Facebook übernimmt WhatsApp für 19 Milliarden US-Dollar – alle Fakten

Es ist die Sensationsmeldung des noch jungen Jahres: Facebook hat gestern Nacht den beliebten Messaging-Dienst WhatsApp für 19 Milliarden US-Dollar (13,8 Milliarden Euro) übernommen. Die Summe klingt astronomisch, doch viele Beobachter halten sie dennoch für angemessen. Was verspricht sich Facebook davon, was wird sich für die Nutzer ändern? Was rechtfertigt diese Summe? Wir haben alle Fakten zusammengetragen.

Was zahlt Facebook für WhatsApp?

4 Milliarden US-Dollar überweist Facebook in bar an die Zentrale von WhatsApp, weitere 12 Milliarden US-Dollar werden in Facebook-Aktien ausbezahlt. Die Kaufsumme beläuft sich auf 16 Milliarden US-Dollar, was umgerechnet etwa 11,6 Milliarden Euro entspricht. Facebook zahlt also etwa sechzehn Mal so viel für WhatsApp, wie man damals für die Fotocommunity Instagram überwiesen hatte – damals schon eine Summe, die vielen Beobachtern astronomisch anmutete. Übrigens: Weitere 3 Milliarden Dollar gehen an die WhatsApp-Mitarbeiter, von denen nun ein Großteil Millionär wird.

Was rechtfertigt diese gigantische Summe?

WhatsApp hat weltweit rund 450 Millionen aktive monatliche Nutzer und ist damit eins der größten mobilen Social Networks. In Deutschland hat WhatsApp über 30 Millionen Nutzer und damit mittlerweile Facebook als meist genutztes Social Network abgelöst. Für viele Menschen ist WhatsApp, der Dienst eines einzelnen Unternehmens also, der legitime Nachfolger der beliebten SMS. Und: Zumindest einige Milliönchen im Jahr nimmt WhatsApp ein. Nicht über Werbung – die App ist werbefrei – sondern über eine geringe jährliche Zahlung in Höhe von 89 Euro-Cent, die sich allerdings relativ leicht umgehen lässt.

Wer steht hinter WhatsApp?

WhatsApp wurde 2009 von den beiden ehemaligen Yahoo-Mitarbeitern Jan Koum und Brian Acton gegründet. Für Koum ist es die klassische Vom-Tellerwäscher-zum-Milliardär-Geschichte: Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Dorf in der Ukraine auf und emigrierte als Teenager mit seiner Mutter in die USA. Und auch Actons Geschichte sorgt derzeit im Netz für Erheiterung: Nach seinem Ausstieg bei Yahoo versuchte er zunächst bei Twitter anzuheuern, dann bei Facebook, wo er jeweils abgelehnt wurde. Danach gründete er mit Koum WhatsApp und arbeitet nun also doch noch für Facebook – für ein paar Milliarden mehr, als er sonst jemals bekommen hätte.

Wie groß ist WhatsApp und wo sitzt das Unternehmen eigentlich?

WhatsApp ist ein kleines Unternehmen mit einem hohen Automatisierungsgrad. Die beiden Gründer traten in den Medien bisher kaum in Erscheinung und gaben kaum Geld für Marketing aus. WhatsApps hohe Verbreitung ist fast ausschließlich auf gute Presse und eine erfolgreiche Mundpropaganda zufriedener Nutzer zurückzuführen. Obwohl der Dienst fast eine halbe Milliarde Nutzer zählt, hat WhatsApp derzeit nur gut 50 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Mountain View im Silicon Valley südlich von San Francisco. Facebooks Stammsitz in Menlo Park ist nur wenige Kilometer entfernt.

Was ändert sich für die Nutzer?

Laut dem offiziellen Blogpost, mit dem WhatsApp die Übernahme verkündet, offiziell: nichts. Der Messenger solle unabhängig bleiben. Kurzfristig könnte das tatsächlich stimmen. Auch den übernommenen Fotoclient Instagram hat Facebook bislang nahezu unangetastet gelassen. Auf lange Sicht ist dennoch damit zu rechnen, dass Facebook Synergien nutzen will und WhatsApp in sein Social Network integrieren könnte. Auch dass sich WhatsApp irgendwann über Werbung finanzieren wird, ist nicht ausgeschlossen – das wäre es allerdings auch bei einem selbstständigen WhatsApp nicht gewesen.

Ist es nun Zeit für die Flucht?

Hier muss jeder für sich entscheiden, wem er mehr traut. Facebook ist nicht gerade als Datenschutzwunder bekannt geworden. Das Unternehmen liest die Nachrichten des Messengers über seine Algorithmen mit und wird Pläne in der Schublade liegen haben, um Chatnachrichten für diskrete Werbung zu nutzen. Weil die Nachrichten nicht verschlüsselt sind, dürften auch staatliche Geheimdienste wie NSA und GCHQ längst ihre helle Freude daran haben. Man sollte sich allerdings nicht der Illusion hingeben, dass das bei WhatsApp jemals anders gewesen wäre. Die Verschlüsselung, die der Dienst erst seit einigen Monaten einsetzt, ist relativ lax und sollte für kriminelle Elemente mit dem nötigen Rüstzeug kein großes Hindernis darstellen. Zusätzlich speichert WhatsApp ebenso eifrig wie Facebook die Daten der Nutzer und darüber hinaus Adressbücher auf seinen Servern.

Trotzdem: Welche Alternativen gibt es?

Im Schatten von WhatsApp hat sich der etwas kleinere Messenger Kik eine Nische von (nach eigenen Angaben) 100 Millionen Nutzern erobert. Der japanische Dienst Line, der WhatsApp stark ähnelt, verfügt nach offiziellen Aussagen gar über 360 Millionen Nutzer. Natürlich gibt es zahlreiche weitere Dienste wie die mobilen Versionen der altbekannten Yahoo oder MSN Messenger, ferner den Fast Messenger oder Hike Messenger – und natürlich Facebooks eigener Messenger, der mit Google Hangouts konkurriert. Teenies schwören angeblich auf den Kurznachrichtendienst SnapChat, bei dem Nachrichten sich nach wenigen Sekunden in Luft auflösen. Sicherer als WhatsApp ist allerdings kaum einer dieser Dienste. Was dieses Thema anbelangt, hat sich der Schweizer Dienst Threema mit einem Fokus auf Verschlüsselung empfohlen und ist zu einer Art Geheimtipp aufgestiegen.

Was wird nun aus dem Facebook Messenger? Werden beide Dienste zusammengelegt?

In den kommenden Jahren ist nicht damit zu rechnen. Facebook arbeitet allerdings genauso wie WhatsApp daran, die Kommunikation eines Smartphones zu übernehmen. Der Facebook Messenger bietet sich auf einem Smartphone etwa als kostenlose Alternative an, wenn er erkennt, dass der Benutzer einem Bekannten eine SMS schicken möchte, der auch auf Facebook ist. Sowohl WhatsApp als auch Facebook arbeiten mit ihren Messengern aktiv an der Ablösung der SMS. Bislang sind beide Dienste allerdings so unterschiedlich, dass eine Zusammenlegung kaum praktikabel erscheint.

Alles in allem also: Ist die Übernahme sinnvoll?

Facebook hat sich einen der begehrtesten Dienste im Telekommunikationssektor gesichert, das steht fest. Ob der Preis, 19 Milliarden Dollar, dafür zu hoch ist, müssen Wirtschaftsexperten beurteilen. Irgendwann allerdings, das dürfte sicher sein, wird das Unternehmen versuchen müssen, dieses Geld wieder einzunehmen und WhatsApp zu refinanzieren. Und es ist unwahrscheinlich, dass dies alleine über eine Mischkalkulation geschehen kann. Für WhatsApp könnte also eine höhere Jahresgebühr fällig werden, die sich zudem nicht mehr umgehen lässt, die Finanzierung über Werbung oder, auch möglich, den Verkauf anonymisierter Daten an Werbungtreibende.

Dies dürfte allerdings erst nach einer ausgedehnten Schonfrist geschehen, und die Nutzer haben dann immer noch die Möglichkeit zu wechseln. Und wer weiß: Vielleicht ist in dieser schnelllebigen Zeit in drei Jahren schon ein ganz anderer Dienst gefragt. In Zeiten, in denen Datenschutz und Privatsphäre zunehmend gefragter werden, ist es gar nicht eimal ausgeschlossen, dass WhatsApp schon bald die Nutzer davonlaufen könnten. Bis dahin aber wollen wir Koum und Acton ihren verdienten Triumph gönnen – und weiterhin ungläubig den Kopf schütteln: Neunzehn Milliarden Dollar, das wird so schnell niemand toppen können.

Wie gefällt Dir dieser Beitrag?
Bewertung wird geladen …
Nichts mehr verpassen!

Bleib immer auf dem neuesten Stand mit unserem Newsletter! Täglich um 17:00 Uhr frisch in deinem Postfach.

Newsletter abonnierenRSS-Feed abonnieren
Schreibe einen Kommentar

Hinterlasse hier deinen persönlichen Kommentar. Wir freuen uns über deine Meinung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*