontent immer und überall ist den Amerikanern damit nicht gelungen. In den USA allerdings auch nicht. Da behalten HBO und die TV-Sender ihre Inhalte gerne zunächst exklusiv auf ihren eigenen Online-Plattformen.

Netflix_HOC

Ein Paradigmenwechsel dürfte der Start von Netflix dennoch sein: Man hat hier, vor allem dank Eigenproduktionen, einiges im Programm, was bisher im Free TV nicht zu sehen war. Oder, und darum geht es ja auch: Es gibt dort Inhalte, die vielleicht schon einmal im Fernsehen liefen, aber jetzt nur noch auf Netflix zu sehen sind. Egal, wann und wo man will. Und hier hat man bereits ein wenig mehr zu bieten als die Konkurrenz von Watchever und der Maxdome Flatrate.

Erst registrieren, dann Angebot sondieren

Auch die Anwendung von Netflix machte im ersten Test Spaß. Die Sendungen, die man auswählt, starten schnell und in einer Art Vollbildmodus. Man kann in vielen Fällen dann noch zwischen Englisch und Deutsch (teils sogar weitere O-Töne) umschalten und Untertitel hinzu wählen. Die Benutzung des Players erinnert an Watchever und Co. (oder erinnert Watchever an Netflix?).

Netflix_Fargo

Was man auch an Netflix (wie an den meisten anderen Online-Videotheken) kritisieren muss: Man soll sich erst registrieren und dann erst darf man einen Blick auf das Angebot werfen. Zwar gibt es einen kostenlosen Testmonat, man muss allerdings direkt Zahlungsdaten eingeben. Würde man binnen eines Monats kündigen, würde man nichts bezahlen. Enttäuschend ist außerdem die angebotene HD-Option. Hier fanden sich bei uns im Test nur wenige Angebote in HD und es fehlten Hinweise, wann eine Serie denn nun wirklich in HD ausgestrahlt wurde. Netflix kostet in Standardqualität für ein Gerät 7,99 Euro im Monat, für zwei Geräte und HD 8,99 Euro, sowie für vier Geräte und HD/Ultra HD 11,99 Euro. Allerdings wird es nur einen verschwindend geringen Teil des Angebots in 4K Ultra HD geben.

Netflix_D_Screen

Kurz gesagt: Netflix macht auch nicht alles richtig oder besser, aber dürfte unter den Onlinevideotheken in Deutschland die Nase vorn haben. Und auch der Start ist geglückt: Bei uns im Test gab es keinerlei Verzögerungen oder Ausfälle. Einen derart reibungslosen Beginn haben ja wahrlich nicht alle Angebote hingelegt, die wir in jüngster Zeit getestet haben. Und was noch viel wichtiger ist: Die Barriere ist wieder ein Stück kleiner geworden. Schon im vergangenen Jahr hatte Watchever mit der Einführung von O-Ton-Angeboten weitere Ängste abgebaut und die Konkurrenz damit zum Handeln gezwungen, nun hat Netflix das Angebot noch einmal verbessert. Die TV-Landschaft in Deutschland ist weiter in Unordnung geraten. Und das ist gut so.

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2 Kommentare zu “Netflix im ersten Test: Ein kleiner Paradigmenwechsel
  1. Wie im Beitrag geschrieben ist nicht wirklich ersichtlich, ob ein Film jetzt in HD (720p) oder FullHD angeboten wird. auch konnte ich bei einem kurzen Test keinen Film finden, der mit 5.1-Ton angeboten wird (obwohl es das angeblich geben soll)

    Ich kann nach wie vor nicht nachvollziehen, dass sowas bei keinem Streamingdienst flächendeckend angeboten wird. BluRay-Discs können das seit ewigkeiten, und 5.1 Sound gabs schon auf DVD – jetzt wieder Filme auf 720p und Stereo zu gucken kann ich mir einfach nicht antun…

    Ich hab ja gehofft, dass Netflix das besser macht als WatchEver, Maxdome oder Amazon, aber auch hier Fehlanzeige

    • Ja, ist eigentlich auch für mich nicht ersichtlich, zumal es, wie du sagst, HD-Versionen praktisch allen verfügbaren Contents bereits seit langem auf Blu-ray gibt. Den einzigen Grund, den ich mir vielleicht vorstellen könnte: Der Wunsch der Anbieter, das Datenvolumen geringer zu halten, sei es, um die eigenen Serverkapazitäten nicht überzustrapazieren oder auch um es sich mit den ISPs nicht zu verscherzen. Wie man hört, kooperiert der Anbieter ja mit der Telekom und Vodafone, und ich könnte mir gut vorstellen, dass die Netflix gebeten haben, erst einmal den Ball flachzuhalten und die Netze nicht zu überlasten.

      HD kommt aber dann hoffentlich in absehbarer Zeit!

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