Topliste der nicht vollständig gelesenen Bücher: Böses Erwachen für Stephen Hawking

Hillary Clinton strebt der Meinung zahlreicher Politexperten nach im Jahr 2016 eine Kandidatur der US-Präsidentschaft an und ist deswegen derzeit auf einer PR-Roadshow durch die ganze Welt. In Deutschland wurde sie bei Günther Jauch vorstellig und ließ sich vom Spiegel interviewen.

Natürlich kamen die Redakteure dabei auch auf das Thema Wirtschaft zu sprechen und den gegenwärtigen US-Sachbuchbestseller „Capital in the Twenty-First Century“ von Thomas Piketty. Ob sie das Buch gelesen habe, wurde Clinton gefragt. „Nicht vollständig“, antwortete sie, „nur auszugsweise“. Und damit liegt die frühere US-Außenministerin im Trend. Denn Pikettys Buch belegt laut einer Rangliste der am seltensten zu Ende gelesenen Bücher mit Abstand den vordersten Platz.

An eine Liste von neun Büchern hat sich der Mathematikprofessor Dr. Jordan Ellenberg von der Universität Wisconsin gemacht. Er untersuchte markierte Stellen in Amazons Kindle-Datenbank. Wer Ebooks mit einem entsprechenden Gerät liest, kann darin Stellen markieren, die er für besonders lesenswert hält oder aus einem anderen Grund speichern möchte. Für gewöhnlich werden diese Markierungen zum Ende eines Buches hin weniger. Doch hören diese sehr früh ganz auf, ist das ein Zeichen dafür, dass ein Buch nicht zu Ende gelesen wurde.

Nur jeder Vierte beendete „Fifty Shades of Grey“

Ellenberg analysierte die Daten von neun Büchern und ermittelte ungefähr, wie viel Prozent eines Buches die Leser im Schnitt geschafft hatten. Das ist möglich, weil diese Daten in der Regel zentral gespeichert und anonymisiert öffentlich zugänglich sind. Sieger oder eher Verlierer dieser Anti-Hitparade wurde demnach Piketty mit 2,4 Prozent. Sein gefeiertes Wirtschaftsbuch „Capital in the Twenty-First Century“ ist immerhin 700 Seiten lang und voller mathematischer und wissenschaftlicher Erklärungen. Das war offenbar nicht gerade leichte Kost für Leser.

Doch auch der gefeierte Physiker Stephen Hawking kommt nicht viel besser weg. Seine berühmte „Kurze Geschichte der Zeit“ wurde nur von 6,6 Prozent der Leser zu Ende gelesen und ist damit wohl auch nur ein Buch, das sich viele bloß zur Zierde oder um damit anzugeben ins Bücherregal stellen. Auch das Buch „Lean In“ der Facebook-Managerin Sheryl Sandberg über Frauen in Führungspositionen kommt mit 12,3 Prozent nicht viel besser weg – das reichte aber immer noch für einen Durchschnitt von 4.5/5 Sternen in der Bewertung auf Amazon.

Erstaunliche Möglichkeiten dank Ebooks

Fast schon gute Werte erzielen mit 25,9 Prozent E.L. James mit dem verruchten Bestseller „Fifty Shades of Grey“ und F. Scott Fitzgerald mit 28,3 Prozent für seinen Klassiker „The Great Gatsby“. Und wer ein Buch möchte, das er mit ziemlicher Sicherheit zu Ende liest, der sollte sich „The Goldfinch“ von Donna Tartt besorgen. Das lasen laut dem von Ellenberg so genannten Hawking Index stolze 98,5 Prozent zu Ende.

Schade: Mehr als neun Titel untersuchte Ellenberg in seinem Experiment leider nicht, das laut seiner eigenen Maßgabe übrigens streng unwissenschaftlich sei. Dafür fehlten einfach zu viele Daten. Allerdings ist der Hawking Index ein interessanter Einblick in die Welt des Lesens, der zeigt, was mit Ebook-Daten so alles möglich ist. Und vielleicht ergibt sich einmal die Chance, dem Experiment einen größeren Rahmen zu geben und Deutschlehrern vor Augen zu führen, wie zäh Pflichtlektüre wie Fontanes „Effi Briest“ oder Thomas Manns „Buddenbrooks“ in Wirklichkeit sein kann.

Zu hart will Ellenberg übrigens mit dem traurigen „Gewinner“ der Rangliste, Thomas Piketty, nicht ins Gericht gehen. Dessen Buch sei ja erst seit drei Monaten auf dem Markt und vielleicht seien aufgrund der schweren Kost einfach noch nicht alle Leser damit fertig. Hillary Clintons neues Buch „Entscheidungen“ kam in Ellenbergs Experiment leider nicht vor.

Bild: rororo

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