Babylon Berlin: 14 Monate nach Sky erst in der ARD. Was soll das?

Die ganze Welt schaut Serien, nur konkurrenzfähige deutsche Eigenproduktionen suchte man bisher mit der Lupe. Die Historienserie „Babylon Berlin“ soll das ändern und doch wirkt vieles wieder einmal am modernen Zuschauer vorbei geplant.

Es klingt schlicht gigantisch, was die Produzenten der deutschen Historienserie „Babylon Berlin“ da aufgetischt haben. Die Kollegen von DWDL berichten von der Pressekonferenz gestern Abend in (natürlich) Berlin, in der auch die ersten Ausschnitte gezeigt wurden. Die wichtigsten Fakten der Produktion lesen sich so:

  • 2.200 Stunden Drehmaterial für die ersten beiden Staffeln à 8 Folgen, die Hälfte des Materials hat das Team um den renommierten Regisseur Tom Tykwer bislang noch gar nicht gesichtet. Einige Szenen sollen aber trotzdem nachgedreht werden.
  • 180 Drehtage in insgesamt sieben Monaten Produktion
  • 40 Millionen Euro Budget für die ersten beiden Staffeln
  • Internationale Verkäufe nach Skandinavien, Italien, UK, Spanien und Belgien sind bereits eingetütet. Weitere Verhandlungen über Verkäufe in die USA, Frankreich und Lateinamerika stünden kurz vor dem Abschluss.
  • Die dritte Staffel ist praktisch nur noch Formsache, ARD Degeto möchte die Produktion alsbald angehen. Super!

Und ARD-Programmdirektor Volker Herres setzte nicht nur einen, sondern gleich zwei drauf: Babylon Berlin solle „prominent und kompakt“ am Jahresende 2018 im Ersten laufen, was nach einem Programmplatz um 20.15 Uhr klingt. Und es gelte „online first“. Also der Zuschauer könne die Serie noch vor der Ausstrahlung im Free TV sehen. Gut gemacht!

Sky first, online second, ARD last

Ein wenig muss man hier schon den Ball flach halten. 40 Millionen Euro klingen zwar viel, aber die Netflix-Eigenproduktion „House of Cards“, die ebenfalls international läuft, kostet geschätzt fünfmal so viel. Die erste Staffel der opulenten britischen Historienserie „The Crown“ – mit der sich auch Babylon Berlin messen muss – soll dem Vernehmen nach gar noch etwas teurer als 100 Millionen Euro gewesen sein. Für eine Staffel wohlgemerkt. Aber geschenkt, denn deutsche Produktionen sind kostengünstiger, es ist für Deutschland eine Rekordsumme und wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass Tykwer und Co. uns da schon vom Feinsten auftischen werden. Nur wem wann, das ist die Frage.

Denn vieles machen die Produzenten hier richtig – einiges leider grundfalsch. Dass die Coproduktion von Sky und ARD zunächst auf dem Bezahlsender läuft, geht in Ordnung. Am 13. Oktober 2017 um 20.15 Uhr will Sky die Serie auf dem Premium-Kanal Sky Atlantic in Doppelfolgen zeigen. Also auf dem Spartensender, der sonst die Serienneuheiten aus den USA zeitnah präsentiert. Nicht online first, aber Sky first. Der Bezahlsender hat hier einen Coup gelandet.

Umso mehr verwundert es, dass der gemeine ARD-Zuschauer dann 14 (!) Monate auf die Ausstrahlung warten muss. Über unsere Gebührengelder hat jeder von uns die Serie mitfinanziert. 14 Monate sind in der heutigen Serienzeit eine Ewigkeit. Also warum lässt man seine Finanziers derart lange warten?

Quotendesaster für die ARD schon programmiert?

Über die Online-Ausstrahlungsrechte haben die Produzenten noch nichts verraten. Aber es ist gut möglich, dass Sky diese im Rahmen von Sky Go und auch Sky Ticket anbieten wird. Dann kann sich jeder für 10 Euro im Monat die Serie ins Wohnzimmer holen. Viele ausländische Sender werden Babylon Berlin sicherlich auch schon vorher zeigen, von der immer noch rege genutzten Möglichkeit, illegale oder halblegale Streamingportale zu nutzen, möchte ich gar nicht erst sprechen. Sprich: die halbe Welt wird „Babylon Berlin“ gesehen haben, bevor der ARD-Zuschauer endlich die neue deutsche Serienoffensive erleben kann. Das ist doch blanker Hohn!

Und das ist auch deswegen ein Problem, weil der Erwartungsdruck wieder ins Unermessliche steigen wird. Ich denke da vor allem an das Beispiel „Deutschland 83“. RTL produzierte die international konkurrenzfähige Serie mit, gezeigt wurde sie dann aber erst einmal überall anders als in Deutschland, sogar in den USA. Und als die Serie dann nach viel Publicity als allerletztes um 20.15 Uhr dem RTL-Zuschauer lauwarm rübergereicht wurde, endete die Ausstrahlung in einem Quotendesaster. Die Botschaft war doch eigentlich unmissverständlich: Der deutsche TV-Zuschauer will nicht erst als allerletzter bedient werden. Niemand will das.

Aufgewärmtes ganz am Schluss

Und doch scheint die ARD aus dem „Deutschland 83“-Debakel nichts gelernt zu haben. Sie könnte Ende 2018 mit „Babylon Berlin“ ein ähnliches Fiasko erleben. Und das Schlimme ist, dass viele dem deutschen Publikum dann wieder vorhalten werden, dass Qualitätsserien hierzulande einfach nicht gewollt seien und der Zuschauer lieber seichte Vorabendkost wolle. Und das ist großer Quatsch. Die Leute lieben guten Serien und sie mögen auch hochklassige deutsche Produktionen. Sie wollen nun nicht an der langen Leine gehalten werden. Schade, dass das noch nicht alle Serienproduzenten verstanden haben.

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Nichts mehr verpassen!

Bleib immer auf dem neuesten Stand mit unserem Newsletter! Täglich um 17:00 Uhr frisch in deinem Postfach.

Newsletter abonnierenRSS-Feed abonnieren
Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*