Warum es sich lohnt, das Smartphone auch mal zur Seite zu legen

Es ist schon seltsam: Vor acht, neun Jahren trug ich tagtäglich mein Sony Ericcson K800i mit mir herum. Doch der Anreiz war trotz eines (damals) guten Bildschirms, Internetanbindung und etlichen Java-Programmen wie Spielen recht gering, ständig auf das Gerät zu starren. Und jetzt habe ich mit meinem mittlerweile fast schon betagten iPhone 5 das Gefühl, es pausenlos und in jeder Situation in die Hände nehmen zu müssen. Dabei tut es verdammt gut, es mal zur Seite zu legen.

Wie eine Droge?

Klar, im Jahr 2015 sind wir längst im Zeitalter der Smartphones angelangt: Flottes Web dank LTE, extrem hochaufgelöste Bildschirme, potente Prozessoren für anspruchsvolle Games und vielseitigste Apps locken uns damit, das Mobiltelefon häufig nutzen zu wollen. Dank Anbindung zu den sozialen Netzwerken sind wir immer auf dem Laufenden oder können uns bei Facebook, Twitter, Instagram mitteilen. Vielleicht sogar austauschen. Eigentlich ist es kein Wunder, das ein Suchtverhalten entsteht und Entzugserscheinungen von der Handy-Droge wahrnehmen, wenn man unterwegs kein Internet besitzt oder die Batterie leer ist. Man spricht in manchen Fällen sogar von einer Nomophobie – der Angst, ohne Smartphone völlig isoliert von der Außenwelt zu sein.

Damals war alles etwas einfacher? (Foto: Sony Ericcson)

Damals war alles etwas einfacher? (Foto: Sony Ericcson)

Mein Telefon nutze ich wirklich intensiv, da ich vor allem Twitter liebe, bei Instagram viele Fotos veröffentliche (unter anderem als Erinnerungsstütze, wo ich überall war), überhaupt gerne Bilder schieße und mich über das Tagesgeschehen (Politik, Wirtschaft, Tech und sowas) informiere. Dennoch verspüre ich nicht das Gefühl, süchtig zu sein. Glaube ich. Und das wurde mir im letzten Urlaub deutlich. Ich landete (mal wieder) in der Brandenburgischen Pampa. So schön die Natur oberhalb von Berlin, so mies ist die Netzabdeckung. Edge? DER HASS!

Aller Anfang ist schwer

Wobei. Nein, gar nicht mal. Allerdings benötigte ich etwas Zeit. Am ersten Tag probierte ich tatsächlich, mit einem oder im besten Fall drei Edge-Balken eine Route mit Google Maps berechnen zu wollen. Und nach Sehenswürdigkeiten in der Gegend gucken? Wie naiv zu glauben, dass das vernünftig funktionieren würde. Besonders „lustig“ war es, unzählige Male zu sehen, wie das Hochladen eines Instagram-Bildes fehlschlug. Smartphone als Hotspot aktivieren, um Mals am Netbook abzurufen? Ein Ding der Unmöglichkeit und nicht einmal mit viel Geduld erfolgreich. Verbunden mit diesen Ärgernissen, die ihr vielleicht auch kennt, folgte die logische Konsequenz: Nie wieder eine Ferienunterkunft ohne WLAN Abfinden mit der Situation. Und so schnappte ich mir einen Reiseführer aus Papier und entschied mich, auch wirklich Urlaub zu machen.

Zwar versuchte ich es am zweiten Urlaubstag hin und wieder, das Internet zu verwenden – aber ich ließ es dann irgendwann und akzeptierte es, dass ich erst in der nächstgelegenen, größeren Stadt wenigstens 3G erhielt. Was mich aber wirklich erstaunte: Das Smartphone wurde so schnell höchstens zu einem Fotoapparat. Sogar der Gedanke, die Schnappschüsse bei Instagram mit meinen „Freunden“ teilen zu wollen, verschwand im Laufe der Zeit. Viel wichtiger war wohl die Erkenntnis, dass es gut ohne Telefon gehen kann und sich erstaunlich schnell das Urlaubsgefühl einstellte. Nach fünf Tagen vermisste ich irgendwie kaum noch etwas an meinem Smartphone, das ich ohne Internet nicht verwenden konnte. Ich verspürte nicht einmal mehr die Lust, bei Twitter oder Facebook zu gucken. Und die Arbeit? So schwer mir das als Selbständiger fällt – aber sie blieb dadurch wirklich daheim.

#selfie

Ein von Sven Wernicke (@svenwernicke) gepostetes Foto am

Vielleicht mag es für euch banal klingen, für mich war diese Einsicht erstaunlich. Das Smartphone fesselt mich mit seinen vielen tollen Features und lässt mich nicht so gerne los. Entscheide ich mich bewusst gegen das Telefon in der Hosentasche, tut das zu Beginn weh, ist danach aber eine wahre Erleichterung für die Seele. Die Zwänge, allen voran die gefühlte Anwesenheitspflicht in den sozialen Netzwerken und die vermeintlich nötige Erreichbarkeit für Kunden oder Geschäftspartner erzeugen einen Druck, dem man viel zu oft nachgibt. Und sich damit vielleicht sogar ein paar schöne Tage mit der Familie versaut.

Experiment für mich

Ich für meinen Teil möchte aus den kleinen „Erlebnissen“ lernen. Ich mag mein Smartphone und die Möglichkeiten, die dieses mitbringt. Aber ich mag es auch, das Leben bewusst und ohne (unnötige) Ablenkungen wahrzunehmen. Daher traf ich kurz nach dem Urlaub die Entscheidung, es zumindest damit zu versuchen, das Smartphone auch am Wochenende liegen zu lassen bzw. höchstens so zu verwenden, wie damals mein K800i: Um erreichbar zu bleiben und vielleicht mal ein Foto zu knipsen. Ich bin gespannt, ob es klappt. Auf den Luxus, die mir ein Smartphone bietet, will ich auf keinen Fall verzichten. Wozu auch? Nur ich möchte wieder lernen, meinen Konsum zu steuern und mal „Nein“ zu sagen. Ob ich erfolgreich sein werde? Schauen wir mal…

Wie wichtig ist euch euer Smartphone? Empfindet ihr auch ein gewisses Suchtverhalten? Schreibt mir eure Erfahrungen unter diese Zeilen.

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