Nachhaltige Smartphones: Der Traum vom wirklich fairen Mobiltelefon

Gibt es nachhaltige Smartphones? Die Antwort lautet gegenwärtig: Nein! Doch viele Firmen zeigen, dass die Herstellung fair und umweltfreundlich sein kann.

Nachhaltige Smartphones: Der Traum vom wirklich fairen Mobiltelefon

Zunehmend verkommt der Begriff „Nachhaltigkeit“ zu einer Worthülse, bei der wir gar nicht mehr so recht wissen, was eigentlich gemeint ist. Sprechen wir über nachhaltige Smartphones, stellen wir uns faire Arbeitsbedingungen, das Schonen der Umwelt, Recycling und Reparierbarkeit vor. In vielen Bereichen sind die meisten Hersteller tatsächlich bemüht, (künftig) „bessere“ Smartphones zu produzieren. Und in anderen gibt’s noch einige Baustellen für die Zukunft.

Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass das nachhaltige Smartphone in absehbarer Zeit realistisch und wahrscheinlich ist. Was Hersteller im Hier und Jetzt tun? Ein Überblick.

Recycling von Rohstoffen

Eine echte Herausforderung für die meisten Smartphone-Hersteller ist es, Rohstoffe mit einer unbedenklichen Herkunft zu verwenden. Für die Fertigung braucht es „Seltene Erden“, Kobalt, Kupfer, Lithium, Zinn, Gold oder Tantal/Coltan. Vieles wird unter anderen in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo gefördert – unter oftmals schlimmen Bedingungen und durch Kinderarbeit.

Dass es auch besser gehen kann, möchte ein Riese beweisen: Apple arbeitet schon seit etlichen Jahren an Lösungen, um möglichst viele Rohstoffe entweder zu ersetzen oder vorhandene zu recyceln. Das ist beispielsweise mit Aluminium, Kobalt, Kupfer, Glas oder Gold problemlos möglich. Das Aluminiumgehäuse des MacBook Air besteht unter anderem aus Alu-Teilen alter iPhones. Ihr findet auf einer extra eingerichteten Webseite sogar genaue Beschreibungen, woraus euer Apple-Produkt besteht. Das iPhone 12 Pro Max setzt zu 98% auf recycelte „Seltene Erden“ und zu 99% auf neu aufgearbeitetes Wolfram. Erstaunlich.

Das iPhone 12 Max macht schon vieles richtig. Doch der Weg zu nachhaltigen Smartphones ist noch lang. (Foto: Screenshot / Apple)

Ebenfalls gut sieht’s beim Thema Kunststoff aus. Samsung oder Apple verwenden recyceltes Plastik längst für Smartphone-Gehäuse, bei Sony entstand der Stoff Sorplas, der aus bis zu 99% recyceltem Material besteht.

Und Google? Bis 2025 soll die Hälfte aller Kunststoffe aus recycelten oder erneuerbaren Materialien bestehen. Schon jetzt kommen sie zum Einsatz, unter anderem beim Chromecast mit Google TV oder dem Pixel 5. Die Gehäuse bestehen zu 100% aus wiederverwerteten Stoffen.

Sorplas von Sony ermöglicht das Wiederverwenden von Kunststoff. (Foto: Sony)

Verwendung unbedenklicher Rohstoffe & Kontrolle von Lieferketten

Lässt sich etwas nicht ohne weiteres recyceln, muss die Herkunft der Ressourcen unproblematisch sein. Hier geben sich die Hersteller Fairphone und das hiesige Unternehmen Shift als Vorreiter und zeigen transparent, dass es nötig ist, Lieferketten und Rohstoffgewinnung zu hinterfragen. Sehr aufschlussreich ist in dem Zusammenhang zum Beispiel der Wirkungsbericht 2019 von Shift.

Das Shift Phone macht vieles anders und besser als manch großer Konzern. (Foto: Shift Phones)

Bei Samsung kommt ein spezielles Eco-Zertifizierungssystem zum Einsatz, durch das der Konzern die eigene Lieferkette mit 2500 Lieferanten überprüft, um so beispielsweise bedenkliche Partner auszuschließen.

Was mir bei der Recherche allerdings oftmals feststellte: Manche Firmen gehen unzureichend ins Detail oder verraten gar nicht, woher sie ihre Rohstoffe beziehen. Man könnte dagegen das offensive Kommunizieren bei Apple als „Greenwashing“ bezeichnen, aber kaum ein anderer konventioneller Elektronikkonzern prescht so aktiv vor. Und sammelt damit verdientermaßen Pluspunkte.

Reparierbarkeit: Auch das gehört zu nachhaltigen Smartphones

Vielleicht lässt sich hier und da ein Displayglas tauschen, doch wenn ein Kondensator auf der Platine des Smartphones kaputt ist, steht wahrscheinlich ein Neukauf an. Und es ist ohnehin ein Dilemma: Firmen möchten Produkte verkaufen, was letztlich damit kollidiert, wenn sich diese reparieren lassen und damit viel länger halten. Verklebte Akkus, schwer zu öffnende Gehäuse, fest verbaute und nicht einfach tauschbare Komponenten – das ist heutzutage die Regel, aber auch einem Wunsch der Kunden geschuldet: Alles muss möglichst kompakt, dünn und leicht sein. Das wirkt sich auch auf das Design der Produkte aus.

Das Fairphone lässt sich dank modularer Bauweise teils gut reparieren. (Foto: Fairphone)
Das Fairphone lässt sich dank modularer Bauweise teils gut reparieren. (Foto: Fairphone)

Andererseits ist eine deutliche Entwicklung zu erkennen. Eco-Design ist das Trendwort der Zukunft: Schon beim Entwerfen neuer Smartphones sollen Nachhaltigkeits-Ansätze einfließen, darunter neben dem Einsatz recycelter Stoffe auch Optionen zur leichteren Reparierbarkeit.

Wenn euch das unkomplizierte Reparieren eures Smartphones am Herzen liegt und ihr es möglichst viele Jahre nutzen wollt, sehe ich wieder eine Firma: Fairphone bietet Ersatzteile für die eigenen Telefone an. Dank modularer Bauweise könnt ihr nachträglich sogar bessere Kameras integrieren, indem ihr das vorhandene Kamera-Modul einfach ersetzt. Aber auch nahezu alle anderen Komponenten lassen sich von versierten Nutzern wechseln.

Auch Samsung, Apple, Sony oder Huawei bieten zumindest über Partner auch die Reparatur eigener Smartphones an. Denn nach wie vor ist das Reparieren meist günstiger als eine Neuanschaffung.

Regionale Fertigung: Nachhaltige Smartphones aus Deutschland?

Den Punkt könnten wir gleich überspringen, oder? Nicht ganz, denn es gibt sie – die Smartphones aus Deutschland. Kurze Lieferwege und Unterstützung regionaler Unternehmen führen im besten Fall zu einem niedrigeren ökologischen Fußabdruck und der Stützung der hiesigen Wirtschaft. Und: Arbeitsplätze hierzulande bleiben erhalten.

Ein Paradebeispiel dürfte Gigaset sein. Das Bocholter Unternehmen produziert an seinem Hauptstandort und setzt dort die eigenen Smartphones zusammen. Dass die Teile aus China kommen – logo! Daraus macht auch Shift aus Wabern-Falkenberg kein Geheimnis. Der kleine Betrieb achtet sehr auf faire Arbeitsbedingungen in der chinesischen Produktionsstätte. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang das Berliner Startup Carbon, das 2021 mit reichlich Verzögerung sein (etwas nachhaltigeres) Smartphone aus Karbon veröffentlichen möchte. Aber auch das lässt die Firma in China vom Fließband laufen.

Made in Germany ist Gigaset besonders wichtig. (Foto: Sven Wernicke)
Made in Germany ist Gigaset besonders wichtig. (Foto: Sven Wernicke)

Kartoffeln und Tomaten aus Deutschland sind kein Problem und aus ökologischen Gründen den oftmals günstigeren Alternativen aus Ägypten und Spanien zu bevorzugen. Bei Smartphones ist das nicht ganz so leicht, da es in Deutschland und Europa an geeigneten Fertigungsanlagen fehlt und die Produktion auch sehr viel kostspieliger wäre. Dennoch sehe ich Ansätze wie bei Gigaset als eine sehr positive Entwicklung, eben weil regionale Strukturen bestehen bleiben. Das hat auch einen positiven Einfluss auf die Umwelt.

Irgendwo muss man anfangen: Umweltfreundliche Verpackungen

Klar, die Nachfrage bestimmt das Angebot – es liegt also mit an uns Konsumenten, ob wir nachhaltige Smartphones wollen. So können wir am schnellsten ein Umdenken bei großen Konzernen einleiten, aber: So einfach ist das nicht. Denn die Strukturen bei den Herstellern sind komplex, Entwicklungen und Veränderungen dauern viele Jahre. Zum Beispiel, um qualitativ hochwertige Gehäuse aus recyceltem Plastik zu entwerfen.

Zertifizierte Pappe oder Graspapier - das ist schon ein Anfang. (Foto: Gigaset)
Zertifizierte Pappe oder Graspapier – das ist schon ein Anfang. (Foto: Gigaset)

Ich begrüße es daher schon, wenn Firmen beginnen dort anzusetzen, wo sie Ergebnisse schnell erzielen können. Das zeigt sich tatsächlich bei den Verpackungen für Smartphones. Gigaset versuchte es beispielsweise mit Pappe aus nachwachsenden Grasfasern aus der Region. Eine schöne Idee, die der Betrieb jetzt durch FSC-zertifizierte und leicht zu recycelnde Wellpappe ersetzte.

Samsung hat sich ebenfalls das Ziel gesetzt, die Packungen zu überarbeiten. Plastiktüten, in denen Netzteil, Telefon oder Kabel stecken, bestehen jetzt schon zum Teil aus Bio-Plastik aus Zuckerverbindungen. Die matten Netzteile kennen einige von euch sicherlich – durch die sparen sich die Koreaner eine zusätzliche Folie, die sonst vor Kratzern geschützt hätte.

Google, selbst ähnlich wie Apple seit einigen Jahren sehr intensiv damit beschäftigt, eigens auferlegte Nachhaltigkeitsziele umzusetzen, möchte bis 2025 komplett zu kunststofffreien und vollständig recycelbaren Verpackungen wechseln.

Noch ein langer Weg zu nachhaltigen Smartphones

Wünscht ihr euch ernsthaft ein zumindest nachhaltigeres Smartphone, das bei der Herstellung Mensch und Natur möglichst wenig bis gar nicht ausbeutet, lohnt sich ein Blick auf die Fairphones und Shift Phones. Beide Hersteller zeigen deutlich: Jungen Unternehmen fällt es leichter, von Anfang an nachhaltige Produkte zu konzipieren und zu verkaufen.

Und trotzdem: Die etablierten Smartphone-Giganten sind nicht untätig, auch weil sich der Markt ändert. Wir Käufer beeinflussen diesen mit unserem Konsumverhalten – und das ist auch gut so. Die „Big Player“ sind ebenfalls bemüht, perspektivisch vor allem auf Plastikmüll zu verzichten und kostbare Rohstoffe wiederzuverwenden. Den Strukturen solcher Unternehmen ist es zugleich zu „verdanken“, dass das alles ein paar Jahre dauert. Apple und Google geben Ziele bis 2025 und darüber hinaus an, vorher nimmt man sich die „leichteren Baustellen“ wie wiederverwendbare Kunststoffe, vernünftige Verpackungen und Recycling von zum Beispiel Aluminium vor. Und ja – das machen eigentlich nahezu alle Hersteller, die den westlichen Markt mit ihren Telefonen bedienen. Bei chinesischen Konzernen wie Huawei oder Xiaomi sehe ich dagegen noch großen Nachholebedarf.

Wer hätte das gedacht - der Chromecast mit Google TV besteht schon aus recyceltem Plastik. (Foto: Google)
Wer hätte das gedacht – der Chromecast mit Google TV besteht schon aus recyceltem Plastik. (Foto: Google)

Ein Tipp zum Schluss: Schaut vor dem Kauf, was ein Unternehmen für die Umwelt tut und woraus das Produkt eurer Begierde besteht. Persönlich halte ich Apple durchaus für einen Vorreiter unter den „Großen“, aber auch Samsung, Google, LG oder Sony engagieren sich. Klimaneutralität, reduzierter Ressourcenverbrauch, Energie aus Ökostrom, professionelles Recycling alter Smartphones – das ist längst und teils seit Jahren ein Thema.

Doch, und daran gibt es keinen Zweifel, überall ist noch viel Luft nach oben. Bis wir vollständig nachhaltige Smartphones in den Händen halten können, vergehen vermutlich noch ein paar Jahre. Und das liegt gar nicht mal am Unwillen der Firmen, sondern auch daran, dass das Umzusetzen in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung ist.

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