Meerkat: Erstaunlicher Hype um Hochkantvideo-App, den Twitter nicht zu schätzen weiß

Manchmal erscheint einem diese digitale Welt dann doch ein wenig verrückt, und das gleich mehrfach. Ihr neuester Hype ist nämlich eine App, mit der man Live-Videos direkt – und im Hochkantformat (!) – mit seinen Freunden teilen kann: Meerkat macht genau das, ist dabei nicht einmal der einziger Verfechter dieser zweifelhaften Kunst, die eigentlich längst als veraltet oder ungewünscht galt – und erlebt sogleich Schwierigkeiten, die so gar nicht nach der leichten, begeisternden Internetwelt klingen.

Aber der Reihe nach: Kaum mehr als zwei Wochen alt ist dieses Meerkat und doch schon der Star der jungen Webszene und auf dem Digital- und Kunstkongress SXSW (South by Southwest) im texanischen Austin. Meerkat, das steht für das possierliche Tierchen Meerkatze und dessen langem Hals. Hier ist das Aussehen Programm: Meerkat lässt den Nutzer Videos im Hochformat aufnehmen und diese live im Netz verbreiten. Die Freunde, oder wer immer einschalten mag, können während der Aufnahme kommentieren, dirigieren, irgendwie Einfluss auf das Video nehmen oder zumindest ihren Senf dazu geben. Das ganze ist gar nicht schlecht gemacht, die interaktiven Features machen Spaß.

Twitter: „Mal langsam mit den jungen Pferden“

Und die Frage, ob Hochkantvideos schön oder zeitgemäß sind, stellt sich erst einmal nicht. Wie fortschrittlich war es vor einigen Jahren, Kurznachrichten, die man mit Freunden teilt, auf 140 Zeichen zu begrenzen, wo doch so vieles eigentlich mehr Platz verlangt? Twitter war dennoch mit eben diesem Konzept erfolgreich. Anders sein, lautet seitdem das Credo für junge Startup-Gründer.

Erstaunlicherweise ist es jetzt aber eben dieses Twitter, das Meerkat einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Denn das junge Startup hatte seinen Anmeldeprozess auf dem Weg zu einer möglichst schnellen, möglichst weiten und möglichst einfachen Verbreitung an eben jenes Twitter gehängt. Twitter aber, einst selbst ein umtriebiges Startup, ist mittlerweile an der Börse, muss seine Anleger und Investoren zufrieden stellen und eben hartes Geld verdienen.

Twitter Egotrip

Seit einigen Jahren fährt man deswegen einen Egotrip: Andere Startups, die sich auf dem Rücken Twitters eingenistet haben, werden rausgeschmissen oder zumindest klar reguliert. Motto: Mit Twitter reich werden darf nur Twitter. Eigentlich logisch, hätte das nicht eine Wendung um 180 Grad zum ursprünglichen Unternehmensmotto bedeutet: Anfangs war Twitter noch auf Du und Du mit einem Ökosystem von anderen Startups und Clients, die auf Twitter zugriffen oder – anders herum – Twitter bekannter machten. Eine breite Schar von Freunden hilft einem, die Weltherrschaft zu erobern. Hat man sie dann in der Tasche, ist es aber mit so mancher Freundschaft wieder vorbei. Bei Twitter sieht es ähnlich aus.

Meerkat wollte auf der SXSW, die am vergangenen Freitag begann, so richtig groß herauskommen. Der Kurznachrichtendienst machte der Meerkatze aber noch am gleichen Tag einen Strich durch die Rechnung: Auf Twitter werden nicht mehr alle Follower benachrichtigt, wenn einer ihrer Freunde einen Livestream auf Meerkat startet. Erst wenn man sich selbst auf Meerkat registriert hat, sieht man, wenn ein Livestream startet. Twitter gab gegenüber Buzzfeed zu, diese Beschränkung eingeführt zu haben. Nutzer könnten sich aber nach wie vor via Twitter für Meerkat registrieren und würden dort über neue Livestreams informiert. Nur eben erst, wenn sie selbst ihren Twitter-Account mit Meerkat verbunden haben.

Konkurrent Periscope: Von Twitter gekauft

Konkurrent Periscope: Von Twitter gekauft

Warum Twitter sich so verhält? Vielleicht weil man in der vergangenen Woche selbst einen ganz ähnlichen Dienst namens Periscope gekauft hat und diesen nun ins eigene System integrieren will. Erst Anfang des Jahres hatte Twitter außerdem selbst in den USA einen Dienst mit Hochkantvideos gestartet. Die Skepsis gegenüber Meerkat ist deswegen klar: Man sieht die Meerkatze als Konkurrenz und will diese nicht noch stark machen.

Am Schluss stellt sich also nicht die Frage, was das alles soll, sondern wie erfolgreich das langfristig sein kann: Hochkantvideos sind nicht unbedingt beliebt oder besonders ästhetisch. Das Format könnte also als störend empfunden werden. Und auch die Möglichkeit, Live-Videos mit den Freunden über das Smartphone zu teilen, ist nicht neu. Zahlreiche andere Vertreter wie Viddy haben das in der Vergangenheit bereits versucht – und sind angesichts immer noch fehlender echter LTE-Flatrates gescheitert. Ist die Zeit nun reif für Live-Videostreams über das Smartphone? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch nur ein Hype, der nicht einmal an Streitigkeiten zwischen zwei Unternehmen scheitert oder der Ästhetik, sondern – wieder einmal – nur an der Technik.

Meerkat steht als App bislang nur für iOS-Systeme zur Verfügung. Für die Nutzung ist eine Registrierung via Twitter notwendig.

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