Google Tango erschafft eine Augmented Reality – besser als Pokémon Go

Im Project Tango entwickelt Google schon lange eine Technik zur Standortbestimmung in Gebäuden, die ohne GPS, WLAN und Bluetooth auskommt. Den Erfolg werden aber wohl erst Augmented-Reality-Apps bringen. Ein erstes Smartphone erscheint in Kürze.

Dass sich die Gamer für Pokémon Go nach draußen wagen, ist vielleicht doch nur ein Bug und kein Feature. Augmented Reality benötigt schließlich eine möglichst genaue Standortbestimmung, um ein Objekt (oder ein Pokémon) über das Bild der Smartphone-Kamera legen zu können. Im dunklen Kellerzimmer funktioniert das eben nicht so gut. Aber was wäre, wenn dort die Geister plötzlich unter dem Bett hervorgekrochen kämen? Dann würde wohl niemand mehr die vier Wände verlassen. Google hat die notwendige Technik im Projekt Tango entwickelt. Bald erscheint auch von Lenovo ein Smartphone, auf dem die ersten Tango-Spiele vorinstalliert sind – aber auch einige nützliche Anwendungen.

Im Tango-Smartphone steckt ein Tiefensensor

Aber zurück zum Ausgang: Google Tango zeigt keine zweidimensionale Karte auf dem Bildschirm, wenn man sich zum Beispiel durch einen Flughafen lotsen lässt, sondern ein dreidimensionales Abbild seiner direkten Umgebung – auf den Zentimeter genau und innerhalb weniger Sekunden aufgebaut. Das Smartphone ist dafür nicht auf externe Signale angwiesen wie bei der Standortbestimmung per GPS, WLAN oder Bluetooth. Das Gerät muss allerdings hoch gehalten werden, denn die Kamera ist das Auge, durch die die Welt erfasst und verstanden wird. Ein dreidimensionales Abbild entsteht jedoch erst, wenn man sich selbst bewegt.

Das Smartphone muss dafür über einen Tiefensensor verfügen, der Lichtimpulse aussendet und für jeden Bildpunkt die Zeit misst, die das Licht für den Weg hin und zurück benötigt. Auf diese Weise wird dann eine Karte des Raums gezeichnet – einschließlich der sich darin bewegenden Objekte. Das soll auch an Plätzen funktionieren, an denen viele Menschen an einem vorbeiziehen. Orte, an denen man früher schon einmal war, werden wiedererkannt. Außerhalb von Gebäuden funktioniert diese Methode allerdings noch nicht so gut, da dort auch Infrarotwellen anderen Ursprungs empfangen werden.

Geister, die unter dem Bett hervorgekrochen kommen

Google Tango ermöglicht völlig neue Anwendungen. Objekte auf den Zentimeter zu vermessen, die vor einem stehen, ist zwar nützlich, aber noch unspektakulär. Die Stärke der neuen Technik zeigt sich erst bei Anwendungen mit Augmented Reality: In das Abbild der realen Welt lassen sich weitere Objekte einblenden. Im eigenen Wohnzimmer kann der Sessel aus dem Onlineshop verrückt werden, bis er tatsächlich in die Lücke passt. Notfalls wird auf dem Display auch das gesamte Mobiliar umgestellt. Bei einer weiteren schon existierenden App können Dinosaurier ins eigene Heim geholt werden, um sie von allen Seiten zu betrachten. Im archäologischen Museum lässt sich auf dem Bildschirm auch das Innere ein Sarkophargs erkunden, der vor einem geschlossen steht.

Google hat die Tango-Technik jedoch nicht als ein Hilfsmittel für Augmented Reality entwickelt, sondern für eine bessere Navigation innerhalb großer Gebäude – wo keine GPS-Signale empfangen werden können. Sie soll es ermöglichen, im Shoppingcenter oder im Flughafen zum richtigen Shop oder Schalter zu gelangen. Dafür wird dann auf dem Boden eine blaue Linie angeblendet, der sich einfach folgen lässt. Zusätzlich können noch Zusatzinformationen wie Flug- oder Verspätungszeiten eingeblendet werden. Oder Erinnerungen, Geschenke mitzubringen. Andere Techniken, die sich bereits an der Lösung dieses Problems versucht haben, scheinen im Vergleich umständlicher. Sowohl bei der Bluetooth-Beacon-Technik also auch bei Wifi Aware werden zahlreiche Funksender im Gebäude benötigt, die dicht gestaffelt sind. Google Tango kommt ohne aus.

Lenovo Phab2 Pro schon bald erhältlich

Das oben erwähnte Spiel, in dem die Geister unter dem Bett hervorgekrochen kommen, gibt es tatsächlich: Bei Phantogeist hockt aber kein Pockémon in der Gegend herum und wartet auf die Spieler, der Geist versteckt sich hinter der Tür oder unter dem Bett und kommt langsam, aber sicher hervor. Je näher er kommt, desto größer erscheint er auch. Bewegungen zu erfassen und abzubilden ist ein wesentliches Element von Google Tango.

Wird Google Tango nun das nächste große Ding? Ein zusätzlicher Tiefensensor am Smartphone und eine Zollstock-App hört sich noch nicht danach an. Für den aktuellen Hype um Pokémon Go musste auch keine neue Hardware erfunden werden, sondern bloß eine gut gemachte App. Weitere Augmented-Reality-Apps werden bestimmt folgen. Diese können aber nur besser werden, wenn die Welt nicht bloß als zweidimensionales Bild, sondern als dreidimensionaler Raum erfasst werden. Und mit etwas mehr Raumverständnis wird es vielleicht auch interessanter, sich von Siri oder einem anderen AI-Agenten durch den Raum lotsen zu lassen.

Mit dem Lenovo Phab2 Pro soll in Kürze das erste Android-Phablet mit Tango-Technik für 499 Dollar erscheinen. Das Gerät verfügt über ein 6,4 Zoll großes Display mit der QHD-Auflösung von 1.440 x 2.560 Bildpunkten. Um die Umgebung zu erfassen, hat es auf der Rückseite zusätzlich zur 16-Megapixel-Kamera einen Infrarot-Tiefensensor, eine Fischaugen-Kamera, um ein möglichst großen Winkel zu erfassen, sowie eine Bewegungstracker. Zum Verkaufsstart sollen sich 50 Apps im Google Play Store befinden, die die Tango-Technik nutzen können.

Beitragsbild: Screenshot von YouTube

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