Auf YouTube provozieren: Pöbelkanäle schießen aus dem Boden und erzielen millionenfache Klicks

Auf YouTube provozieren: Pöbelkanäle schießen aus dem Boden und erzielen millionenfache Klicks

Es ist schon lange nicht mehr so, dass man viel zu sagen haben muss, um erfolgreich im Internet zu sein. Immer mehr Kanäle leben einfach nur davon, herumzupöbeln oder zu provozieren. Eine Hasswelle überrollt YouTube.

YouTube ist erfolgreich. Immer mehr Kanäle befinden sich im Pool der User, die sich von der Videoplattform mehr versprechen, als nur eine lustige Freizeitbeschäftigung. Eigentlich muss man die viel angepriesene Professionalisierung der Kanäle auch nicht negativ sehen. Netzwerke bauen ihre Stars auf und beide Seiten verdienen damit Geld. Das rentiert sich. Wer schlau ist, gründet ein Netzwerk und sammelt sich seine User zusammen oder castet sie gar.

Aber genauso wie Webseiten gern reißerische Titel verwenden, finden sich auch in den professionalisieren Kanälen von YouTube Inhalte, die man fraglich finden kann, wenn man bedenkt, in welcher Altersklasse sich das Publikum befindet.

Brüste als Klickmittel

Nackte Frauenbrüste im Vorschaubild – selbst wenn sie nichts mit dem Video zu tun haben – gehören beinahe schon zum guten Ton der kommerziellen Kanäle. Wer damit nicht mehr schocken kann, geht noch einen Schritt weiter. Ein YouTuber verwendete pornografische Bilder und zensierte sie leicht, um die Nutzungsbedingungen der von Google betriebenen Platzform zu umsegeln. Es funktionierte nicht – die Thumbnails wurden gelöscht. Vor einigen Wochen zierte die Startseite der Videoplattform ein Hakenkreuz. Wenige Stunden später war auch das verschwunden. Der YouTuber erhielt aber Aufmerksamkeit, Klicks und Geld.

Reden wir über erfolgreiche YouTuber, dann reden wir von den märchenhaften Geschichten, wie kleine User zu Superstars wurden, und genauso verkaufen sie sich auch. Der große Bruder oder die große Schwester im Internet – deren Videos man immer schauen kann, wenn man möchte. Die Maschinerie dahinter ist ungleich härter und unfreundlicher.

Nach den Beauty-Vloggern kommen nun die Hass-Vlogger

Sogenanne Pöbel-, Hass- oder Trollkanäle erfreuen sich derzeit besonders großer Beliebtheit. Die Macher picken sich tagesaktuelle Themen heraus und nehmen dann daraufhin möglichst politisch unkorrekt jedes Klischee mit, brechen jedes Tabu und treten jede emotionale Tür ein, die vor dem Video noch Bestand gehabt hätte. So erklärte ein bekannter deutscher YouTuber im beliebten Tutorial-Stil, wie man am besten eine Frau verprügelt. Das Video wurde zwar gelöscht, doch Anhänger des YouTubers spiegelten das Video und luden sie über verschiedene Kanäle immer wieder hoch.

Das schizophrene an dieser Situation ist jedoch, dass all diese Videos nicht nur im Google Adsense-Programm auftauchen, sondern dass diese YouTuber oft Verträge mit großen Firmen haben, die sich mit den Kanälen schnelle und billige Reichweite erkaufen. So kann es passieren, dass man am Anfang des Videos einen rührenden, emotionalen Werbespot sieht – sei es nun für Autos, Lebensversicherungen oder Haarspray – in dem eine nette und freundliche Familie gezeigt wird. Und fünf Sekunden später referiert ein Anfang Zwanzigjähriger in seiner krassesten Gossensprache über bevorzugte sexuelle Kontakte zu Minderjährigen.

Verachtende Kanäle – Google drückt ein Auge zu

Bist du krass, bekommst du Klicks. Bekommst du Klicks, verdienst du Geld. Verdienst du Geld, bist du auch Googles Freund. Das dürfte auch der Grund sein, wieso Google eher halbherzig gegen diese Kanäle vorgeht, obwohl sie oft nicht nur gegen einen, sondern gleich mehrere Punkte der Nutzungsbedingungen verstoßen. Und auch das ist der Grund, wieso vor allem Netzwerke diese Grenzen ausreizen.

Netzwerke funktionieren wie Plattenlabels. Sie nehmen einen Künstler unter Vertrag, promoten ihn, helfen ihm bei der Verbesserung/Optimierung und Verbreitung seiner Inhalte und kassieren dann dafür Geld. Teilweise bis zu 70 Prozent der Einnahmen. YouTube selbst begrüßt Netzwerke auf YouTube und fördert sie mit vielen Mitteln. Und auch das ist im Prinzip kein Problem – würde es nicht diese Ausreißer geben, für die Geld und Klicks über jeglicher moralischer Verpflichtung liegt. Und leider haben sie damit Erfolg. Es hat den faden Beigeschmack von Vetternwirtschaft, wenn Google in Kauf nimmt, mit solchen Videos Geld zu verdienen.

Kinderfernsehen für verzogene Rotzlöffel

Diese Videos sind Kindern und Jugendlichen eines jeden Alters frei zugänglich. Zwar muss man offiziell mindestens dreizehn sein, um einen Google-Account zu erstellen, doch sind die Videos auch ohne Login einsehbar – öffentlich – ohne Zugangserschwerung. YouTube und Google feiern die Zugriffszahlen, aber hinter den Kulissen haben sie ein Problem. Mit welchen Inhalten wird hier eigentlich Geld verdient und passt es zum familienfreundlichen Image, das die Suchmaschine immer wieder betont und zu pflegen versucht? Solang das Geld fließt und sich niemand beschwert, wird es so weiter gehen.

Hinter vorgehaltener Hand genießt vor allem die deutsche kommerzielle YouTube-Szene schon einen negativen Ruf, aber öffentlich spricht kaum jemand drüber. Vielleicht auch aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Das Image der YouTuber soll durch Fernsehauftritte und Medienpräsenz aufpoliert werden. Aber auch das funktioniert nur so lange, wie sich niemand mit den Inhalten der Videos auseinandersetzt.

YouTube möchte gern mit den Fernsehsendern konkurrieren, möchte gern ernst genommen werden. Ich sehe bisher allerdings nur den Versuch Stars großzuziehen, die keine sind. Kinderfernsehen für verzogene Rotzlöffel – dazwischen ein bisschen Sex und Provokation eingestreut. Damit macht man heute das große Geld. Leider.

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3 Kommentare zu “Auf YouTube provozieren: Pöbelkanäle schießen aus dem Boden und erzielen millionenfache Klicks

  1. Da hast du leider recht. Ich habe mal ein Projekt angefangen, bei dem es hauptsächlich um Video-Content in Form von Let’s Plays ging. Als ich dann dieses Thema angesprochen habe (das bei Let’s Plays ja noch gar nicht so schlimm ist.), wurde meine Webseite mit Hater-Kommentaren überrollt, sodass ich den Spaß an dem Projekt verloren habe und mich jetzt nur noch um eine reifere Zielgruppe kümmere.

  2. Du hast zwar bei einigen Kanälen recht, allerdings muss man da schon differenzieren. Es gibt viele wirklich gute kreative Kanäle wie Coldmirror, Doktor Allwissend und DerGastgeber. Bei Kanälen wie iBlali, ApeCrime, Y-Titty und Simon Desue trifft dein Kommentar sehr gut zu.

    Welche Kanäle schießen denn durch Pöbeln aus dem Boden? Es braucht schon viel Zeit und Geduld zum Erfolg, auch ohne Niveau. Und bis man bei einem Netzwerk landet, muss man auch etwas tun.

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