Kommentar: Videostreaming hat schon gewonnen

Der Video-Streaming-Trend in Deutschland ist ungebrochen und Netflix verzeichnet weltweit ein höheres Wachstum als erwartet. Der eigentliche Beweis dafür aber, dass Streaming seinen Siegeszug antritt, kommt aus ganz anderen Ecken.

Das noch mausgraue Jahr 2017 beginnt auf Netflix derzeit mit einem bunten Feuerwerk: Die familienfreundliche Serie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ spickt die Geschichte zweier vermeintlicher Waisenkinder, die in die Fänge ihres habgierigen Onkel geraten, mit Weltstars wie Neil Patrick Harris und Don Johnson. Bis in die kleinste Rolle top besetzt und großartig gespielt, vor einem teuren Setting, das die Zuschauer an Wes Anderson-Filme wie „Grand Budapest Hotel“ oder „Moonrise Kingdom“ erinnert. Ein starker Start ins Jahr und nur ein weiteres Zeichen dafür, dass Video-Streaming das lineare Fernsehen inhaltlich längst abgehängt hat.

Wird Streaming letztendlich auch bei den Zuschauerzahlen gewinnen? Das Rennen, so scheint es zumindest, wird sich in diesem noch jungen Jahr 2017 entscheiden.

Und Netflix legt mit „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ nicht nur vor, sondern erhöht mit guten Abonnentenzahlen für das vierte Quartal 2016 noch auf 2:0. Den nächsten Treffer bereitet der Hightechverband Bitkom vor: Der Umsatz mit Streaming wuchs auch in Deutschland anno 2016 wieder kräftig und soll das auch 2017 tun. 3:0 für Streaming.

Videostreaming soll auch 2017 kräftig wachsen. Immer stärker werden dabei Abos wie Netflix. Grafik: Bitkom

Videostreaming soll auch 2017 kräftig wachsen. Immer stärker werden dabei Abos wie Netflix. Grafik: Bitkom

Da geht noch mehr: 2017 soll Netflix’s erste deutsche Eigenproduktion „Dark“ starten. Wenn man dies an den Qualitätsserien misst. Denn Comedyformate wie „Nu(h)r in Berlin“ und die eigene Fassung von „Dinner for One“ liefen bereits exklusiv auf dem Streaming-Portal. 4:0. Amazon, derzeit gleichzeitig Konkurrent und Wegbegleiter von Netflix, hält da mit. „You are Wanted“ mit Matthias Schweighöfer wird in diesem Frühjahr die erste deutsche Eigenproduktion des Streaming-Anbieters. Mit der eigenproduzierten Krimisatire „Sneaky Pete“, in der Weltstar Bryan Cranston einen fiesen Bösewicht spielt, startete der Anbieter ebenfalls gut ins neue Jahr. 5:0.

Neue Serienqualität bei den TV-Sendern, ein bisschen zumindest

Wer nun glaubt, dass das klassische lineare Fernsehen da tatenlos zusehe, sieht sich natürlich getäuscht. Aber es könnten ein paar Taten mehr sein. Derzeit lockt das RTL-Event „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ – im Volksmund „das Dschungelcamp“ genannt – wieder ein Millionenpublikum vor die Flimmerkiste. Es gibt nicht mehr viele Formate, egal ob bei Streaming oder linearem TV, über die ein ganzes Land spricht. 5:1.

Und nun endlich will auch die deutsche Fernsehlandschaft bei den Qualitätsserien mitmischen. Die deutsche Antwort auf die international erfolgreiche Arztserie „The Knick“ heißt „Charité“ und soll Ende März im ZDF anlaufen. Das Erste kontert in diesem Frühjahr mit „Das Verschwinden“ von Hans-Christian Schmid. 5:2. Die UFA-Produktion „Der gleiche Himmel“ mit Tom Schilling soll in Deutschland zunächst im ZDF anlaufen, ebenso wie der Banken-Thriller „Credo„. Das 5:3?

UFA-Serie "Der gleiche Himmel": Die internationalen Rechte an Netflix verkauft.

UFA-Serie „Der gleiche Himmel“: Die internationalen Rechte an Netflix verkauft.

Nein, denn wenn man genau hinsieht, dann ist die jüngste Qualitätsoffensive im linearen Fernsehen eigentlich ein Treffer für das Streaming. UFA verkaufte die Rechte von „Der gleiche Himmel“ als „The Same Sky“ bereits international. Die Streaming-Rechte erwarb – Netflix. Die mit Spannung erwartete Krimi-Historienserie „Babylon Berlin“ ist eine Co-Produktion von Sky und der ARD. Sie soll im Herbst 2017 zunächst auf Sky anlaufen und ein Jahr später erst im Ersten. Es ist nicht nur gut möglich, sondern sogar wahrscheinlich, dass Fans der Serie nicht so lange warten wollen und die Serie schon vor dem Free-TV-Start bei Sky Ticket streamen. Nach mauen Quoten bei RTL drehte UFA trotzdem eine Fortsetzung der Spionage-Serie „Deutschland 83“ – und verkaufte die Erstausstrahlungsrechte diesmal an Amazon. Das ist dann eher das 6:2 als das 5:3.

Der Siegeszug für Streaming zieht sich derzeit wie ein roter Faden durch die TV-Landschaft. „Jerks“ etwa, eine neue Serie mit Christian Ulmen, wird zunächst exklusiv im Streaming-Angebot Maxdome von ProSiebenSat.1 zu sehen sein. Die Sender ProSieben reagierte verschnupft und holt das Programm zumindest frühzeitig, vier Wochen nach dem Streaming-Start, ins Free-TV. Da wird ein großer Teil der Maxdome-Kunden und Bahn-Reisenden die Serie schon gesehen haben. 7:2.

Events gehen nur im TV? Anscheinend doch nicht

Aber was ist mit Events wie dem „Dschungelcamp“? Funktionieren die nicht nur im Free TV? Dafür eignet sich das lineare Fernsehen nach wie vor bestens, das stimmt. Umso schallender die Ohrfeige für ARD/ZDF und Sportsender wie Sport1 und Eurosport, dass das derzeit laufende Sportereignis Handball-WM nicht im Fernsehen zu sehen ist. Die Ausstrahlungsrechte sicherte sich in letzter Minute überraschend die Bank DKB – und streamt die Spiele live auf YouTube. 8:2.

Die Bank DKB sicherte sich kurzfristig die Rechte an der Handball-WM – und streamt die Spiele der deutschen Mannschaft im Netz.

Die Bank DKB sicherte sich kurzfristig die Rechte an der Handball-WM – und streamt die Spiele der deutschen Mannschaft im Netz.

Zwei Extrapunkte erhält das lineare Fernsehen von mir für die Zuschauer-Zahlen. 8:4. Denn an das Millionenpublikum der Sender kommen Streaming-Dienste nach wie vor nicht heran. Noch nicht. Doch die Zahlen steigen. Und wenn man so will, kann man auch aus diesem vermeintlichen Vorteil für das Fernsehen wieder einen Nachteil ableiten. Die Sender spüren den Druck noch nicht in dem Maße, dass sie sich gezwungen sähen, Qualität zu produzieren. Sie könnten es merken, wenn er erst zu spät ist und Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon mit guten Eigeninhalten wie „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ dann auf und davon gezogen sein werden.

Ich rechne damit, dass Streaming das lineare TV noch in diesem Jahrzehnt auch bei den Zuschauerzahlen überholen wird. Qualitativ hat es das schon jetzt.

Beitragsbild: Netflix

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2 Kommentare zu “Kommentar: Videostreaming hat schon gewonnen
  1. „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ ist nett, aber jede Folge hat den gleichen Ablauf und das wird irgendwann langweilig. Ich finde, dass es da ganze andere Serien gab, die Netflix und Amazon Prime auf Erfolgskurs bringen.

    Ansonsten gebe Ich Euch natürlich recht. Streaming-Dienste sind die Zukunft und als User achte ich auch auf qualitativ hochwertige Inhalte und kann mir aussuchen wann, wo und auf welchem Endgerät ich etwas anschauen möchte.

    Privates Fernsehen schalte ich vielleicht noch 10x im Jahr an. Warum sollte man auch? In Mediatheken der Öffentlich Rechtlichen sieht man anspruchsvolle Dokus, die aktuellen Nachrichten oder Non-Mainstream-Filme (z.B. auf Arte). Oder man hat einen Netflix-Account den mit 4 Leuten teilt und somit den monatlichen Betrag auf 3 Euro reduzieren kann. Dazu kommt noch ein Amazon-Prime-Account und wer die Kohle hat, ein Sky-Abo! Damit ist man rundum versorgt und hat eine fantastische Auswahl, die man zum Teil noch downloaden kann. So sieht man heute fern, zu mindestens in meinem Leben :-).

  2. Die meisten privaten TV-Sender sind zwischenzeitlich nicht mehr in der Lage Ihre angegebenen Sendezeiten korrekt einzuhalten. (Dank deren Werbepausen die sich vermutlich hin und wieder ein wenig zu lang in die Länge ziehen) verschiebt sich das Ende eines Spielfilms um ca. 10-20min. nach hinten bzw. der Anfang des darauf folgenden Spielfilms! Sehr ärgerlich wenn man an dem Abend nicht zuhause ist und diesen Film aufzeichnen möchte; der Schluß fehlt!
    Punkt Abzug für das lineare TV-System!

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