Manipulierte Facebook-Timeline: Aufregung um ein psychologisches Experiment im Social Network

Im Januar 2012 hat Facebook seine Timeline für fast 700.000 englischsprachige Nutzer eine Woche lang manipuliert: Die Probanden bekamen auf ihrer Startseite entweder nur positive Statusmeldungen ihrer Freunde zu lesen oder nur negative. Das Ergebnis der Studie machte vor vier Wochen die Runde. Der Aufschrei darüber fand mit einiger Verzögerung erst am vergangenen Wochenende statt. Warum jetzt?

Wissenschaftler der National Academy of Sciences hatten mit Facebook zusammengearbeitet, um herauszufinden, ob schlechte und gute Stimmung übertragbar ist. Das vielleicht wenig überraschende und doch interessante Ergebnis: Wer überwiegend positive Statusmeldungen seiner Freunde zu lesen bekommt, schreibt wahrscheinlicher ebenfalls etwas Positives. Wer eher düstere Nachrichten lesen muss, ist dazu geneigt, ebenfalls etwas Trauriges zu posten. Und wenn er eher unemotioniale Statusupdates zu lesen bekam, formulierte der jeweilige Proband eigene Meldungen auch eher sachlich. Quintessenz: Wir lassen uns also ziemlich leicht beeinflussen, von dem, was wir so lesen auf Facebook.

Kein Gespür für Nutzerinteressen

Eigentlich ein interessantes Experiment, das Facebook zusammen mit den Forschern hier durchgeführt hat. Pikiert waren die Nutzer trotzdem, als sie nun etwa auf The Atlantic oder The Verge lasen, dass sie heimlich an einem „Psychotest“ teilgenommen hatten. Wer lässt sich schon gerne als Versuchskaninchen missbrauchen? Und noch dazu von Facebook, dem berüchtigten Datensammler, der den Nutzern gerne einmal ohne deren Wissen neue Richtlinien unterjubelt! Beschwerden lasen sich am vergangenen Wochenende deswegen so, wie diese von Erin Kissane auf Twitter:

Der Aufruf, Facebook zusammen mit allen Familienmitgliedern zu verlassen oder zu kündigen, sollte man dort arbeiten – klingt etwas hart. Klar ist Facebook ein Datensammler, speichert Browserverläufe und selbst vom Nutzer gelöschte Daten noch nachträglich in den eigenen Serverfarmen. Aber wegen diesem eigentlich interessanten, zwei Jahre alten Experiment Facebook verlassen? Das klingt maßlos übertrieben.

Das Problem ist vermutlich eher, dass Facebook noch immer kein gutes Gespür für die Themen Datenschutz und Privatsphäre zu haben scheint. Alles aufzeichnen, mit Nutzerdaten Geld verdienen, sie nur schlecht darüber informieren, wenn man mal wieder die Richtlinien verändert hat. Und jetzt also: den Nutzer mal eben als Versuchskaninchen missbrauchen und ihn nicht einmal darüber informieren. Er erfährt erst Jahre später davon aus der Presse. Das war wieder einmal unbeholfen von Facebook in einer Zeit, in der das Thema Datenschutz für die Nutzer immer wichtiger wird.

Update: Einer der Beteiligten an der Studie hat inzwischen in einem Facebook-Post dazu Stellung genommen.

Bild: Dimitris Kalogeropoylos via Flickr unter Creative Commons-Lizenz BY SA 2.0

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