WhatsApp bricht ein Versprechen: Früher war mehr Aufschrei

Muss man sich mal vorstellen: Da brechen zwei milliardenschwere Konzerne ein Versprechen, geben Daten von einem Dienst zum nächsten weiter und ein Aufschrei bleibt völlig aus. Die Social-Media-Schwergewichte wissen inzwischen, wie weit sie gehen können, und die Nutzer sind ein Stück weit gleichgültiger und gleichsam ehrlicher geworden.

Es werde sich nichts ändern, schwor WhatsApp-Gründer Jan Koum vor zwei Jahren Stein und Bein. WhatsApp werde unabhängig bleiben. Daran ändere auch die gerade angekündigte Übernahme durch das neugierige Facebook nichts. Daten von WhatsApp würden nicht Facebook übergeben.

Gerade einmal zwei Jahre hat dieses Versprechen gehalten. Am Donnerstag gab WhatsApp neue Nutzungsbedingungen bekannt und darin, dass Facebook künftig Nutzungsdaten von WhatsApp auswerten werde und die Telefonnummer eines WhatsApp-Nutzers erhalte. Der Übergabe der Nutzungsdaten könne man aufwändig widersprechen. Die Telefonnummer werde in jedem Fall übergeben. Natürlich nur zu unserem Besten, um unser Nutzungserlebnis noch weiter zu verbessern.

Man kann ja widersprechen…

Einmal völlig davon abgesehen, dass für diese Übergabe von Informationen datenschutzrechtlich keine Grundlage besteht: Überrascht war ich nicht, als ich davon las. Wohl aber über den Umgang mit dieser Nachricht. Dieses klar gebrochene Versprechen wurde in der einschlägigen Technikpresse schlicht abgenickt. The Verge und Spiegel Online etwa gaben die Neuigkeiten nur als Tatsachen wieder. Einschlägige, früher bissige Blogs wie Techcrunch oder BGR äußerten sich unzufrieden, ohne den Mund all zu weit aufzureißen. Oder sie gaben ein paar Tipps, wie man dem Ganzen widersprechen kann, wenn man denn wolle. Tenor: Was willste machen, war doch sowieso klar.

Mittlerweile aufgeweicht: Das hehre Versprechen um WhatsApps Unabhängigkeit.

Mittlerweile aufgeweicht: Das hehre Versprechen um WhatsApps Unabhängigkeit.

Der früher regelmäßig erfolgte Aufschrei, wenn Facebook seine Nutzungsbedingungen für den Nutzer mal wieder verschlechtern würde, blieb diesmal völlig aus. Vielleicht, weil die Nutzer auf WhatsApp weniger organisiert sind, vielleicht weil man WhatsApp bislang als weniger hinterlistig wahrgenommen hat als Facebook, vielleicht weil es den meisten Nutzern schlicht egal ist. WhatsApp hat schließlich schon immer die Handynummer und das komplette Adressbuch eines Nutzers gespeichert. Nun hat also auch das ohnehin beinahe allwissende Facebook Zugriff darauf. So what?

„Du benutzt WhatsApp? Selber Schuld!“

Ich wunderte mich trotzdem über den ausbleibenden Aufschrei, schrieb etwas dazu auf meinem privaten Twitter-Account und erhielt erstaunliche Antworten:

  • „Den Leuten ist das jetzt egal. Hauptsache kostenlos.“
  • „Selbst daran schuld, wer beides noch benutzt! hat jemand etwas Anderes erwartet?“
  • „Wie können die nur?! Ich wette um ein kaltes Bier, dass bereits seit der Übernahme die Daten verknüpft wurden.“
  • „Deshalb nutz(t)e ich weder Facebook noch WhatsApp. Aber die meisten von uns sind leider zu bequem. Ein Kampf gegen Windmühlen.“
  • „Einfach Whatsapp löschen“

WhatsApp mal eben so löschen? Wäre vernünftig, aber ist gar nicht mal so einfach. Man organisiert viel in seinem Alltag damit. Und nicht selten erwarten andere Teilnehmer, dass man den Dienst benutzt, sonst ist man schnell außen vor. Und überhaupt: Was ist denn die Alternative? Einen anderen Messenger benutzen, der auch nicht transparenter arbeitet? Zur SMS zurückkehren?

Aber um die Kommentare einmal zusammenzufassen: Die Leute sind müde geworden. Müde von leeren Versprechungen, müde von aussichtslosen Kampf um ihre Daten, müde ein wenig auch von der Doppelmoral. Denn ein Aufschrei wie früher war stets eben nur das: eine Unmutsbekundung, der die wenigsten Nutzer Taten folgen ließen. Zwei Tage nach dem Aufschrei nutzten sie den Dienst, den sie gerade noch kritisiert hatten, bedenkenlos weiter. Die Unternehmen scheinen das begriffen und eine neue Gelassenheit entwickelt zu haben. Motto: Wir können machen, was wir wollen. Erst, wenn sich wirklich massiver Widerstand organisiert, müssen wir das etwas entschärfen.

Es ist uns zwar egal, aber loyal sind wir noch lange nicht

Eins sollten WhatsApp und Facebook dabei nicht vergessen: Im Moment sind sie beinahe alternativlos. Aber wer die Nutzer ständig gängelt oder Versprechen bricht, verliert sie in gleichen Moment, in dem etwas Besseres um die Ecke kommt.

WhatsApp unterstreicht übrigens, auf die Nachrichten der Nutzer hätte man keinen Zugriff. Die im April eingeführte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mache es möglich. Die Nachrichten der Nutzer blieben privat und niemand sonst könne sie lesen. Und weiter:

„Wir werden deine WhatsApp-Nummer weder posten, noch mit anderen teilen – auch nicht auf Facebook. Wir werden deine Nummer auch weiterhin nicht verkaufen, teilen oder an Werbeagenturen weitergeben.“

Man liest solche Aussagen nun anders als früher. Das Wort „niemals“ taucht darin nicht auf.

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11 Kommentare zu “WhatsApp bricht ein Versprechen: Früher war mehr Aufschrei
  1. selber schuld wer sich immer und überall mit den selben Daten einloggt und sein Leben diesem elektronischen Sklaventreiber ( Smartphone) unterordnet – Ja, auch ich habe WA und FB Accounts aber nur Wa auf dem Mobile – FB auf heimischem Rechner und mit anderen Daten – ist nicht so bequemlich aber etwas sicherer

    • Der Ausdruck „Elektronischer Sklaventreiber“ gefällt mir irgendwie. 🙂 Sicher ist man daran nicht unschuldig, aber ein Smartphone kann dazu werden, wenn man es lässt.

  2. sichere mobile Kommunikation? Bestimmt nicht mit WA und FB!!
    –> Threema macht es deutlich besser! Und diese paar € können sich bestimmt auch Harz IV Empfänger noch leisten…

    • Das Problem sind sicher nicht die Kosten für die App sondern eher, dass es schwer ist, Freunde und Bekannte davon zu überzeugen, von WA zu Threema (oder einem anderen IM) zu wechseln. Letztlich sind alle zu bequem und nutzen die App, mit der sie die meisten ihrer Kontakte erreichen. Ich konnte in den letzten Jahren nur wenige Kontakte davon überzeugen, Threema zu nutzen. Und die wenigen nutzen es dann meist trotzdem parallel zu WA und nicht ausschließlich.

  3. Die Telefonnummer ist (neben der E-Mail-Adresse) das Merkmal geworden, um einen Nutzer diensteübergreifend wiederzuerkennen und Werbung zu personalisieren.

    Facebook mag versuchen, seine Schlüsse daraus zu ziehen und mir besser zugeschnittene Werbung anzuzeigen, doch die sehe ich erst gar nicht. Ich rufe die Website von Facebook nur ein-, zweimal pro Woche auf und sehe auch dann keine Werbung, weil ich einen Adblocker installiert habe.

    Für Dienste, die ich häufig nutze, zahle ich: E-Mails, RSS-Feeds. Ich würde auch für einen Messenger wie Threema zahlen, wenn es nur genug Leute gäbe, die den Dienst auch verwenden würden. Facebook hat für mich jedoch keinen Wert, für den ich bereit wäre, Geld auszugeben.

  4. Das größte Problem ist nicht einen passenden Dienst zu finden, sondern andere zu bewegen mitzuziehen, die Sorge um die Sicherheit der Daten ist verflogen. „Ich habe nichts zu verbergen“ ist eine erstaunlich oft gehörte Aussage bei dem Versuch Leute mit Argumenten zum Umzug zu bewegen, und die die dann doch „mitgehen“ sind nach kurzer Testphase wieder hauptsächlich bei WA, weil es „einfach ist und sauber läuft“ bzw. deren Kontakte wiederum nicht wechseln wollen. Da schließt sich der Kreis, ich würde sagen sicheres Quasimonopol, (kannste nicht ausdenken!).

    • Guter Punkt! Wenn ich zu Threema oder zu Wire wechseln würde, kaum einer meiner Freunde wäre dort. Ich müsste WhatsApp immer nebenher laufen lassen und doch immer noch in den meisten Fällen darüber kommunizieren.

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