Deutsche Qualitäts-TV-Serie „Babylon Berlin“: Verlierer ist die ARD [Kommentar]

Sie tun es, sie produzieren tatsächlich eine gemeinsame TV-Serie, Sky und die ARD. Der Branchendienst Turi2 nannte angesichts der Kooperation beide Protagonisten nicht ganz hämefrei „Bezahlsender“: der eine betreibe klassisches Pay TV und der andere sei über die Zwangsgebühr Haushaltsabgabe irgendwie auch ein Pay-TV-Sender. Die gemeinsame Kooperation im Rahmen der geplanten TV-Serie „Babylon Berlin“ war schon längere Zeit angekündigt gewesen, in dieser Woche wurden weitere Eckdaten und Stimmen der Sender zur Produktion bekannt: seht her, es wird eine deutsche Qualitätsserie geben! Das Schulterklopfen war bis ins Ammerland zu hören. Bleibt die Frage, ob es am Ende wirklich nur Gewinner geben wird.

„Der nasse Fisch“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich freue mich auf diese Serie! Nachdem ich von den Plänen der beiden Sender hörte, „Babylon Berlin“ umzusetzen, interessierte mich die Geschichte und ich besorgte mir die Romanvorlage zur ersten Staffel, den Krimi „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher. Und bin begeistert. Mensch, wenn die Beteiligten um den deutschen Vorzeige-Regisseur Tom Tykwer es schaffen, diese tolle Geschichte im Berlin der 1920er Jahre ähnlich spannend zu erzählen und zu produzieren wie das Buch, dann werden wir etwas richtig Tolles auf der Mattscheibe zu sehen bekommen!

Das Problem: Wenn es nach den Produzenten geht, werden wir das alles erst in drei Jahren für unsere Zwangsgebühr Haushaltsabgabe in der ARD sehen. Ab Mitte 2015 soll gedreht werden, Sky soll die Serie ab 2016 exklusiv bei sich ausstrahlen, die ARD erst 2017 mit eigenen Senderechten dran sein.

Man wird das Gefühl nicht los, als hätte sich da jemand über den Tisch ziehen lassen. Wer genau, die ARD, die Zuschauer oder beide, ist noch nicht ganz klar. Nehmen wir diese Rechnung einmal auseinander: Von meinem und Ihrem Geld wird für geschätzte 2,5 Millionen Euro pro Folge eine qualitativ hochwertige Serie à zehn Episoden produziert, die ich als allerletzter in drei Jahren im TV sehen kann. Wenn ich nicht so lange warten will, soll ich gleich noch einmal dafür bezahlen und mir ein Sky-Abo holen. Wie viele junge Zuschauer, die längst wissen, wo sie jede Serie im Netz finden, werden so lange warten? „Babylon Berlin“ wird seinen Weg ins illegale Netz finden und dort hunderttausendfach gesehen werden, ganz egal, wenn Sender und Justiz Streamingportale wie Movie2K, Movie4K und so weiter gerichtlich abschalten lassen. Es wird immer neue Wege und Möglichkeiten geben.

Ein Jahr warten wofür?

Skys exklusives Ausstrahlungsrecht geht in Ordnung. Aber danach ein ganzes Jahr auf die Free-TV-Ausstrahlung warten? In diesen Zeiten, in denen Netflix eigene deutsche Formate plant und sie sofort online stellt, in Zeiten, in denen Streaming-Boxen und Smart-TVs auch mit Flatrates in immer mehr Wohnzimmern stehen. Mit welcher Begründung lässt man die Zuschauer da noch ein Jahr warten auf ein Format, das man selbst mitfinanziert und mitproduziert hat? Es klingt wieder einmal, als hätten die ARD-Bosse nicht verstanden, dass sich die Welt weitergedreht hat.

ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte dazu: „Mit ‘Babylon Berlin‘ ergreifen wir die Chance zu zeigen, dass wir bei den Serien auch auf dem internationalen Markt ganz oben mitspielen können.“ Durch die Kooperation mit Sky sei das erst möglich geworden. Welch ein Quatsch, welch eine Verleumdung der eigenen Aufgabe! Die ARD zahlt laut Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ 9 Millionen Euro des Gesamtbudgets von 25 Millionen Euro (Sky übrigens nur vier Millionen!) und tut so, als würde ihr bei einem Jahresumsatz von mehr als 6 Milliarden Euro dabei ein Zacken aus der Krone brechen. Selbst ein Hannes-Jaenicke-Actionfilm ist kaum für unter 10 Millionen Euro zu haben, eine Folge Tatort kostet 1,2 bis 1,5 Millionen Euro. „Babylon Berlin“ ist für die ARD im Vergleich dazu fast schon ein Schnäppchen.

Teure Eigenformate sind heute eine schlichte Notwendigkeit

Dabei sollten die ARD-Verantwortlichen doch wissen, dass es heute um eigene Formate und nur um eigene Formate geht. Niemand erwartet ernsthaft, dass die ARD die Kosten gleich zehn solcher Serien wie „Babylon Berlin“ auf einmal schultert. Aber Exklusivinhalte sind das einzige, mit dem sich TV-Sender heute noch profilieren können. In den USA startet jeder Sender Jahr für Jahr ein Line-up gleich meist eines halben Dutzends neuer Comedy- und Dramaformate. Ihre britischen Kollegen stehen dem in kaum etwas nach. Selbst aus Spanien, Frankreich und Dänemark sind einzelne hochklassige Formate wie „Borgen“, „The Returned“ oder „Pulseras rojas“ bekannt. Deutschland liegt, wie so oft, Jahre zurück.

Es ist toll, dass „Babylon Berlin“ nun in Angriff genommen wird und man hat angesichts der stattlichen Finanzierung, des für Qualität stehenden Schaffensteams und der starken Romanvorlage berechtigte Hoffnung darauf, dass die Serie ein echter Kracher wird. Aber das ist nichts, womit man sich im Jahre 2014, geschweige denn 2017, noch auf die Schulter klopfen kann. Es ist eine Notwendigkeit, es sollte längst Standard sein. Und das gilt genauso für eine zuschauerfreundliche Vermarktung: eine zeitnahe Ausstrahlung im Free TV ebenso wie in legalen Online-Videotheken. Zwei Jahre haben die Verantwortlichen der ARD noch Zeit, das einzusehen. Ansonsten wird es wieder viele Verlierer geben, allen voran die ARD selbst.

Bild: Marc Wathieu via Flickr unter Creative Commons Lizenz BY 2.0

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