Kommentar zur Netzneutralität: Für euch wird’s jetzt etwas teurer – freut euch darüber!

Die Europäische Union hat gestern Abend neue Richtlinien erlassen, um die Netzneutralität massiv zu stärken. Telekom und Co. werden das mit Unmut sehen und könnten es in Form höherer Preise oder Datenbeschränkungen an euch auslassen. Eine gute Nachricht ist das für euch trotzdem.

Eigentlich war das ja ganz chic, was die Telekom da angeboten hatte: Wer sich unterwegs Musik vom Streaming-Pionier Spotify herunterlud, musste nicht auf sein Datenlimit schielen. Die Telekom rechnete in einem besonderen Tarif Spotify-Daten nicht an. Chic vielleicht und für Spotify-Kunden praktisch, aber dieser Tarif war eines nicht: neutral. Die Telekom gab hier einem Service den Vorzug. Die Spotify-Konkurrenten von Deezer über Tidal bis Apple Music hatten das Nachsehen.

Ein Netz nur für reiche Dienste?

Und das war der Anfang einer unguten Entwicklung, die Netzaktivisten kritisierten. Denn Telekom und Co. wollten noch deutlich mehr: Sonderpakete für YouTube oder Twitch vielleicht. Wenn du unbegrenzt Netflix-Serien streamen möchtest, zahle 10 Euro mehr im Monat. Wenn deine YouTube-Videos ruckelfrei bei dir ankommen sollen, leg noch 3 Euro obendrauf und so weiter.

Für milliardenschwere Unternehmen aus dem Silicon Valley dürfte es an sich kein Problem sein, sich mit Telekommunikationsanbietern zu einigen, vielleicht sogar etwas Geld für eine bevorzugte Behandlung auf den Tresen zu legen. Aber genau das widerstrebt dem Gedanken eines freien Internet. Es lebt davon, dass jederzeit neue Dienste entstehen können. Startups mit einer guten Idee aber ohne viel Geld können die Welt nur bereichern, wenn sie die gleichen Chancen haben wie die Facebooks, Googles und Microsofts dieser Welt.

Vielleicht hätte es YouTube nie gegeben

Man stelle sich nur vor, bereits zu Zeiten des ersten Dotcombooms zur Jahrtausendwende hätte es solche Absprachen und Zahlungen zwischen den Yahoos, AltaVistas, Vodafones und Telekoms der damaligen Zeit schon gegeben. Neue Dienste wie Google, Facebook und vor allem das datenschwere YouTube hätten wohl nie das Geld gehabt, sich mit AT&T, Vodafone oder der Telekom auf eine Sonderbehandlung zu einigen. Das Netz wäre heute nicht das, was es ist.

Dass der europäische Regulierer BEREC in seinen neuen Richtlinien die Netzneutralität nun stärkt und Sonderdiensten eine Absage erteilt, ist eigentlich eine Sensationsmeldung. Gemessen daran, wie stark Telekom und einige andere Telcos zuletzt noch Stimmung gegen die Netzneutralität gemacht haben, kommen die strengen Richtlinien der BEREC beinahe überraschend. Netzaktivisten quer durch Europa zumindest jubeln – zu Recht. Eine weitere Aufweichung der Netzneutralität und ein Freibrief für Spezialdienste wäre eine Katastrophe gewesen.

Drei Dinge werden nun voraussichtlich passieren:

  1. Euren Providern wird es nach wie vor gut gehen. Denn die Eigenaussagen, dass sie praktisch am Hungertuch nagen und ohne Aufweichung der Netzneutralität keine sichere Zukunftsperspektive haben, sind Quatsch. Der Hunger nach immer mehr Daten und noch stärkeren Netzen ist bei den Verbrauchern da und die Telcos verdienen weiterhin gutes Geld damit.
  2. Eure Provider werden monieren und versuchen ihre Marge anderswo hereinzuholen. Das wird entweder über höhere Preise für Datenvolumina oder höhere Geschwindigkeiten passieren oder über personalisiertere Werbung an euch. Möglich wird das etwas durch die Weitergabe eurer Mobilfunknummer von WhatsApp an Facebook und von dort an die Werbeindustrie. Lest dazu auch unseren Beitrag über den Wortbruch von WhatsApp und den ausbleibenden Aufschrei.
  3. Kopplungen von Diensten wie Spotify an Telekom-Tarife sind mit den Richtlinien nicht mehr vereinbar. Zwar hat die Telekom diesen Dienst aus Kostengründen ohnehin vor geraumer Zeit eingestellt. Es ist jetzt jedoch unwahrscheinlich, dass euch derartige Pakete noch einmal angeboten werden. Ihr werdet also mittelfristig umplanen oder für ein höheres Datenvolumen ein wenig tiefer in die Tasche greifen müssen. Aber seid unbesorgt: Die Preise kommen derzeit ins Rutschen. Es wird also nur ein kleiner Obolus sein, den ihr zahlen müsst, um die Netzneutralität zu erhalten. Der ist es wert.

Lasst euch nichts vormachen: Das Netz hat hier einen Sieg davon getragen, der kaum noch für möglich gehalten wurde. Was war nochmal so schlecht an der EU?

Beitragsbild: SaveTheInternet/Julia Reda

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2 Kommentare zu “Kommentar zur Netzneutralität: Für euch wird’s jetzt etwas teurer – freut euch darüber!
  1. Es ist ein Witz, dass die Mobilfunker mit 150 und 300 Mbit/s im Download werben, im ICE aber auf vielen Strecken gar nichts mehr geht. Davon einmal abgesehen, dass die in normalen Tarifen enthaltenen Datenvolumen bei Höchstgeschwindigkeit innerhalb weniger Minuten aufgebraucht wären.

    Es ist auch ein Witz, dass DSL-Anschlüsse mit 50 und 100 Mbit/s beworben werden, mein Anbieter es aber nicht schafft, sein 8-Mbit/s-Versprechen einzuhalten (ich weiß, im Vertrag heißt es „bis zu“). Da fährt mehrmals am Tag der Datenverkehr auf effektiv 0 Mbit/s herunter. Verbindungsabbruch mit Neu-Synchronisierung auch nicht so selten.

    Eine hunterprozentige Netzneutralität ist mir gar nicht so wichtig, aber der Internetzugang ist Teil der Infrastruktur – und die muss einfach funktionieren.

    Ob dann jemand im VW oder im Porsche auf der Datenautobahn unterwegs ist, ist seine Sache, solange jeder unter vernünftigen Bedingungen an sein Ziel gelangt. Eine garantierte Mindestqualität fänd ich gut: eine Mindestdatengeschwindigkeit für jeden Teilnehmer (im Mobilfunk gar nicht so einfach) und eine Verfügbarkeit von über 99,9 Prozent. Ansonsten Geld zurück.

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