Völlig losgelöst #4: Ecosia und Qwant: Echte Google-Alternativen aus Europa?

In unserer Serie „Völlig losgelöst“ zeigen wir dir Services abseits der US-Giganten. Heute: Qwant und Ecosia – Suchmaschinen aus Europa!

Völlig losgelöst #4: Ecosia und Qwant: Echte Google-Alternativen aus Europa?
Ecosia und Qwant sind EU-Alternativen zu Google, Bing und Co. (Mit Material von Pexels)

Google ist seit Jahr und Tag die dominante Internetsuchmaschine. Satte 90 Prozent aller Suchanfragen laufen über den US-Service. Die Suchergebnisse sind schnell verfügbar und in den allermeisten Fällen brauchbar. Zuletzt kommt auch immer mehr KI durch Google Gemini zum Einsatz, das auch Wie- und Warum-Fragen direkt beantworten kann.

Unproblematisch ist die Google-Suchanfrage aber nicht. Die Suchanfragen und -ergebnisse sowie Klicks bündelt Google zu eindeutigen Profilen und macht über geschickte Videoausspielung auch noch Geld mit den so erhobenen Daten.

Abhilfe sollen zwei europäische Suchmaschinendienste schaffen: Qwant und Ecosia. Kann das gelingen?

Qwant: Französische Google-Alternative mit hohem Datenschutz

Qwant erreichst du im Browser über die Adresse qwant.com.

Die in Frankreich entwickelte Suchmaschine Qwant verschreibt sich insbesondere dem Datenschutz. Standardmäßig speichert der Betreiber deinen Suchverlauf nicht und verkauft auch keine sonst wie erhobenen Daten.

Einzige Ausnahmen sind erweiterte optionale Funktionen und die Datenspeicherung eines optionalen Qwant-Profils. Und KI-Funktionen, die allerdings erst später folgen.

Qwant Suchmaschine ohne KI
KI-Einsatz? Damit wirbt Qwant schon, zum Einsatz kommt das Helferchen jedoch zum Zeitpunkt unserer Recherche noch nicht. (Eigener Screenshot)

Die Qwant-Suchergebnisse sind okay – auffällig ist, dass die Suchmaschine den Platz ganz oben Werbeanzeigen reserviert. Die haben – der Natur des Datenschutzes entsprechend – mit der eigenen Suchanfrage nur am Rande etwas zu tun.

Beispiel? Qwanten wir Euronics Trendblog, heftet uns die Suchmaschine zwei Elektronikanbieter, einen Testvergleich und ein Unternehmen für Elektronik-Produktentwicklung an.

Qwant-Optionen
Die Qwant-Einstellungsmöglichkeiten sind umfangreich. (Eigener Screenshot)

Nun ja.

In den verschiedenen Reitern Bilder, Videos, News und Shopping findest du gebündelt das, was auch Google anbietet, um dich flugs zu bestimmten Medien oder einen Einkauf zu schicken.

Wenn du mit solchen Kinderkrankheiten leben kannst, etwas nach unten zu scrollen, ist Qwant aber ein passabler Google-Ersatz. Und je mehr User Qwant nutzen, desto besser wird der Suchindex aufgestellt.

+Qwant: KI-Funktionen als Zukunftsmusik

Qwant bietet den eigenen KI-Modus künftig nur registrierten Usern an. Die Registrierung ist nicht auf der Startseite der Suchmaschine zu finden. Nur versteckt über die FAQ hinter diesem Link kommst du zur Kontoerstellung.

Registrierung unter Qwant
Uns wundert ja, warum der europäische Mail-Anbieter Proton kein Plugin zur Registrierung für Qwant und andere Dienste liefert. (Eigener Screenshot)

Den Account erstellst du mittels iCloud-, GMail oder einer anderen dir genehmen Email-Adresse. Nach unter einer Minute ist die Registrierung abgeschlossen.

Dann aber die Ernüchterung: Statt sofort KI-Zusammenfassungen zu finden, verhält sich Qwant wie zuvor. Es spielt die Suchergebnisse aus, einen KI-Dialog gibt es nicht.

Seltsam, denn die KI-Funktionen bewirbt der Anbieter bereits aktiv auf seinem FAQ. Ob sie aber nur im Qwant-Heimatland Frankreich freigeschaltet ist oder es sich um einen Bug handelt? Nicht ganz klar.

Aber gut, Haken wir das als „coming soon“ ab – und freuen uns, dass ein europäisches Digitalunternehmen noch solche ehrgeizigen Ziele verfolgt.

Im Bund mit US-Unternehmen

Einziger echter Wermutstropfen bei der Qwant-Nutzung: Die Werbeanzeigen verwaltet der Betreiber (noch) nicht selbst, sondern bindet hierzu Microsoft ein. Das mag auf den ersten Blick schizophren sein – eine europäische Suchmaschine, die dann doch wieder mit US-Diensten zusammenarbeitet?

Qwant betreibt hier Schadensbegrenzung: Die bis zu 18 Monate gespeicherten Daten verbleiben auf Servern innerhalb der Europäischen Union. Und nach sechs Monaten anonymisiert. So das Versprechen.

Ganz sauber wirkt es dann nicht, dass Qwant trotz der starken EU-Datenschutzargumente zur Registrierung auf Apples und Googles Mail-Systeme zurückgreift.

Warum keine Proton-Einbindung, die wir nach unserem zweiten Teil der Völlig-losgelöst-Reihe positiv hervorhoben?

Klar, die US-Unternehmen sind etabliert und für viele ist die Registrierung mit bestehenden Konten schlicht bequemer. Kritisch hieran sehen wir aber, dass Qwant so seine eigene, mit sonst starken Argumenten unterfütterte Position schwächt.

Ein Fazit zu Qwant: In Ansätzen gut – mit spannender Zukunft

Qwant versucht einen Spagat zwischen hohen Datenschutzversprechen (die es aber nicht ganz konsequent durchzieht) und reizvollen KI-Funktionen. Alles in direkter Konkurrenz zu Google, an dessen umfangreichen Suchindex Qwant noch nicht heranreicht.

Brauchbar ist die Suchmaschine dennoch, und gerade als anonymer User ohne Qwant-Konto schläft man ruhiger. Qwant erhebt nur wenige Daten und die auch nur, um die Suchergebnisse auszuspielen.

Anders sieht die Sache aus, wenn du ein Konto erstellst. Dann braucht Qwant natürlich einige Cookies, um die Dienste auszuspielen – und liefert dann personenbezogene Werbung via Microsofts Service aus. Dem kannst du zwar widersprechen, aber ein Opt-out ist aus unserer Sicht suboptimal.

Qwant findest über die Webadresse qwant.com, als App für Android im Google Play Store oder als Anwendung für iOS in Apples App Store als auch als Chrome-Browsererweiterung.

Ecosia: Sicher surfen, Gutes tun

Ecosia erreichst du über die Webseite ecosia.org.

Das ist mal eine Hausnummer: Über 246 Millionen (!) Bäume haben die Betreiber von Ecosia seit Bestehen der Suchmaschine gepflanzt.

Startseite der Suchmaschine Ecosia
Ecosia ist ein grünes Projekt. Jede Suchanfrage kommt der Aufforstung zugute – und der KI-Einsatz ist klimaneutral (Eigener Screenshot)

Der ökologische Gedanke ist ein sehr guter. Ecosia pumpt jeden Cent Gewinn in den Umweltschutz.

Dass bereits so viele Setzlinge auf der Habenseite stehen, ist auch dem Erfolg der Suchmaschine zu verdanken.

Wobei „Suchmaschine“ hier relativ ist. Das in Berlin beheimatete Ecosia nutzt keinen selbst erstellten Suchindex. Stattdessen greift die Plattform auf Microsofts Bing oder die Google-Suche zurück. Das unterscheidet Ecosia vom oben vorgestellten Qwant mit eigenem Suchindex – wobei beide Unternehmen einen solchen Index aufbauen wollen.

Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Geschäftsbericht von Ecosia
Ecosia listet für jeden Monat einen detaillierten Bericht, aus dem du entnehmen kannst, wie viel Geld im Umweltschutz landeten. (Bildmaterial: Ecosia)

Ecosia mit guten Einstellungsoptionen

Ecosia bevorzugt laut eigener Aussage Bing und dessen EU-Server – nur bei „berechtigtem Interesse“ schmeißt Ecosia den Google-Suchindex an.

Ecosia Einstellungen
Ecosia kannst du umfangreich konfigurieren. Besonders cool: Suchergebnsise nach Land eingrenzen! (Eigener Screenshot)

Optionales Konto für mehr Einstellungsmöglichkeiten

Erstellst du ein Ecosia-Konto, kannst du klar und einfach regeln, welche der beiden Suchmaschinen den Vorzug bekommen soll.

KI-Zusammenfassung zum EURONICS Trendblog unter Ecosia
Die KI-Zusammenfassungen sind brauchbar. (Eigener Screenshot)

Wie bei Qwant kannst du neben der eigenen Mail-Adresse bei einem x-beliebigen Anbieter den US-Service Google Mail nutzen, um die Registrierung abzukürzen. Eine Registrierungskooperation mit Proton oder anderen europäischen Mail-Anbietern gibt es hingegen (noch?) nicht.

Mit einem Ecosia-Konto kannst du neben der Suchmaschinenbevorzugung auch das Design und sogar das bevorzugte Land einstellen, aus welchem Ecosia die Suchergebnisse zusammenträgt.

Die gibt es wahlweise als klassische Liste oder als KI-Auswertung. Angenehm ist, dass Ecosia dir hier die Wahl lässt, ob die Künstliche Intelligenz ihren Senf dazu gibt oder nicht.

Wer jetzt mit dem Finger auf Ecosias Umweltversprechen zeigt, weil KI-Berechnungen verdammt viel Energie fressen: Das Unternehmen bezieht mittlerweile mehr als doppelt so viel Strom wie benötigt aus erneuerbaren Energien. Damit ist die KI klimaneutral.

Fazit: Ecosia verpasst Bing und Google einen grünen Anstrich

Ecosia pimpt Bing und Google, indem es Profite aus Anzeigenplatzierungen deiner Suchanfragen in Baumsetzlinge und andere Umweltprojekte umleitet. Eine „echte“ Alternative zu Bing und Google ist Ecosia aber nicht.

Ein hartes Urteil? Es kommt darauf an! Ecosia hat eine breite Nutzerbasis, die dem Unternehmen die finanzielle Flexibilität bietet zusammen mit Qwant einen eigenen europäischen Suchindex zu erschaffen. Während die Franzosen von Qwant damit schon weiter sind, werkelt Ecosia aus Berlin noch an der Implementierung eigener Suchmechanismen.

Wenn du Wert auf hohe Suchergebnis-Qualität und Umweltschutz legst, ist Ecosia aber allemal besser als der nackte Einsatz von Bing oder Google. Zumal die KI-Zusammenfassungen rein optional sind und so der vertrauten Internetsuche vor dem KI-Hype näher kommt.

Ecosia erreichst du im Browser über die eigene Webseite ecosia.org. Eine App (im Bundle mit eigenem Browser) findest du für Android im Google Play Store und für Apple im App Store.

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Ein Kommentar zu “Völlig losgelöst #4: Ecosia und Qwant: Echte Google-Alternativen aus Europa?

  1. Ich nutze ecosia seit etwas mehr als einem Jahr und bin – von einer Kleinigkeit abgesehen- recht zufrieden. Mich stört nach wie vor, dass bei jedem Aufruf des Werkzeugs manuell eingestellt werden muss, ob man nur essenzielle Cookies zulässt. Es wäre schon, wenn es dafür eine Festeinstellung gäbe.
    Mit der KI habe ich – als bekennender KI-Ungläubiger – zwei Versuche gemacht, und die waren hervorragend. KI ist nicht intelligent, aber fleißig: die Daten-Mengen, die für eine Suchfrage durchsucht werden, sprengen jedes menschliche Können.

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