Sicherheit erlaubt keine Fehler: Warum ich die zunehmende Verbreitung mobiler Systeme skeptisch sehe

Sicherheit erlaubt keine Fehler: Warum ich die zunehmende Verbreitung mobiler Systeme skeptisch sehe

Mein Smart TV stürzt mittlerweile häufiger ab als mein alter Windows-98-PC in seinen schlechtesten Zeiten. Seit einem automatischen Update der Software poppen zwar ständig über HbbTV eingeblendete Zusatzinformationen auf. Aber oft genug flackert das Gerät beim Einschalten nur noch, die HbbTV-Leiste lässt sich nicht wegdrücken oder der nachgerüstete Google Chromecast unterbricht das Fernsehprogramm und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich – obwohl ich gar keine Medien streamen wollte.

Der Fernseher ist nur eins von vielen meiner technischen Geräte, die derzeit Programmierfehler in Hülle und Fülle aufweisen, weil knapp besetzte Entwicklerteams sich augenscheinlich um viel zu viel gleichzeitig kümmern müssen. Das ist ärgerlich, aber zu verkraften, es sei denn, es geht um Dinge, die unsere Sicherheit betreffen.

Design vor Sicherheit?

Und als ich kürzlich eine interessante Designstudie von Ustwo über die Zukunft der Bordkonsole im Auto sah, da schreckte ich für einen Moment zurück: Was wäre denn, wenn Geschwindigkeitsanzeige oder Tempomat im Auto plötzlich ebenso fehlerhaft reagierten, wie einzelne Software-Bausteine im aktuellen OS X 10.10 auf meinem MacBook? Vielleicht hat ja ein unaufmerksamer Programmierer mal eine Klammer vergessen, das System beim Hochfahren einen Befehl in den falschen Hals bekommen. Und schon beschleunigt mein Auto statt auf die erlaubten 100 km/h immer weiter, ohne dass ich bremsen kann. Eine Horrorvorstellung – und gar nicht so abwegig, wenn aktuelle Player mit verbuggten Betriebssystemen ins Auto drängen.

Ustwo-Concept: KFZ-Anzeige leuchtet rot, wenn der Fahrer zu schnell ist. Doch was, wenn das System irrt?
Ustwo-Concept: KFZ-Anzeige leuchtet rot, wenn der Fahrer zu schnell ist. Doch was, wenn das System irrt?

Beispiel Google: Der Datenriese hat die Zeichen der Zeit erkannt und weiß, dass die Zukunft nicht nur aus Laptops und Smartphones bestehen wird. Das von ihm vereinnahmte System Android kommt deswegen auf immer mehr Plattformen zum Einsatz – Smartwatches, Wearables, bald auch im Auto.

Eben jenes Google allerdings lieferte für mein – zugegebenermaßen nicht mehr ganz taufrisches – Smartphone Nexus 4 vor einigen Wochen allerdings ein derart grausiges Update auf Android 5.0, dass ich drauf und dran war, das Gerät zu resetten. Die Kamera wollte nicht mehr starten, die WLAN-Verbindungsprobleme häuften sich, die neuen Notifications brachten mehrfach das ganze System zum Absturz. Erst ein nachgeliefertes Update stopfte die größten Lücken.

Erstmal auf den Markt damit. Fehler? Zweitrangig

Auch bei Smartwatches wollte Google von Anfang an dabei und ein wenig früher dran sein als Konkurrent Apple. Das eigene System Android Wear allerdings war im ersten Anlauf so voller Fehler, dass die hastig damit ausgerüsteten Uhren von LG, Motorola oder Samsung damit keine Freunde fanden. Halbfertige Funktionen, häufige Abstürze. Erst mit dem nachgelieferten Update – gleich ein kompletter Versionssprung auf Android Wear 2.0 – schaffte Google Abhilfe. Auch Apple stand jüngst in der Kritik für zahlreiche kleinere Bugs in den eigenen Systemen iOS 8 und Mac OS X 10.10. Ich selber hatte auf dem Mac jüngst mit der katastrophalen App „Nachrichten“ (Version 8.0) zu kämpfen, die angeblich mit iMessage kompatibel sein soll, aber keine Kontakte fand und dafür undefinierte Fehlermeldungen lieferte, die sich nicht schließen ließen.

Apple CarPlay: Hoffentlich weniger verbuggt als einige Anwendungen auf iOS 8 und Mac OS X 10.10.
Apple CarPlay: Hoffentlich weniger verbuggt als einige Anwendungen auf iOS 8 und Mac OS X 10.10.

Beide Anbieter, Google und Apple, arbeiten derzeit an Systemen für Bordkonsolen. Und mir wird ganz anders bei dem Gedanken, dass Android Auto oder Apple CarPlay ähnlich fehlerbehaftet sein könnten. Noch beschränken sich beide Systeme in Zusammenarbeit mit den Herstellern auf eher harmlose Funktionen wie Unterhaltung und Navigation. Aber je mehr systemrelevante Funktionen von den Anbietern abgedeckt werden sollen – und die Designstudie von Ustwo zeigt, dass dahin wohl der Weg gehen wird – desto kritischer wird die Sache. „Ach so, entschuldigung“, könnte dann die Stellungnahme der Großen lauten. „Die neue Version 4.0 hat die Bremsfunktion für einige ältere Modelle noch nicht zufriedenstellend unterstützt. Es gibt Berichte darüber, dass einige Fahrzeuge erst nach der roten Ampel zum Stehen kamen. Unsere Entwickler arbeiten aber mit Hochdruck an einem Patch, das die Funktion mit dem Update auf die Version 4.0.1 schnellstmöglich nachliefert.“

UsTwo Volvo-Concept
UsTwo Volvo-Concept

Ein wenig übertrieben, meine Sorgen? Ja, vielleicht. Aber alleine meine eigene Erfahrung zeigt, dass im Augenblick durchaus Probleme bestehen. Jeder Geräte-Anbieter muss heute auch eine Vielzahl an Software-Entwicklern beschäftigen. Und die Systemanbieter sind mit der Vielzahl von Geräten, die sie mit eigenen Systemen bestücken wollen, offensichtlich überfordert. Es ist eine Sache, eine Reihe von zehn Smartphones möglichst ohne Probleme mit einem System auszurüsten, eine andere ist es, gleich Dutzende verschiedener KFZ-Typen oder Fernseher stets fehlerfrei zu halten. Nicht umsonst erhalten hunderte von Android-Smartphones oder Tablets nie ein Update. Um sich um all die Geräte zu kümmern, fehlen den Anbietern schlicht die personellen und finanziellen Ressourcen. Dass Google jetzt mit einem Android für Virtual Reality voraussichtlich noch eine weitere Baustelle eröffnet, stimmt hier nicht gerade zuversichtlich.

Android Auto
Android Auto

Weniger ist mehr, möchte man den Anbietern zurufen. Kümmert euch doch lieber erstmal darum, dass eure Laptops und Smartphones möglichst fehlerfrei funktionieren und belasst es in Autos oder ähnlich sicherheitsrelevanter Technik erst einmal bei der Unterhaltung. Denn dass ihr mehr als das könnt, müsst ihr erst einmal beweisen.

Bilder, Grafiken: UsTwo, Apple, Google

Jetzt kommentieren!

Schreibe einen Kommentar

*
Bitte nimm Kenntnis von unseren Datenschutzhinweisen.