Verpasste Chance: Mobilfunkanbieter blicken Joyn skeptisch entgegen

„Wann hast du eigentlich deine letzte SMS geschrieben?“ – Eine Frage, mit der man Smartphone-Nutzer durchaus ins Grübeln bringen kann. Mit dem großen Erfolg der Instant-Messenger ließ die Beliebtheit der SMS nach. Wieso sollte man auch pro Nachricht bezahlen, wenn man über WhatsApp und Co. kostenlos Nachrichten versenden kann?

Die Mobilfunkanbieter reagierten und viele Verträge untersagten entweder die Nutzung von Instant-Messaging oder boten diese Dienste nur mit einer zusätzlichen Gebühr an. Den wenigsten Nutzern dürften diese Klauseln in ihren Verträgen bekannt sein, denn geahndet wurden Verstöße so gut wie nie.

OTT-Dienste (Over-The-Top) wie WhatsApp, Skype, Kik, ChatOn und wie sie alle heißen mögen, sind für die Mobilfunkanbieter nicht lukrativ. Hat man sich in der Vergangenheit mit den Kosten für mobiles Internet gegenseitig unterboten und Smartphones für wenig Geld zu Verträgen dazu gegeben, zahlt man jetzt den Preis – SMS lassen sich nicht mehr teuer verkaufen, die Marge bricht hier ein. Eine Lösung soll Joyn sein. Doch eine Umfrage von Mobilesquared im Auftrag von Tyntec unter 40 Mobilfunkunternehmen weltweit hat nur ein geringes Interesse an dem SMS- und MMS-Nachfolger ergeben. Eine Hiobsbotschaft.

Joyn hebt nicht ab

Joyn wurde als nächste Evolutionsstufe der SMS angepriesen. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen Nachrichtendienst, mit dem Chats, Gruppenchats, Video- und Sprachnachrichten möglich sind. Im Gegensatz zu WhatsApp sind die Verbindungen von Joyn dezentral und laufen nicht auf einen großen Server zusammen. Jeder Mobilfunkanbieter stellt basierend auf bestehende Mobilfunkstandards eine eigene Infratruktur bereit. Diese soll dann mit denen der anderen Mobilfunkanbieter verknüpft werden, damit Nachrichten auch netzübergreifend verschickt werden können.

„Sollen, Können“ – beschreibt genau das Problem von Joyn. In Deutschland gibt es derzeit nur zwei Mobilfunkanbieter, die Joyn unterstützen – Deutsche Telekom und Vodafone. Andere Anbieter warten entweder eine Entwicklung ab, bevor sie in Joyn investieren oder zeigten kein Interesse. Grund hierfür ist auch jener: Bei Joyn bezahlt man wie bei der SMS pro Nachricht oder pro Datei (Preis der Telekom 19 Cent pro Nachricht und 39 Cent pro Datei bis 20MB) – es sei denn man hat einen Datenvertrag, in dem diese Dienstleistung inklusive ist. Wieso aber bezahlen, wenn WhatsApp und andere Dienste dies alles bereits kostenlos beziehungsweise gegen eine kleine jährliche Gebühr anbieten und die meisten Freunde die App bereits benutzen?

Nicht besser und im schlimmsten Fall sogar teurer

Die Umfrage von Mobilesquared muss man mit ein wenig Vorsicht genießen. Auftraggeber Tyntec ist ein Dienstleister für eben genannte OTT-Dienste. Ganz am Ende ist Joyn noch nicht, nur wird man das Gefühl nicht los, dass hier Realität und Wunsch der TK-Anbieter weit auseinander klaffen und kaum jemand Joyn nutzt. Den Tenor der Studie, die Mobilfunker hätten den Glauben an Joyn verloren, kann man unterschreiben.

Die bisherigen Joyn-Unterstützer dürften dem Denkfehler erlegen sein, dass sich ein Dienst schon verkaufen lasse, wenn man ihn nur gut genug bewirbt. Joyn stellt, bis auf den Sicherheitsaspekt, durch das Fehlen eines zentralen Servers, im Vergleich zu WhatsApp, keinen praktischen Mehrwert dar. Man müsste eher versuchen, sich von den Anbietern der Instant-Messenger abzuheben, statt mehr oder weniger das gleiche anzubieten. Besser wäre es vielleicht sogar gewesen, mit OTT-Anbietern zusammen zu planen und zu arbeiten. Stattdessen versuchte man ein paralleles Angebot auf die Beine zu stellen, das für den Nutzer keinen Mehrwert zu den existierenden Diensten darstellt und im schlimmsten Fall sogar noch mehr Geld kostet.

Umsatzeinbußen lassen sich durch die Mobilfunkanbieter nur noch über die Dienste auffangen, die vom Nutzer wirklich gewünscht sind – das mobile Internet und Telefonie. Das lässt sich durch das langjährige Preisdumping jedoch nicht bewerkstelligen. Deswegen könnten die Preise hier in Zukunft sogar wieder anziehen. Joyn in der heutigen Form ist jedenfalls nicht der Weg zum Erfolg.

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Ein Kommentar zu “Verpasste Chance: Mobilfunkanbieter blicken Joyn skeptisch entgegen
  1. Mit iMessage und WhatsApp erreicht man im Prinzip jeden Smartphone-User. Wozu also für Joyn Geld ausgeben? Für mich derzeit total überflüssig. Würde erst Sinn machen, wenn die TK-Anbieter die Nutzung von WhatsApp & Co. einschränken, kostenpflichtig machen oder gar verbieten. Aber ich glaube, das trauen sie sich nicht. Siehe #drosselkom.

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