Warum gibt es eigentlich so wenige gute Webcams?

Die Webcam am Notebook taugt nichts? Und die frisch gekaufte beherrscht nicht einmal hohe Auflösungen? Warum ist das so? Und was könnt ihr dagegen tun?

Warum gibt es eigentlich so wenige gute Webcams?

Es ist verrückt: Nahezu jedes aktuelle Smartphone ab rund 200 Euro besitzt eine deutlich bessere Frontkamera für Videotelefonie als fest in Laptops verbaute Kameras. Auch regulär erhältliche Webcams zum „Nachrüsten“ taugen in den wenigsten Fällen – gerade im Vergleich zu hochwertigen Sensoren aus Mobiltelefonen, Actioncams, Digital- und Spiegelreflex-Kameras. Wieso das so ist? Es gibt einige Gründe. Und Lösungen haben wir auch parat, wie ihr endlich qualitativ bessere Videotelefonie erleben könnt.

Hochwertige Webcams: Wieso sie eher Mangelware sind

Bei den ersten Videotelefonie-Versuchen mit meinen 200km entfernt wohnenden Eltern probierte es mein Vater mit seiner Webcam am PC, die zwar schon ein paar Jahre alt war, aber damals nicht eben wenig kostete. Die Resultate waren gruselig – und das lag nicht an der verwendeten Software. Bei intensiver Recherche fanden wir heraus: Maximale Auflösung 800 x 600 Bildpunkte bei 25 Bildern pro Sekunde. Bei 1024 x 768 Pixeln war ein flüssiges Darstellen gar nicht mehr möglich.

Auch der Neukauf führte nicht zu einem gravierend besseren Videotelefonie-Erlebnis. Ähnliches kennt ihr womöglich auch von eurem Laptop. Aktuelle Notebooks haben in den seltensten Fällen passable Kameras integriert.

Webcams mit 1080p-Auflösung? Das ist noch immer keine Selbstverständlichkeit. (Foto: Logitech)

Aber woran liegt’s? Klare Aussagen und Verkaufszahlen lassen sich nicht finden. Aber ein Aspekt ist naheliegend: Das Interesse an Webcams war – zumindest vor Corona – relativ gering. Wenn Videotelefonie, griffen wir wahrscheinlich am ehesten zum Smartphone. Und Hersteller sahen keine Notwendigkeit, hier viel Geld in die Entwicklung besserer Webcams zu investieren.

Vor einigen Jahren gab’s etliche Smart TVs mit integrierten bzw. als Zubehör erhältlichen Webcams. Auch diese an sich tolle Idee rationalisierten die Firmen weg. Es gab schlicht keinen Bedarf. Beim ersten Lockdown hätten sich so viele Haushalte über solch ein Feature am TV-Gerät gefreut…

Weitere Gründe für schlechte Webcams: Es geht (manchmal) nicht anders

Wir haben noch weitere Ursachen: Laptops sollen immer flacher, dünner, schmaler werden – wie soll hier noch eine Linse für eine 4K-Webcam ihren Platz finden? Ähnliche Herausforderungen haben Smartphone-Hersteller zu meistern. Die sind in der Regel doch noch etwas dicker als Notebook-Monitore. Auf jeden Millimeter kommt es an.

Wo ist hier beim Dell XPS 15 noch Platz für eine Kamera? Tatsächlich ist sie aber vorhanden und beansprucht 2,25 mm… (Foto: Dell)

Ein „hier beißt sich die Katze in den Schwanz“-Grund ist außerdem, dass viele Anwender auf ihr eigenes Smartphone statt die Kamera im Laptop setzen. Weil sie wissen, dass sie besser ist. Ein Hersteller sieht also unter Umständen keine Priorität darin, die Kamera deutlich zu überarbeiten, sodass Nutzer beim Mobiltelefon bleiben. Es muss also nichts geändert werden. Und das hält die Entwicklung im Segment Webcam auf.

Corona ändert den Anspruch an Webcams

Spätestens seit dem ersten Corona-Lockdown wissen vielen Menschen, die unfreiwillig im Homeoffice arbeiten müssen: Die Webcam im Laptop oder die günstig erworbene erfüllt nicht die Ansprüche, die man an eine solche Hardware stellt. Auch, weil wir es vom Smartphone schon viel besser gewohnt sind.

Zugleich zeigten sich erstaunliche Trends: Zwischenzeitlich stiegen die Preise für herkömmliche Webcams um bis zu 400 Prozent, die Nachfrage bei manchen Händlern um 1000 Prozent. Viele Monate waren Webcams sogar komplett ausverkauft und es kam zu Lieferengpässen. Das ist jetzt, im April 2021, teils noch immer der Fall.

Die Modern Webcam von Microsoft möchte endlich zeitgemäße Technik bieten. Der Konzern veröffentlichte einige Jahre lang keine neue Webcams. (Foto: Microsoft)

Plötzlich wollten viele Leute Videotelefonie nachrüsten und suchten händeringend nach qualitativ überzeugenden Möglichkeiten. Und das erkannten auch Firmen wie Logitech und Microsoft. Erstgenannter Konzern erfreute sich über deutlich gestiegene Verkaufszahlen und die erhöhte Nachfrage nach Home-Office-Peripherie wie Webcams. Microsoft reagierte schneller als der Mitbewerber und kündigte erst vor einiger Zeit die neue Modern Webcam an, die immerhin 1080p, 30 fps, Gesichtsentsperrung und True Look für eine optimale Darstellung bietet.

Neue Webcams fürs 21 Jahrhundert

Anfang 2020 hätte man zu Recht das Gefühl haben können, dass Webcams technisch irgendwann 2010 stehengeblieben sein müssen. Der Pandemie haben wir es zu „verdanken“, dass in dem Sektor wieder einiges passiert. Zubehör-Profi Anker hat in der Webcam PowerConf C300 erstmals eine KI integriert, die die Anwender automatisch verfolgt und im Fokus behält. 1080p und bis zu 60 Bilder pro Sekunde könnten mit Lösungen wie dieser bald zum Standard werden.

Aber es zeigen sich weitere Entwicklungen: Trust liefert mit der Trust Taxon eine 2K-Webcam, von der ihr bei entsprechend hoch aufgelösten Bildschirmen profitiert. Und Acer verbaut beim neuen Business-Monitor Acer B248Y wieder eine Webcam mit Windows Hello und Full HD. Eine Kamera im Monitor – was vor ein paar Jahren nach und nach verschwand, kehrt jetzt wieder zurück. Mit zeitgemäßen Komponenten für eine zufriedenstellende Videotelefonie.

Der Monitor erhält künftig wieder eine Webcam. Für das bessere Homeoffice. (Foto: Acer)

Sogar Microsoft passt Windows 10 an. In kommenden Updates (aktuell in der Insider Build 21354 schon vorhanden) könnt ihr die Einstellungen eurer angeschlossenen Webcams nachjustieren und sogar HDR aktivieren.

Nicht alles ist schlecht

Was man aber nicht vergessen sollte: Nicht alle bereits erhältlichen Webcams sind schlecht, wie die mächtige Logitech Brio Ultra HD Pro mit 4K und bis zu 90 Bildern pro Sekunde zeigt. Auch entstehen kreative Ansätze wie der Amazon Echo Show 10 (3. Generation), bei dem sich ein 10 Zoll großer Bildschirm mit 13 Megapixel-HD-Kamera bei Videotelefonaten mit bewegt.

Der Echo Show 10 der 3. Generation zeigt einen neuen Ansatz für Videotelefonie. (Foto: Amazon)
Der Echo Show 10 der 3. Generation zeigt einen neuen Ansatz für Videotelefonie. (Foto: Amazon)

Im höherpreisigen Segment finden sich in einigen Laptops, Convertibles oder Tablets mehr als nur solide Cams. Aber: Da geht noch einiges, wie der professionelle Bereich andeutet. Videokonferenz-Lösungen für Unternehmen spielen allerdings preislich in einer anderen Liga als Produkte für Ottonormalverbraucher.

Was ihr jetzt ohne eine neue Webcam tun könnt

Wenn ihr derzeit nicht unbedingt (oder schon wieder) eine neue Webcam kaufen wollt, könnt ihr auch andere Wege bestreiten:

Und wenn das alles nicht hilft, müsst ihr wohl in den sauren Apfel beißen und zu einer modernen Webcam greifen. Mein Tipp: Gebt euch nicht mit weniger als Full-HD (1080p), also nicht unter 2 Megapixel, und 30 Bildern pro Sekunde zufrieden. Die integrierten Mikrofone sind meist nicht das Problem, sehr wohl aber die antiquierten Sensoren.

Moderne Webcams bekommt ihr auch bei Euronics.

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3 Kommentare zu “Warum gibt es eigentlich so wenige gute Webcams?

  1. Wäre super gewesen, wenn ihr Web Cams empfehlen, einen Link zu posten wo man sie erwerben kann und wie die Preise derzeit sind.

      1. Nein das nicht. Wäre nur toll gewesen, wenn ihr die Webcams die ihr empfehlen würdet gleich mit den Seiten verlinkt, wo man sie erwerben kann.

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