Kommentar: Da ist sie ja endlich, die deutsche Serien-Offensive

Fernsehfreaks, die es kürzlich einmal nach Amerika zog, wussten Erstaunliches zu berichten: Das deutsche Fernsehprogramm, gaben sie nach ihrer Rückkehr unumwunden zu – sei im Vergleich gar nicht einmal so schlecht. Zwar hat praktisch jeder der großen US-Senderketten gleich mehrere teuer produzierte Drama- und Comedyserien im Programm und Latenight-Talker wie Jimmy Fallon nehmen das Tagesgeschehen fachmännisch aufs Korn. Doch die Sender versteckten gute TV-Serien wie „Breaking Bad“ und „The Walking Dead“ dann auch nur in der Prime Time.

Der Rest des Tages sei von mindestens genauso miserabler Qualität wie das allenfalls mittelmäßige deutschen TV-Programm. Und doch sind es diese Qualitätsinseln, wegen denen wir so neidisch rüber blicken über den großen Teich. Zu Unrecht? Vielleicht nicht mehr lange. Denn auch die deutschen TV-Sender wollen jetzt plötzlich Qualitätssendungen aus heimischen Gefilden. Glauben Sie nicht? Wir auch erst, wenn wir das wirklich auf der Mattscheibe gesehen haben!

Vorsicht: Qualität in Planung!

Doch seit dem Start der US-Vorzeige-Onlinevideothek Netflix in Deutschland scheint ein Ruck durch die deutschen Produktionsfirmen gegangen zu sein. Und sogar der eine oder andere Verantwortliche bei den TV-Sendern scheint dafür ein Teil seines Schmonzetten-Budgets neu verplanen zu wollen. Hier nur eine kleine Auswahl an anspruchsvollen Drama-Formaten, die für das deutsche Fernsehen in den vergangenen Wochen angekündigt worden sind:

  • „Babylon Berlin“, die Kriminalgeschichte des Kölner Kommissars Gereon Rath, der im Berlin der 1920er Jahre ermittelt. An den Stoff der Romanvorlage von Volker Kutscher wagt sich kein Geringerer als Vorzeige-Regisseur Tom Tykwer. Die ARD und Sky produzieren mit und erhalten dafür die TV-Rechte, der eine davon deutlich früher als der andere
  • „Breaking News“: Die Ufa macht aus Star-Autor Frank Schätzings gleichnamigen, neuestem Buch eine Miniserie über einen Krisenreporter, der im Nahen Osten mit streitbaren Mitteln auf Quotenjagd geht. Die Serie soll international vermarktet werden.
  • „Deutschland“: Drama-Serie über die Welt am Rande des 3. Weltkriegs im Jahre 1983, ebenfalls produziert von der Ufa.
  • „Charité“, Krankenhausserie um das berühmte Berliner Spital um das Jahr 1890, in dem auch berühmte Wissenschaftler wie Conrad Röntgen zum Wohle der Medizin mitgeforscht haben.
  • Der Aufstieg Adolf Hitlers zu Zeiten der Weimarer Republik als achtteilige Miniserie. Produzent ist ebenfalls die Ufa; hier hat sich außerdem mit RTL bereits ein erster Abnehmer gefunden.
  • „Schuld“ mit Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu wird bereits von Constantin und Beta Films produziert und soll im kommenden Februar zur Prime Time im ZDF laufen. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung
  • „Lasst uns die Welt retten“ soll den Beginn der Ökobewegung in Deutschland in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren beleuchten. Federführend soll hier ebenfalls Constantin sein.
  • „Das Parfum“: Nach dem erfolgreichen Kinofilm plant Constantin hier nun eine Miniserie über den Bestseller von Patrick Süskind. Ohnehin will Constantin bis zu zwölf neue Serienformate aufleben lassen, darunter auch die bereits verfilmten Mehrteiler „Resident Evil“ und „Chroniken der Unterwelt“.
  • „Red Band Society“: Vox plant eine Adaption des katalanischen Überraschungshits „Pulseras Rojas“.

Die geplanten Formate haben etwas gemeinsam: Es sollen tiefer gehende, hintergründige Geschichten sein, die auch Moralaspekte ihrer jeweiligen zeitlichen Epoche beleuchten. All zu viel sollten selbst überambitionierte Besserwisser bei den TV-Sendern daran nicht mehr kaputtschreiben können – hofft man. Denn nicht für alle Formate haben sich bereits deutsche Sender gefunden, die bereit sind, diese Inhalte auch auszustrahlen. Ufa und Constantin stört das trotzdem nicht: Man erhofft sich ein zweites Standbein über die Auslandsvermarktung. Denn Serien wie „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ haben das Erzählformat TV-Serie weltweit populär gemacht. Und wenn dann etwas Gutes aus Deutschland kommt, dann ist das für das Ausland nicht minder interessant als so mancher deutscher Kinofilm, der in der Vergangenheit vorbildlich lief.

ZDF-Comedy "Lerchenberg". Deutsches Fernsehen in der Summe besser als oft behauptet?

ZDF-Comedy „Lerchenberg“. Deutsches Fernsehen in der Summe besser als oft behauptet?

Das deutsche Fernsehen? In der Summe besser als gedacht

Und plötzlich schaut man sich um und entdeckt überall ambitionierte Formate aus deutschen Landen. Man zählt auch das seit Jahren stoisch weiter betriebene „Pastewka“ ebenso dazu wie „Stromberg“, die selbstironische ZDF-Comedy „Lerchenberg“, die gerade in die zweite Runde gehen soll oder die von den Zuschauern gewählte ZDFneo-Comedy „Blockbustaz“. TNT Serie landete in der jüngeren Vergangenheit bereits einen Überraschungshit mit „Add a Friend“. Vor dem „Tatortreiniger“ verneigen sich die Kritiker unisono – auch wenn die Programmverantwortlichen vom Produzenten NDR den Erfolg schlicht nicht wahrhaben wollen. Und plötzlich fallen dem Betrachter auch etwas ältere und leider zu wenig beachtete, starke Formate wie „Kriminaldauerdienst“ (KDD) oder „Im Angesicht des Verbrechens“ wieder ein. Und hat man nicht mit dem „Tatort“ eine seit Jahrzehnten vortreffliche Krimiserie am Start und mit Jan Böhmermanns „Neo Magazin“ ein hoffnungsvolles neues Showformat?

Nein, das deutsche Fernsehen müsste sich unterm Strich nicht verstecken, selbst wenn das Nachmittagsprogramm auch hier eher zum Abschalten ist und man sich die Rosinen aus dem Überfluss an Material sorgsam zusammensuchen muss. Der springende Punkt ist: Es ginge noch viel besser, wenn der eine oder andere Programmverantwortliche sich etwas mutiger zeigen würde und den Inhalten in den Mediatheken eine weitere Chance gäbe. Die neu geplanten Formate der Produktionsfirmen sind zumindest etwas, auf das man sich fast einmal freuen könnte. Wenn die Verantwortlichen bei den Sendern mitspielen. Und wenn nicht? Dann haben wir uns mitterweile wohl lange genug von den Sendern unterjochen lassen. Zur Not bleibt uns ja das Netz.

Bilder: Beta Films, ZDF

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Nichts mehr verpassen!

Bleib immer auf dem neuesten Stand mit unserem Newsletter! Täglich um 17:00 Uhr frisch in deinem Postfach.

Newsletter abonnierenRSS-Feed abonnieren
Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*